Wer weltanschaulich unliebsame Haltungen zu Corona und alternativen Lebensformen vertritt, hat es nicht leicht. Das musste auch eine Lehrerin der Waldorfschule in Görlitz erfahren. Elisa L. lehrte als Honorarkraft Mathematik, Chemie und Physik an der Schule, bis sie eine Veranstaltung am falschen Ort den Job kostete.
Das ist passiert: In den Sommerferien 2025 richtet Elisa als freie Mitarbeiterin der Waldorfschule Görlitz in ihrer Freizeit eine pädagogische Sommerwoche auf Schloss Ober Neundorf mit aus. Den Eigentümern des Schlosses wird eine Nähe zur „Anastasia“-Bewegung nachgesagt, die als rechtsextremer Verdachtsfall vom Verfassungsschutz beobachtet wird. Der Schweizer Blog Flimmer.Media berichtet noch während der Sommerwoche kritisch über die Veranstaltung; einen Tag später stellt ein Grünen-Landtagsabgeordneter eine Kleine Anfrage an die Landesregierung zu „Aktivitäten der ‚Anastasia‘-Bewegung in Sachsen“, in der Elisa in Verbindung mit der Waldorfschule genannt wird.
Am Dienstag darauf wird Elisa L. in einer kurzen Mail mitgeteilt, dass die Schule nicht mehr mit ihr zusammenarbeiten wird. Ohne weitere Untersuchungen oder Verständigungsversuche beendet die Waldorfschule das Arbeitsverhältnis. Aber damit ist die Sache nicht vorbei: Bei zahlreichen Schülern, Eltern und einzelnen Medien stößt das Vorgehen auf wenig Verständnis. Der Fall zeigt, wie die Angst um das öffentliche Image zu vorschnellem Handeln mit großen Konsequenzen für die Beteiligten führen kann.
Alles geht ganz schnell
„Im ersten Moment dachte ich: Das kann nicht sein, das ergibt ja keinen Sinn“, erinnert sich Elisa, als wir gemeinsam ihre Tochter von der Waldorfschule abholen. Man merkt, wie viel ihr die Schule bedeutet: die Kinder, die Waldorfpädagogik, die Architektur, wie gerne sie dort unterrichten würde – aber das scheint erst einmal in weiter Ferne. Der Vorstand der Schule erweckt immer wieder den Eindruck, Elisa sei als freie Mitarbeiterin kaum mit der Schule verbunden. Das ist aber nicht richtig: Von 2016 bis 2019 ist sie an der Schule fest angestellt, baut die Oberstufe mit auf, bevor sie in Elternzeit geht. Am Tag vor der Kündigung bekommt sie vom Oberstufenkoordinator die Planung für das nächste Schuljahr: Sie ist für etwa 300 Unterrichtsstunden fest eingeplant.
Doch der mediale und politische Druck führt in kürzester Zeit dazu, dass Elisa gehen muss. Der Zeitpunkt der Kündigung ist für sie äußerst ungünstig, die Planungen anderer Schulen für das nächste Schuljahr sind abgeschlossen. So bleibt ihr vorerst nur der Weg ins Bürgergeld.
Schloss Ober Neundorf bei Görlitz: Das Schloss wird immer wieder als Treffpunkt von „Anastasia“-Anhängern beschrieben, was die Schlossbetreiber bestreiten.
© Schloss Ober Neundorf
Null Toleranz gegenüber „Anastasia“
Der Schulvorstand und der Bund der Freien Waldorfschulen haben eine ganz andere Sicht auf die Dinge. „Unsere Schule steht für Offenheit, Vielfalt und demokratische Grundwerte“, schreibt der Vorstand in der inzwischen gelöschten Pressemitteilung zur Auflösung von Elisas Arbeitsverhältnis. Und weiter: „Die neuen Informationen über das private Engagement der Lehrerin in der von einer antisemitischen und kulturrassistischen Grundhaltung geprägten ‚Anastasia‘-Bewegung machen eine weitere Arbeit der freien Mitarbeiterin an unserer Waldorfschule unmöglich.“
Elisa sagt, sie habe nichts mit der Bewegung zu tun. Und es lassen sich auch keine Belege finden, die auf etwas anderes schließen lassen. Selbst das Schloss Ober Neundorf behauptet, keine Nähe zur „Anastasia“-Bewegung zu haben. Was hat es mit der umstrittenen Bewegung auf sich?
