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Ghosting, Schweigen, Depublizieren: Wie die Angst vor Reibung unseren Diskurs lähmt

Redaktionen schweigen, Projekte versickern: Ghosting ist im Kulturbetrieb zur Norm geworden. Unbequeme Stimmen werden nicht mehr abgelehnt, sondern ignoriert.

Andreas Lechner
6 Min
Die Angst vor Reibung wird im medialen Diskurs immer stärker wahrnehmbar.

Die Angst vor Reibung wird im medialen Diskurs immer stärker wahrnehmbar.

© Andris Romanovskis/unsplash

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Ghosting galt früher als unhöflich. Ein Zeichen von Bequemlichkeit oder Unsicherheit – nicht professionell, aber selten bewusst strategisch. Heute ist das anders. In der Kultur- und Medienbranche hat sich das Schweigen zum System entwickelt. Wer ein gesellschaftspolitisch sensibles Thema anspricht, wer Widerspruch sucht oder unbequeme Perspektiven sichtbar machen will, trifft immer häufiger auf eine stille Mauer. Keine Absage. Kein Feedback. Keine Antwort. Ghosting ist längst mehr als ein digitales Beziehungsphänomen: Es ist Ausdruck einer tiefen Angst vor Reibung.

Gerade dort, wo Kultur als Raum gesellschaftlicher Reflexion verstanden wird, offenbart sich dieses kommunikative Verschwinden besonders schmerzhaft. Kulturveranstalter:innen, Stiftungen, Redaktionen reagieren nicht – nicht, weil sie nichts zu sagen hätten, sondern weil sie nichts sagen wollen. Zu groß ist die Angst, falsch zu liegen, angegriffen zu werden oder vereinnahmt zu wirken. Statt Auseinandersetzung herrscht Abwesenheit. Statt Haltung: Vorsicht.

Ein aktuelles Beispiel ist der Nahostkonflikt. Die Polarisierung zwischen propalästinensischen und proisraelischen Positionen lähmt nicht nur die öffentliche Debatte, sondern auch den Kulturbetrieb. Wer zur Geschichte des Zionismus arbeiten will oder palästinensische Perspektiven einbringt, gerät schnell unter Generalverdacht, egal, wie differenziert der Zugang ist. Kulturinstitutionen ziehen sich zurück, Stiftungen lavieren, Förderentscheidungen bleiben aus. Was bleibt, ist das Schweigen. Und mit ihm: der Verlust demokratischer Auseinandersetzung.

Am Umgang mit dem Nahostkonflikt ist das Phänomen des Ghosting beispielhaft zu sehen.

Am Umgang mit dem Nahostkonflikt ist das Phänomen des Ghosting beispielhaft zu sehen.

© Manuel Genolet/dpa

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Eklatante Rückzüge: Medien, Verlage, Sender

Besonders eklatant wird das, wenn Fernsehsender, Redaktionen oder große Verlage auf Anfragen von Autor:innen, Moderator:innen oder Kulturschaffenden gar nicht mehr reagieren. Formate, die zuvor im Entstehen waren, werden plötzlich zurückgezogen, Interviews nicht gesendet, Lesungen abgesagt – ohne Begründung. Selbst interne Fürsprecher:innen wirken ratlos oder ziehen sich wortlos zurück. Ghosting hat auch in den vermeintlich diskursoffenen Feuilletons Einzug gehalten. Was früher mit klarem„Ja“ oder „Nein“ entschieden wurde, wird heute einfach ignoriert.

Dieser Zustand ist nicht nur unprofessionell, sondern auch gefährlich: Wenn die Kanäle des Diskurses sich schließen, bleibt nur noch die Echokammer. Die Verunsicherung betrifft selbst etablierte Autor:innen, Journalist:innen, Künstler:innen. Wer eine klare Haltung einnimmt, und sei sie noch so differenziert, läuft Gefahr, aus dem Betrieb gedrängt zu werden. Nicht durch offene Ablehnung, sondern durch kommunikative Auslöschung. Anfragen versickern. Manuskripte bleiben ohne Rückmeldung. Projekte werden intern als „problematisch“ abgestempelt, ohne dass dies jemals offen zur Sprache kommt. Und allzu oft sind es marginalisierte, migrantische, jüdische oder postkoloniale Stimmen, die unter dieser unsichtbaren Vermeidungslogik verschwinden.

Auch die Medien folgen dieser Strategie. Die Depublizierung der Kolumne von Maxim Biller in der Zeit zeigt, wie selbst etablierte Häuser in vorauseilender Vorsicht agieren. Nicht der Streit steht im Mittelpunkt, sondern die Angst vor seinen Folgen. Aus Reibung wird Rückzug. Aus Meinungsvielfalt: Stillstand.

Zudem leidet der öffentlich-rechtliche Rundfunk unter aufgeblähten Strukturen und langen, undurchsichtigen Entscheidungsketten. Verantwortung diffundiert, und kritische Inhalte werden in endlosen Gremienprozessen entweder entschärft oder ganz fallen gelassen. Hinter dem oft zitierten „redaktionellen Prozess“ verbirgt sich häufig ein strategisches Weglassen. Nepotismus und intransparente Vergabestrukturen machen das System zudem resistent gegenüber Kritik und erschweren den Zugang für neue oder unbequeme Stimmen.

