Das Berliner HipHop-Trio K.I.Z („Hurra die Welt geht unter“) ist bekannt für Ironie, Agitprop und Provokation: „Ich bin Adolf Hitler“ hieß ein K.I.Z-Track von 2013. Und ihr 2009er-Album? „Sexismus gegen Rechts“. Bei den Berliner Wahlen zum Abgeordnetenhaus 2011 und 2016 waren Maxim Drüner und Nico Seyfrid (neben Tarek Ebéné zwei Drittel der K.I.Z-Crew) in Friedrichshain-Kreuzberg Spitzenkandidaten der Satire-Partei namens Die Partei. Doch wie viel Satire, wie viel Provokation stecken im neuen K.I.Z-Track „Görlitzer Park“?
Dem Publikum präsentiert wurde der Song am Donnerstagabend in Hamburg beim Spontankonzert von K.I.Z auf dem Reeperbahn-Festival. Im Zuge dessen haben K.I.Z auch ihr kommendes Album angekündigt: Das soll ebenfalls „Görlitzer Park“ heißen und am 21. Juni 2024 erscheinen. Erst, möchte man sagen. Das Marketing ist jedenfalls von langer Hand geplant, neun Monate im Voraus. Für den Titel wählte man sich Deutschlands zurzeit wohl meistumstrittenes Pflaster: den Drogen-Hotspot Görlitzer Park in Kreuzberg. Spätestens seit einer Gruppenvergewaltigung im Juni gefühlt Berlins neue No-go-Area.
Live in Action: das Berliner HipHop-Trio K.I.Z
© Andreas Buck/imago
Ist davon im K.I.Z-Track die Rede? Nicht direkt. Worum geht es stattdessen in dem Song, der am Freitag auch als Single in der Studio-Version erschien? In der ersten Strophe führt Tarek rappend auf Trap-Beats die Szenerie ein: ein Park, wo sich Pfandsammler und Irre rumtreiben; und wo Dealer Koks und MDMA feilbieten. Auch auf die Hautfarbe der Dealer wird ein Wink gegeben: „Görlitzer Park, im Herzen der Stadt/Die Falckensteinstraße ist Westafrika.“ Wobei Tarek (dessen Vater selbst aus Kamerun stammt) eine gewisse Sympathie oder gar Bewunderung für die Dealer nahelegt: „Nur die Härtesten hab’n es bis hierhin geschafft/ Überlebten das Meer, den libyschen Knast.“
Insgesamt schon mal sehr viel ernstere Töne, als man sie von den oft so sehr witzgetriebenen Lyrics bei K.I.Z gewohnt ist. Im Interlude klingt dann auch noch an, dass man, als Überlebender mit schlechtem Gewissen, Geld nach Hause an die verschuldete Familie schicken müsse – möglicherweise auch, um Außenstände bei den Schleppern zu begleichen?
In Strophe zwei baut Tarek dann die Szenerie aus. Es klingt Machtmissbrauch oder zumindest überzogene Gewalt von oben an: „Zehn Uhr am Morgen, die Alkis auf Schnaps/ Ein Punker hat in die Kasse gegrapscht/ Security schlägt seine Nase zu Matsch.“ Doch nicht nur von einer privaten Sicherheitsfirma aus, sondern auch von Staats wegen gibt es Kloppe: „Auf dem Spielplatz liegen Nadeln im Sand/ Racial Profiling, Schikane vom Staat.“ Zudem setzen sich K.I.Z in Strophe zwei selbst in Bezug zum Park-Umfeld – und inszenieren sich als Jungs, die von Kreuzberg aus die Hitparade erklommen hätten, aber doch geerdet geblieben seien: „Aus Kreuzberg an die Spitze der Charts/ Von ‚Hahnenkampf‘ bis ‚Rap über Hass‘/ Matratzen im Studio, wir ackern hier hart.“ Protestantische Arbeitsethik geradezu.
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In der dritten Strophe dringt etwas mehr der K.I.Z’sche Signatursarkasmus durch, als Nico den Rap-Part übernimmt. Auch die Springer-Presse kriegt ihr Fett weg: „BZ-Schlagzeil’n, was hab’n wir gelacht/ Selbst Leute vom anderen Ende der Stadt/ Sagen: ‚Ach krass, ist ja doch nur ein Park.‘“ Eine Kritik an einer vermeintlich skandalisierenden Berichterstattung, die den Park schlimmer erscheinen lasse, als er ist. Auch die „Bullen“ würden, wie Nico, das lyrische Ich, hier im Park auf Pillen und auf Gras feiern. Dann Gentrifizierungs(selbst)kritik: „Ich dreh’ mich um, frag’: ‚Habt ihr Hafermilch da?‘/ Wo ist eigentlich die obdachlose Frau, die immer gechillt hat hier letztes Jahr?“
Nach der schlichten Staccato, die zum zweiten Mal einsetzt („Görlitzer/ Görlitzer Park/ Görlitzer“), ist der Rapper in der vierten Strophe dann Maxim. Durchaus selbstkritischer als die Parts seiner beiden Kollegen. Besonders mit Zeilen wie: „Die Eigentumswohnung ist bald abbezahlt/ Und ähnelt sehr stark diesen Apartments/ auf die ich als Teenie mal Farbbeutel warf.“ Dann kommt abermals das Sich-in-Bezug-Setzen zu dem Park: „Bin ein 36er Ureinwohner/ Doch seh’ aus wie ein Touri im Görlitzer Park.“
Wird der Görlitzer Park also eindimensional gefeiert, romantisiert und verklärt? So sieht es nicht aus. Dass Obdachlosigkeit und Drogenhandel existieren, kommt bei K.I.Z sehr wohl vor in den Texten. Trotzdem könnte man K.I.Z eine gewisse Verharmlosung attestieren. Der Tenor im Track ist schließlich: Selbst die Polizei habe Spaß im Görlitzer Park, und die Schlagzeilen der Presse seien übertrieben bis zum Weglachen.
Das Anliegen des Songs scheint Folgendes zu sein: die Dealer nicht einfach pauschal als Täter zu zeichnen, sondern sie auch als Getriebene inmitten einer sozial ungerechten Welt, auch als Opfer einer strukturellen Gewalt. Ironie der Geschichte: dass K.I.Z aus ihrer linken, kapitalismusfeindlichen Systemkritik letztlich natürlich auch Kapital schlagen, zumal wenn sie den Görli-Problempark plakativ auf ihr Albumcover packen. Aber wahrscheinlich ist den drei gewieften Geistern diese Volte sogar bewusst.
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