Die „Anastasia“-Bewegung geht auf eine Buchreihe des russischen Autors Wladimir Megre zurück, die eine in der Taiga lebende Frau namens Anastasia und eine Gesellschaftsutopie mit vielen ökologischen und kulturellen Ideen beschreibt. In Anlehnung an die Buchreihe gibt es einzelne Lebensgemeinschaften, die nach ihren naturspirituellen Ideen aufgebaut sind.
Das Bundesamt für Verfassungsschutz beobachtet die Bewegung inzwischen bundesweit als rechtsextremen Verdachtsfall. Die zweifelsohne problematischen Seiten der „Anastasia“-Bücher machen sie zu einem roten Tuch für die deutschsprachigen Medien: rechts, völkisch, esoterisch, antisemitisch, reaktionär – und zu allem Überfluss noch russisch. „Anastasia“ spricht mit ihrer Sehnsucht nach einem naturnahen, selbstbestimmten Leben viele Menschen an – nicht nur Rechte, auch Hippies, Spirituelle und Aussteiger. Auf Schloss Ober Neundorf gehen immer mal wieder solche Menschen ein und aus. Einige Politiker und Journalisten beobachten deswegen seit einigen Jahren alle Aktivitäten rund um das Schloss mit großer Skepsis.
Vorauseilende Kontaktschuld
Die Waldorfschule sagt, sie habe allen Mitarbeitern, auch Elisa, mitgeteilt, das Schloss nicht mehr mit der Schule in Verbindung zu bringen. Schriftliche Belege dafür gibt es keine. „Trotz besseren Wissens“ habe Elisa dort eine Veranstaltung durchgeführt, heißt es in der Pressemitteilung. In Elisas Ankündigungsflyer für ihre Sommerschule ist die Waldorfschule Görlitz jedoch gar nicht erwähnt; Elisa wird lediglich als das vorgestellt, was sie ist: ausgebildete Waldorfpädagogin.
Die Indizien deuten darauf hin, dass Elisas Fall ein Beispiel für „vorauseilende Kontaktschuld“ ist. Von Kontaktschuld spricht man, wenn einer Person ihre Verbindungen zu einer anderen Person oder zu einem bestimmten Ort zur Last gelegt werden. Vorauseilend ist sie in Elisas Fall, weil sie nach jetzigem Wissensstand keine Verbindung zu „Anastasia“ hat und lediglich der mediale und politische Druck auf die Schule zum Verlust ihres Jobs führte.
Waldorfschule Görlitz: : Musste Elisa L. aus Angst vor Imageschäden gehen?: :
© Lauryn Zoe Hinsch/Ostdeutsche Allgemeine
Zu kritisch? Die Vorgeschichte des Rauswurfs
Die drastische Reaktion der Schule wird wohl nur aus der Vorgeschichte verständlich: Während der Corona-Zeit ist die – wie sie selbst sagt – von Natur aus unbeugsame Elisa vorn mit dabei im Görlitzer Widerstand gegen die Corona-Maßnahmen: Sie organisiert Montagsspaziergänge und wird sogar vom ZDF interviewt. In der Pressemitteilung zur Beendigung ihres Arbeitsverhältnisses schreibt die Schule über Elisa: „Während Corona-Zeiten trat sie negativ in Erscheinung, indem sie sich bei Montags-Demos gegen die Corona-Maßnahmen aussprach.“
Schon damals sei Elisa angezählt gewesen, berichtet ein Insider, der zu der Zeit im Vorstand war. Die schlechte Presse über die Sommerschule sei da der willkommene Anlass gewesen, sie loszuwerden, sagt Elisa. Nach ihrem Ausscheiden kommen ehemalige Kolleginnen auf Elisa zu und fragen: „Ich habe gehört, du hast ein Kleid mit der Schwarzen Sonne drauf“ – einem okkulten Nazi-Symbol. Die Behauptung, sie sei „rechts“, verselbstständigt sich und droht, Elisas Ruf nachhaltig zu schaden. Der andere Leiter der Sommerschule, ein Schweizer, hat wegen Rufschädigung vor einem Schweizer Gericht geklagt und vor wenigen Wochen Recht bekommen.
Der Konflikt hätte anders gelöst werden können.