Erinnerung als Pflichttermin?

Gedenkveranstaltungen in Deutschland finden fast ausschließlich zu festen Terminen statt: 27. Januar, 8. Mai, 9. November. Diese Daten haben ihre historische Berechtigung, doch sie reichen nicht. Eine Erinnerungskultur, die sich auf symbolische Kalenderpunkte beschränkt, wird zur Geste und verliert an Wirksamkeit, weil sie nicht mit der Gegenwart verknüpft ist.

Kritische Erinnerung braucht mehr: Sichtbarkeit jenseits des Rituals. Mut zur Differenz. Und den Willen, historische Verantwortung auch dann zu thematisieren, wenn aktuelle Konflikte mitschwingen. Genau daran aber fehlt es. Die Eskalation in Israel und Palästina hat viele Kulturakteur:innen in Schockstarre versetzt. Wer jetzt über Schoah-Gedenken, Antisemitismus, Kolonialgeschichte oder palästinensische Erfahrungen sprechen will, läuft Gefahr, als „parteiisch“ zu gelten.

Diese Zuschreibungen blockieren den Diskurs. Sie verhindern Formate, die Ambivalenzen aushalten könnten. Statt komplexe Erinnerung zu ermöglichen, dominiert die Angst vor Missverständnissen oder vor dem Verlust institutioneller Sicherheit. Erinnerung wird zur PR-tauglichen Haltung, nicht zum Raum des Nachdenkens. Und das ist gefährlich. Denn Erinnerungskultur darf nie unpolitisch sein – aber sie muss offen bleiben für Vielschichtigkeit, auch für das, was nicht sofort zustimmungsfähig ist.

Ein Text von Maxim Biller wurde kürzlich von der Zeit depubliziert.

Ein Text von Maxim Biller wurde kürzlich von der Zeit depubliziert.

© Swen Pförtner/dpa

Institutionalisierte Unsichtbarkeit

Ghosting ist selten böse gemeint. Es ist Ausdruck einer tiefen strukturellen Scheu vor dem Unfertigen, dem Sperrigen, dem Uneindeutigen. Statt offen zu sprechen, wird ausgesessen. Statt sich zu positionieren, wird moderiert. Die Prozesse sind oft gut gemeint, aber folgenlos. Zwischen Projektideen und Entscheidungsgremien liegt ein Dschungel aus E-Mails, Vorgesprächen, unklaren Kriterien und vagen Zuständigkeiten.

So entsteht eine neue Form der Exklusion: nicht durch Verbot, sondern durch Unverbindlichkeit. Besonders betroffen sind freie Initiativen, zivilgesellschaftliche Projekte, migrantische Kulturarbeit. Sie passen nicht immer in die Raster etablierter Förderung – und scheitern deshalb nicht an ihrer Qualität, sondern an der stillen Ablehnung durch Intransparenz. Ghosting wird so zur institutionellen Praxis und mit ihr die Ausblendung dessen, was nicht glatt ist.

Wer schweigt, entscheidet mit

Das Schweigen ist keine neutrale Geste. Es trifft Entscheidungen, indem es keine trifft. Es verhindert, was möglich wäre – und lässt zurück, wer Widerspruch wagt. In einer Zeit wachsender gesellschaftlicher Spaltungen, zunehmenden Antisemitismus, antimuslimischen Rassismus und autoritärer Strömungen ist diese Kommunikationsverweigerung fatal. Sie entzieht der Demokratie ihren Resonanzraum. Und sie untergräbt das, was Kultur sein könnte: ein Ort des Streits, des Aushaltens, des Neudenkens.

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Was es jetzt braucht, ist Mut zur Verbindlichkeit. Das bedeutet nicht, allem zuzustimmen, sondern ehrlich zu sagen, was geht und was nicht. Es bedeutet, Projekte auch dann zu fördern, wenn sie unbequem sind. Und es heißt, auch jenen zuzuhören, die nicht in institutionellen Bahnen arbeiten. Denn wer nicht antwortet, übernimmt trotzdem Verantwortung. Nur eben für das Wegsehen.

Kultur, Medien, Zivilgesellschaft, sie alle müssen sich entscheiden, auf welcher Seite sie stehen wollen: auf der des kontrollierten Schweigens oder der des streitbaren Dialogs. Schweigen ist bequemer. Aber es ist nicht harmlos.

Andreas Lechner ist Autor, Regisseur, Produzent, Komponist und Schauspieler. Bekannt durch Auftritte mit seiner Musikkabarettgruppe Guglhupfa u.a. mit Dieter Hildebrandt. Der vielseitige Kulturschaffende erhielt Aufträge als Librettist und Komponist im Rahmen der Münchner Biennale für zeitgenössisches Musiktheater. 2019 erschien sein Roman „Heimatgold“ im Münchner Volk-Verlag. Er betreibt in Berlin die Galerie & Bar Tor218Artlab. Er ist Initiator der Veranstaltungsreihe zum Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust.

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