Was bedeutet Glück? Heißt das, dass man ganz viel Geld hat? Oder gesund ist? Immer lacht? Vermutlich von allem etwas plus gutes Wetter, dazu einen schönen Job, ausreichend Schlaf, viele Freunde, brave Kinder, aber auch ganz viel Freizeit mit aufregendem Sex, spannenden Hobbys, tollen Unternehmungen und langen Urlauben.
Glück sei „etwas, was Ergebnis des Zusammentreffens besonders günstiger Umstände ist; besonders günstiger Zufall, günstige Fügung des Schicksals“, definiert der Duden. Auf die Frage „Was ist Glück?“ spuckt Google 136 Millionen Treffer aus, darunter unzählige Buchtipps.
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Und auf Wikipedia steht: „Glück ist ein mehrdeutiger Begriff, der momentane oder auch anhaltende positive Empfindungen (Glücksgefühle) einschließt, die von stiller bis überschießender Art sein können. Glücklich kann man zudem eine Person nennen, der es anhaltend gut geht, weil ihr Leben viel von dem enthält, was sie als wichtig erachtet. Im Sinne des glücklichen Zufalls steht Glück für eine günstige Fügung beziehungsweise für eine positive Schicksalswendung.“
Letzten Endes ist Glück aber auch eine Einstellungs- und Deutungssache, wie der Potsdamer Sozialwissenschaftler, Philosoph und Strategieberater Bernhard von Mutius sagt. Er nennt das Lebenskunst, wie er in seinem aktuellen Buch erklärt.* „Bildlich gesprochen sind Glück und Lebenskunst nicht das Licht am Ende eines Tunnels, sondern das Licht im Tunnel, die Kraft, die aus einem selbst kommt“, so der Autor.
Doch gerade in Krisenzeiten wie diesen ist es schwer, positiv in die Zukunft zu blicken. Und wer nicht weiß, wie er die nächste Stromrechnung bezahlen soll, kann kaum Glück empfinden. Die Widrigkeiten des Alltags und die Schrecken des Weltgeschehens machen es uns oft schwer, trotzdem auch das Schöne zu sehen und zu fühlen. „Dabei kann man das lernen“, erklärt Bernhard von Mutius.
Wie wird man glücklich?
In einem alten Lied heißt es: „Froh zu sein bedarf es wenig. Und wer froh ist, der ist König!“ – Der Kanon aus dem 19. Jahrhundert umschreibt aus Sicht des Experten die Grundidee der Lebenskunst recht gut: „Man sollte sich von dem Gedanken des ‚immer mehr‘ und ‚immer besser‘ lösen und stattdessen lieber auf das schauen, was man hat, was gut läuft, wofür man dankbar sein kann.“
Indem man auf das Gute blickt und – ohne unkritisch zu sein – lebensbejahend durchs Leben geht, kann man erreichen, dass man sich glücklich fühlt. Das heißt nicht, dass es nicht auch schlechte Tage und Ereignisse geben kann, dass man nie schlechte Laune hat und sich über irgendetwas oder irgendwen ärgert – die Grundstimmung kann dennoch glücklich sein.
Ein Beispiel aus der Forschung: „Man hat einmal zwei Versuchsgruppen von Menschen die gleiche Geschichte erzählt, allerdings mit dem Unterschied, dass in der einen Version vermehrt Worte wie ‚alt‘ und ‚gebrechlich‘ enthalten waren. Die Personen aus dieser Gruppe sind nachher mehrheitlich gebückter gegangen als die Menschen aus der anderen Gruppe. Man nennt das den Florida-Effekt“, so von Mutius. „Florida gilt in den USA als Staat der alten Menschen. Das Experiment hat eindrucksvoll gezeigt, wie Worte und Gedanken auf uns wirken.“
Das heißt, dass was wir denken und fühlen, was wir hören und sehen, direkten Einfluss auf unser Wohlbefinden und unsere Ausstrahlung hat. Das können Sie nutzen! Fragen Sie sich: Was ist gut in Ihrem Leben? Womit sind Sie zufrieden? Worüber haben Sie sich heute gefreut? Was haben Sie erreicht, wovon Sie als Kind geträumt haben? Ganz bestimmt fallen Ihnen viele Dinge ein, die glücklich machen – wenn man sie nur wahrnimmt!
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„Der Schlüssel dazu lautet: Beschweren Sie sich nicht“, sagt Bernhard von Mutius und meint damit vor allem die zweite Bedeutung des Verbs. Natürlich hilft es beim Glücklichwerden, wenn man sich nicht die ganze Zeit beschwert, also meckert, denn die negativen Gedanken haben Einfluss auf unser Wohlbefinden, siehe Florida-Effekt.
„Es geht aber in diesem Zusammenhang darum, es sich nicht schwer zu machen, sich nicht zu beschweren“, erklärt der Wissenschaftler. „Das meint den seelischen Ballast ebenso wie den materiellen, denn viel Besitz ist kein Glücksgarant, im Gegenteil. Oft hilft es, weniger, aber dafür gezielter zu konsumieren. Und das wiederum trifft auf Kleidung ebenso zu wie auf Lebensmittel.“
Versuchen Sie es zunächst mit einem Gedankenexperiment: „Denken Sie sich eine leere Box, die Ihr Leben symbolisiert. Diese Box können Sie nun mit Leben füllen, mit Ihrem persönlichen Glück. Was soll da rein, was brauchen Sie? Überlegen Sie, was Ihnen wichtig ist und was sich gut für Sie anfühlt“, so von Mutius. Bedenken Sie dabei auch, dass es vor allem die einfachen, meist immateriellen Dinge sind, die uns tief im Herzen glücklich machen: Musik hören und dazu tanzen, jemandem eine Freude machen, zusammen kochen, mal wieder im See schwimmen, herzhaft lachen, in schönen Erinnerungen schwelgen, im Fotoalbum blättern, kreativ sein.