Ein Elternvertreter der Waldorfschule
Widerstand aus der Elternschaft
Den Lausitzern wird nachgesagt, stur und aufmüpfig zu sein, Granitköpfe eben, wie der Lausitzer Granit. Von diesen Sturköpfen gibt es etliche in der Elternschaft der Waldorfschule. Ein Waldorfvater, der anonym bleiben möchte, hat sich von Beginn an für Elisa eingesetzt. Er meint: „Der Konflikt hätte anders gelöst werden können. Wir wollen keine Unruhe stiften – uns geht es um eine gute Bildung für unsere Kinder.“
Es fehlen ihm zufolge Oberstufen-Lehrer in den von Elisa unterrichteten Naturwissenschaften an der Schule, es gibt nach wie vor nicht genug Mathelehrer, die Abdeckung wurde durch den Ausfall von Elisa kritisch. Es sollte ein Schulrat mit Eltern, Lehrern und Schülern einberufen werden, um Gespräche zu führen. Dazu war der Vorstand aber nicht bereit und verließ Anfang Dezember die schulinterne Aufarbeitungsgruppe. Der Konflikt sei aber immer noch heiß in der Schulgemeinschaft, sagt der Waldorfvater: „Spätestens bei der nächsten Mitgliederversammlung der Schule wird es wieder hochkochen.“
Waldorfschule Görlitz: Die Pressemitteilung zu Elisas Ausscheiden ist inzwischen gelöscht. Die Geschäftsführung möchte sich zu dem Fall nicht öffentlich äußern.
© Lauryn Zoe Hinsch/Ostdeutsche Allgemeine
Die Geschäftsführung der Schule möchte sich nicht äußern. Es sei eine interne Personalentscheidung, die nichts in der Öffentlichkeit verloren habe. Auch der Bund der Waldorfschulen möchte das Thema aus der Welt haben: „Wir haben auch heute keine Erkenntnisse, die unsere Bewertung ändern“, schreibt Nele Auschra vom Bund. Auf die Frage, ob im Umgang mit der Lehrerin Fehler gemacht wurden, heißt es: „Nein. Die Konfliktlinien entstammen der Reaktion einzelner Eltern.“
Klar, die Waldorfschulen und die ihnen zugrunde liegende Anthroposophie Rudolf Steiners stehen ohnehin schon stark in der Kritik. Immer wieder gibt es negative Schlagzeilen über rassistische Zitate bei Steiner oder Skandale an Waldorfschulen. Vor diesem Hintergrund ist die Entscheidung des Vorstands zu sehen. Aber darf das öffentliche Image heute schwerer wiegen als die Unterrichtsqualität und ein guter Umgang mit Konflikten?
Unsere Schule steht für Offenheit, Vielfalt und demokratische Grundwerte.
Pressemitteilung der Waldorfschule
Eigentlich müsste Elisas Fall dem Ansehen der Schule nicht schaden – im Gegenteil: Das hohe Engagement einiger Eltern und die Forderung nach korrektem Handeln zeigen, wie viel Zivilcourage und Charakterstärke im Waldorfkontext da sind. Eigentlich ein Pluspunkt für die Görlitzer Waldorfschule.
Wie kann es jetzt in Görlitz weitergehen? Die Eltern haben alle Mitglieder der Schule zu einem Dialogforum im März eingeladen, wo anhand von Elisas Fall exemplarisch bessere Strukturen und Entscheidungsprozesse erarbeitet werden sollen – der Vorstand ist auch eingeladen. Ob er kommt, bleibt abzuwarten.
„Von meiner Seite ist immer Dialogbereitschaft da“, sagt Elisa. „Eine Erklärung, dass Fehler gemacht wurden, wäre ein Anfang.“ Sie würde gerne wieder dort arbeiten, neu starten, das merkt man – aber das scheint nicht in Reichweite zu sein. Klein beigeben werden die Granitschädel aber auch nicht: „So darf es jedenfalls nicht stehen bleiben, weil es Unrecht ist und Tür und Tor für noch schlimmere Willkür öffnet.“ Für Elisa ist klar, wie sich alle Beteiligten wieder vertragen könnten: „Es gibt nur einen Weg, und das ist die absolute Aufrichtigkeit. Das ist der direkteste, aber auch der steinigste Weg.“ Wahrscheinlich dauert es noch eine ganze Weile, bis wieder Frieden in die Schulgemeinschaft einkehrt.
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