Könnte man Orte verschieben wie Zeichen auf dem Computerbildschirm, würde man Görlitz einfach anklicken und nach Westen ziehen. Zum Beispiel dorthin, woNürnberg liegt. Oder Heidelberg. Schon würden sich so viele Besucher einstellen, wie es die Weltkulturerbe-Stadt an der Neiße eigentlich verdient. So aber muss sie noch eine Weile damit leben, nicht nur eine der schönsten, sondern auch die östlichste Deutschlands zu sein: kulturell gesehen eine interessanteCharakterrolle, touristisch aber noch die eines Statisten. Mittelalterliche Wehrtürme, gotische Laubengänge, barocke Patrizierhäuser mit aprikosengelben oder himmelblauen Fassaden, dazwischen Wohn- und Warenhäuser im Jugendstil: Rund 3 500 denkmalgeschützte Bauten reihen sich in Görlitz aneinander, die Stadt ist ein Flächendenkmal. Wie ein Wunder hat es den Zweiten Weltkrieg überstanden, mit Ach und Krach auch noch die DDR-Zeit. Doch Oberbürgermeister Rolf Karbaum ist überzeugt: "Wäre die Wende nur ein Jahr später gekommen, wäre vieles nicht mehr zu retten gewesen". Jetzt ist er stolz auf die fast tausendjährige Bausubstanz. Ein Großteil der Gebäude wurde mit Fördermitteln von Bund und Land saniert: Vom Grauschleier befreit sehen sie aus wie ein heiteres Pastellgemälde, das die wechselvolle Geschichte der Niederlausitz illustriert. Handelsstraßen kreuzten"Am Anfang war die Straße", klärt uns der Stadtführer auf. "Aber nicht irgendeine. Die via regia, die Königsstraße von Nordspanien zum Fernen Osten, lief im Mittelalter durch Görlitz und kreuzte sich hier mit der Nord-Süd-Route von Skandinavien nach Venedig." Am Schnittpunkt beider Handelsstraßen entwickelte sich das 1071 gegründete slawische Dorf zur wohlhabenden Stadt. Die Tuchmacher boten ihre Stoffe an, die Waidmänner Waid, den blauen Farbstoff aus Thüringen, die Bierbrauer ihren Gerstensaft: Die Stadt wurde reich und umgab sich mit repräsentativen Bauten. Zunächst waren es gotische Paläste am Untermarkt. Hinter Laubengängen verbergen sich hallenartige Entrees, in die ganze Pferdekutschen einfahren konnten. Hier wurden die Stoffe ausgebreitet, Geschäftskunden empfangen und mit selbstgebrautem Bier bewirtet. Damals war es hier voll und laut, heute kommen uns die leeren Gewölbe vor wie Sakralbauten: die heiligen Hallen des Kommerzes. In neuem GlanzWir laufen die Neißstraße zur Neiße hinunter, die die Grenze zu Polen markiert. Die Häuser am anderen Ufer sehen trist und grau aus, hier aber erstrahlen prachtvolle Barockgebäude in neuem Glanz. "Die wirtschaftliche Blüte dauerte schließlich mehrere Jahrhunderte", erklärt Manfred Kämpfe. "Später wurde eben im Stil der Renaissance und des Barock weitergebaut." Die Arkaden ersetzen Fassaden mit Stuckornamenten, auf Portalen ruhen goldverzierte Schönheiten. Antike Gottheiten? Aurora mit dem Spiegel? Oder Justitia? "Im Zweifelsfall handelt es sich um Allegorien des Handels und des Wohlstands", erklärt der Stadtführer schmunzelnd und läuft mit uns zum Obermarkt. In einem besonders pompösen Palast sollen einmal August der Starke, der russische Zar Alexander I. und Napoleon genächtigt haben heute freut sich das Euro-Tour-Zentrum über die schöne Bleibe. Gegenüber steht die Dreifaltigkeitskirche mit ihrem gelben Turm. 1234 gegründet, wurde sie zur Barockzeit ausgebaut und birgt einen spätgotischen Schnitzaltar mit goldener Maria. Trotz der kunstvollen Ausstattung haftet dem Inneren etwas Düsteres an. Ob die Sage des Klötzelmönchs ihren Schatten verbreitet? Im Mittelalter soll das bucklige Männlein die Leiche eines jungen