Spätestens nach der Premiere des „Siegfried“ am Donnerstag ist klar: Dmitri Tcherniakov, der Regisseur des neuen „Ring des Nibelungen“ an der Staatsoper Unter den Linden, hat zu wenig Ideen. „Das Rheingold“, der erste Teil dieses Opernzyklus, wurde unter einer gleichermaßen steil ambitionierten wie wenig einleuchtenden Perspektive betrachtet und in einem weiter nicht spezifizierten „Forschungszentrum“ angesiedelt. Schon im „Rheingold“, aber noch viel mehr in der „Walküre“ und nun im „Siegfried“ gab es genug Szenen, in denen der konzeptionelle Oberbegriff „Experiment“ komplett vergessen oder den Szenen oberflächlich aufmontiert wird.
So hat Tcherniakov kein Interesse daran, Siegfrieds Erziehung durch den Nibelung Mime etwa als psychologisches Experiment anzulegen – was der großartige, gestochen, aber niemals grell artikulierende Stephan Rügamer in der Rolle des Zwergs zweifellos auch hervorragend dargestellt hätte. Was bringt es umgekehrt, Brünnhilde im dritten Akt, wenn Siegfried sie aus langem Schlaf küsst, in ein Schlaflabor zu legen, wenn damit keinerlei Untersuchung verknüpft ist? Natürlich ist dieses Date zwischen Brünnhilde und Siegfried ein seltsames, das ohne tieferen Sinn im Bett endet wie wohl die meisten Dates. Aber das mit einem Siegfried zu inszenieren, der seine Hände nicht aus der Jogginghose bekommt – und das war’s dann auch mit Personenregie –, ist eigentlich eher unverschämt und vor allem sehr langweilig.
Neuinszenierung von „Ring des Nibelungen“ an der Staatsoper beginnt rätselhaft
Tcherniakov verordnet Wagner eine radikale Pathosdiät. Ihre lustigen Momente hat diese Diät, wenn etwa im zweiten Akt Siegfrieds schon lange als proto-psychoanalytisch gelesener Monolog sowie seine Szenen mit Drache und Waldvogel gleich als Therapie in sechs Phasen verulkt werden, beginnend mit „Entspannung, Waldweben“ und endend mit dem Eingeständnis unterdrückter Wünsche. Der Drache Fafner ist ein von Pflegern hereingebrachter Zausel in Zwangsjacke, der Waldvogel eine Laborantin.
Wenn die Kaffeetasse aus der Hand fällt
Nun könnte in Momenten szenischer Langeweile die Stunde der Musik schlagen. Aber Andreas Schager und Anja Kampe sind nicht nur in der szenischen Darstellung wenig begabt, sondern auch in der vokalen Bandbreite limitiert, Anja Kampe offensichtlich durch leichte Indisposition mit Kratzern auf der Stimme und Kurzatmigkeit, Andreas Schager durch eine erst bei relativ hohem Druck ansprechende Stimme.
Christian Thielemann über Barenboim: „Künstlerisch sind wir einig“
Die am Sonntag vorgestellte, abschließende „Götterdämmerung“ dient einem eine weitere Lesart von Tcherniakovs Inszenierung an: Das ist alles nicht ernst gemeint. Vielleicht sind das „Forschungszentrum“ und die „Experimental“-Perspektive die Parodie eines Regiekonzepts. Den Nornen-Auftritt – drei alte Kuchentanten mit Krücken, Rollator und Klappstuhl – kann man nur als Veralberung einer eigentlich todernsten Szene verstehen. Hier reißt nicht das Schicksalsseil, um anzudeuten, dass die Geschichte nun aufs Ende zuläuft. Hier fallen nur die Kaffeetassen aus den Händen. Dann geht Siegfried duschen, während Brünnhilde den Frühstückstisch nach Rama-Vorbild deckt. Die Gibichungen scheinen die neue Generation im Forschungszentrum zu repräsentieren – aber wer forscht denn überhaupt?