Wie viele Freunde braucht man, um glücklich zu sein?
Im Zeitmanagement gibt es das sogenannte Eisenhower-Prinzip, das besagt, man könne den Alltag entschlacken, indem man alles, was weder dringend noch wichtig ist, entweder ganz sein lässt oder aber zumindest nach hinten verschiebt. „Das ist auch richtig“, so der Autor. „Aber ich schlage vor, diese beiden Prinzipien um die Kategorie ‚gut‘ zu ergänzen. Was tut uns gut? Und den anderen? Eine elementare Frage.“
Vor allem in Hinblick auf all die Menschen, die uns so umgeben, sollte man sich fragen, ob sie einem guttun. „Das hat Auswirkung auf unseren seelischen Haushalt. Es gibt Menschen, die uns Energie rauben. Ständig. Die uns nicht guttun. Da sollte man überlegen, ob sich die Wege nicht trennen sollten, um sich selbst vor schlechten Erfahrungen und Gefühlen zu schützen“, sagt Bernhard von Mutius.
Es gehöre zur Lebenskunst dazu, sich mit Menschen zu umgeben, die einen glücklich machen. Wenn jemand Sie unglücklich macht, schmälert diese Person Ihr persönliches Glück. Deshalb kommt es nicht darauf an, wie viele Freunde man hat und wie oft man diese sieht, sondern es zählt, wie gut der Kontakt zu den Menschen ist.
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Es ist verständlich, wenn all die schlechten Nachrichten Sie runterziehen und Sie manchmal denken, dass es vor lauter Hiobsbotschaften gar kein Glück mehr geben kann. Doch das stimmt nicht. Führen Sie sich zwei Dinge vor Augen: Erstens „können Sie an vielen großen Dingen nichts ändern, sondern müssen Sie so hinnehmen, wie sie sind. Als Individuum hat keiner von uns direkt Einfluss aufs Weltgeschehen, wohl aber auf die Art, wie man damit umgeht“, erklärt Bernhard von Mutius.
Man könnte es auch mit dem Gelassenheitsgebet des US-Theologen Reinhold Niebuhr umschreiben: Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.
Zu den Dingen oder Umständen, die wir ändern können, gehören zuallererst wir selbst. Wir können zum Beispiel freundlich sein, anderen Menschen mit einem Lächeln begegnen – und nicht eingeschnappt sein, wenn das Gegenüber nichts erwidert.
Es geht um Ihre innere Einstellung, die intrinsische Motivation: Geht es um die Höflichkeit an sich oder geht es um das, was zurückkommen soll? Ersteres kann glücklich machen, letzteres nicht unbedingt. Erfreuen Sie sich an Ihrer eigenen Heiterkeit! Grüßen Sie andere Menschen, bedanken Sie sich für Kleinigkeiten – und spüren Sie, was es mit Ihnen macht.
Das mag esoterisch klingen, aber mit ein bisschen Übung werden Sie vielleicht merken, dass das erwartungsfreie Freundlichsein Ihnen guttut. Probieren Sie’s aus – schaden wird es sicher nicht! „Diese Form der Lebenskunst haben Sie in der Hand“, so Bernhard von Mutius. „Nutzen Sie das für sich.“
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Leider, und das ist die Quintessenz aller Glücksforschung, gebe es „kein Patentrezept zum Glücklichsein“, stellt der Potsdamer klar. Was die eine glücklich macht, funktioniert für den anderen gar nicht. Jede und jeder von uns muss selbst herausfinden, wo das Glück zu finden ist. Im Zweifel in uns selbst, denn man sollte nicht darauf hoffen, dass äußere Umstände oder andere Menschen einen glücklich machen.
Das können Sie nur selbst – und zwar indem Sie spüren, wenn Sie glücklich sind, und indem Sie nicht den großen Glücksverheißungen nachhängen, sondern sich auch an vermeintlichen Kleinigkeiten erfreuen können. Es regnet? Ja, blöd, aber ein Glücksfall für unsere darbenden Bäume. Ihr Kind schreit Sie gerade an? Vermutlich ein Zeichen von guter Bindung.
Seien Sie stolz, dass Sie heute einen kleinen Spaziergang gemacht haben, und ärgern Sie sich nicht darüber, dass Sie es nicht auf die empfohlenen 30 Minuten geschafft haben. Kurzum: Jeder Mensch kann glücklich sein, auch in schwierigen Phasen. Oder wie Bernhard von Mutius es formuliert: „Lebenskunst ist die Kunst, die wir am nötigsten haben, wenn uns nicht danach zumute ist.“
*Dr. Bernhard von Mutius: Über Lebenskunst in unsicheren Zeiten. Gabal-Verlag, Offenbach 2023. 208 Seiten, 29,90 Euro.
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