Mädchens unter einer Grabplatte versenkt haben. Als die Sache herauskam, wurde er zur Strafe lebendig eingemauert. "Aber seine Seele hat niemals Ruhe gefunden", schließt Kämpfe seine Erzählung ab. "Sie soll immer noch hier herumspuken." Der Marienplatz holt uns wieder in die Gegenwart zurück: Blumenbeete, Springbrunnen und Läden kündigen das eigentliche Geschäftszentrum von Görlitz an. Straßenbahnen fahren quietschend um die Ecke, Passanten studieren dieAuslagen in den Schaufenstern hier wird ein ganz anderes Kapitel der Stadtgeschichte aufgeschlagen. Sein glanzvoller Mittelpunkt ist das "Kaufhaus zum Strauß". Nach dem Vorbild des legendären Berliner "Wertheim" erbaut, ist es das einzige Warenhaus Deutschlands, das sich aus jener Zeit erhalten hat. Im Inneren beeindrucken großzügige Freitreppen, Lichthof und Glaskuppel: ein Zeugnis selbstbewussten Bürgerstolzes, der sich hier um 1912 ein Denkmal gesetzt hat. Damals erlebte Görlitz gerade seine zweite Blüte. Sie beginnt im 19. Jahrhundert, als die Niederlausitz preußisch wird und von der Industrialisierung profitiert. Die von Christoph Lüders eröffnete Wagenbauanstalt begründet die Tradition des Görlitzer Waggonbaus, der Anschluss an das Eisenbahnnetz eröffnet neue Märkte und Möglichkeiten. Der Aufschwung spiegelt sich im Stadtbild wider. Ganze Viertel im Gründerzeit- und Jugendstil entstehen, auch die elegante Strassburg-Passage, wo die mondäne Damenwelt ihre Einkäufe tätigte. Heute erfüllen neue Geschäfte die Passage wieder mit Leben, aber mit dem großbürgerlichen Bauen und dem Wohlstand ist es offensichtlich vorbei. Ob sie wiederkehren, wenn sich im nächsten Jahrtausend die Grenzen nach Osten öffnen, wenn Waren, Dienstleistungen und vor allem Menschen frei zirkulieren können? Diese Hoffnung hegt nicht nur der Oberbürgermeister. Auch die kürzlich neu eröffnete Gaststätte "Millennium" scheint auf das neue Jahrtausend zu setzen. Mit exzellenter Küche, Weinen und einem Hauch italienischer Commedia dell Arte empfängt sie Besucher im Dreiländereck zwischen Polen und Tschechien.SERVICE Mit dem Nachtwächter durch die Stadt // Anreise: Von Berlin aus gibt es etwa dreieinhalbstündige Zugverbindungen über Cottbus, für die auch das Wochenendticket der Deutschen Bahn gilt.Nachtwächter-Tour: Origineller als die regelmäßig stattfindende Stadtführung ist die so genannte Nachtwächter-Tour, die bei entsprechender Teilnehmerzahl abends um 22 Uhr durch die Innenstadt führt.Übernachtung: Besonders schön und zentral gelegen ist das Sorat Hotel ( Tel. : 03581/40 65 77) in einem denkmalgeschützten Jugendstilbau mit Erkertürmchen am Marienplatz. Am Wochenende gibt es zum Teil günstige Pauschalangebote mit 2 Übernachtungen, Champagner-Frühstück, Cocktail, Abendessen und Stadtführung für circa 219 Mark.Essen: In der "Destille", Nikolaistr. 6, Tel. : 3581/40 53 02, werden auch schlesische Spezialitäten serviert und im Keller ist ein uraltes jüdisches Bad zu besichtigen.Ausflüge: Fünfzehn Kilometer von Görlitz entfernt liegt das Kloster St. Marienthal bei Ostritz in der Hügellandschaft der Niederlausitz. In dem freundlichen Barockensemble ist inzwischen ein Internationales Begegnungszentrum (Tel. : 035823/80-0, Fax: 80-103) im Dreiländereck zwischen Polen und Tschechien untergebracht. Neben Veranstaltungen und Seminaren gibt es auch Übernachtungsmöglichkeiten.Auskünfte: Görlitz-Information im Euro-Tour-Zentrum, Obermarkt 29, Tel. : 03581/47 57-0, Fax: 47 57 27, Internet: iwww. goerlitz. de
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