Der falsche Siegfried
So hat denn auch der stärkste Inszenierungseinfall keinen erkennbaren Bezug zur angeblich übergreifenden Idee: Siegfried, der Brünnhilde eigentlich mittels Tarnkappe als Gunter verkleidet rauben soll, kommt äußerlich unverwandelt, aber eben aggressiv statt sorgend und schroff statt liebevoll ins gemeinsame Reihenhaus. Der Effekt rührt an Urängste, dass die Menschen ganz anders sein könnten, als wir sie kennen und lieben.
Das spielt Andreas Schager nun unverhofft stark, während Anja Kampe in einer seltsamen Langsamkeit festsitzt. Wenn sie im zweiten Akt erfährt, dass ihr Siegfried jetzt Gutrune heiraten soll, hat Wagner den Schreck, der ihr durch die Glieder fährt, drastisch komponiert – Kampe jedoch steht auf, als würde sie von Weitem den Bus kommen sehen. In diesem zweiten Akt wird sie sich bedenklich festsingen, während ihr Schlussgesang im letzten Akt zu ihrem ausstrahlungsstärksten Moment wird – eine unverhoffte stimmliche Wende, der das Publikum am Ende ungerecht einige Buhs zumisst.
An der Gegenwart vorbei aktualisiert
Siegfried wird beim Betriebsbasketball mit dem Mast der Vereinsfahne erstochen – und obwohl hier alle im Sportdress auftreten, sitzen sie doch wieder nur herum, wie über etwa 80 Prozent der gesamten Inszenierung. Als Hagen bewährt sich Mika Kares erneut als Bösewicht der eher gestochen kalkulierenden als dumpf dreinschlagenden Art. Johannes Martin Kränzle legitimiert mit nagend sorgenden Fragen sein extremes Auftreten als halbnackt schlotternder Alberich. Nicht vergessen sei Violeta Urmana, die als Waltraute ihre große Erzählung trotz etwas gealterter Stimme eindrucksvoll als Bericht aus der großen Politik gestaltet, die aber in der triebgesteuerten Welt der „Götterdämmerung“ niemanden mehr zu interessieren scheint.
Dass der „Ring“ hundert Anknüpfungspunkte an unsere Gegenwart bietet, die man nicht „aktualisieren“ muss, um sie zu verstehen, sei nur angemerkt angesichts einer Inszenierung, die auf eine Art „aktualisiert“, dass man unsere Gegenwart kaum erkennt. Dmitri Tcherniakov musste sich am Ende einige Buhs anhören für eine Arbeit, die sich nicht erzählt. Warum einem Regisseur diesen Ranges so etwas passiert, ist unverständlich.
Strategie der Abspaltung
Applaus ohne Ende bekam Christian Thielemann, weite Teile des Publikums standen sogar auf. Nicht zu leugnen ist, dass die Staatskapelle hervorragend klang, sehr tiefenscharf in den Details, auch in den leisen Passagen. Was man sonst von Thielemanns Gestaltungswillen mitbekommt, besteht vor allem aus immer wieder zerdehnten Übergängen und zu kleinteilig geschlagenen und damit zur Schwerfälligkeit tendierenden Phrasen. Beides hilft natürlich, den Klang zu zelebrieren; aber weder entstehen dadurch formale Bögen – sie zerbrechen unter der Belastung –, noch mag sich der Ausdruck in jener gesteigerten Form einstellen, die Thielemann im Sinn liegen mag. Dass beides zusammenhängt, dass jede Wirkung das Ergebnis von klarer Struktur ist, weiß jeder, der sich auch nur ein wenig mit Rhetorik befasst hat. Thielemanns Rubati jedoch zielen nie auf die Klärung von Gestalt, sondern nur auf die Steigerung des Genusses.
Regisseur und Dirigent dringen keineswegs kooperativ, sondern auf ihre Weise auf die Trennung von Musik und Drama, durch die sich der moderne Wagner-Freund bequem von allem distanzieren will, was an Wagner problematisch ist. Mit Tcherniakov buht er stellvertretend aus, was er nicht so genau wissen will, mit Thielemann feiert er die genehmen Reste des in seiner Exaltation zunehmend unverständlich werdenden Wagner’schen Kunstwillens.
Der Ring des Nibelungen. Zyklus II: 15., 16., 20., 23. Oktober; Zyklus III: 29., 30. Oktober, 3., 6. November, Termine und Informationen unter www.staatsoper-berlin.de
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