Irrtum, wer in der evangelischen Kunstkirche St. Matthäus Ausstellungen mit Bildwucht erwartet. Im schlichten weißen Schiff des aus Klinkern bestehenden Baus, den einst der Schinkel-Schüler August Stüler im Stil der oberitalienischen Romanik entwarf, geht es seit Corona-Zeiten und bis jetzt, vor dem Hintergrund von Krisen in der Welt und dem Krieg der Russen gegen die Ukraine eher minimalistisch zu.
Weniger ist mehr. Diese Maxime scheint die von der Stiftung St. Matthäus eingeladenen Künstlerinnen und Künstler zu leiten. Und das Angebot an der Erkundung und Interpretation von Raum, Formen, Farben in der Stille. Oder derzeit von Geräuschen, die in die Stille einbrechen, derweil die Augen im weißen leeren Halbrund der Apsis hinter dem schlichten Altartisch mit den sechs Kerzen statt eines Altarbildes nur die zwei eidottergelben Worte lesen: wie bitte – klein geschrieben, ohne Anführungsstriche, keine Satzzeichen als Frage, auch nicht als Imperativ.
Via Lewandowsky, Jahrgang 1963, ein konzeptuell arbeitender Künstler Dresdner Herkunft, zur DDR-Zeit Teil der jungen, oppositionellen Ost-Berliner Kunstszene aus dem Prenzlauer Berg, war 1992 der einzige „Ostler“ auf der Documenta 9. Er lässt es offen, wie die zwei mageren Worte zu verstehen sind, ob nun als höfliche Aufforderung, etwas zu wiederholen, was man akustisch oder aber inhaltlich nicht verstanden hat. Oder als entrüstete Reaktion auf etwas, das empörend ist, gut hörbar an der Intonation.
Lewandowsky liebt schon seit seiner Zeit an der Kunsthochschule Dresden das dadaistische Spiel mit den Vertracktheiten der Sprache, mit den Missverständnissen, mit den ambivalenten Auslegungen von Worten, Handlungen und Dingen, die widersprüchlich und absurd sind und eine falsche Wahrnehmung provozieren. Und der Anlass seiner Arbeit war das 500. Jubiläum von Luthers Bibelübersetzung.
Die beiden Worte hinterm Altar kann man so oder so verstehen. Der Künstler ist ein Nachfahre der Dadaisten und sucht das Ambivalente.
© VG Bildkunst Bonn 2022/Via Lewandowsky/Leo Seidel
Auf die Empore hat Lewandowsky 80 Lautsprecher montiert. In Abständen dringen in die Stille des Kirchenraums 30 Minuten lang seltsame Geräusche, eine Soundschleife ohne Anfang und ohne Schlussakkord: Ich vernehme Satzfetzen, als sage da einer Psalme auf, Worte aus den Korintherbriefen, aus dem Lukas-Evangelium. 23 Mitglieder der St.-Matthäus-Gemeinde haben diese Klangcollage eingesprochen. Dazwischen hört man Chorklänge, ein geisterhaftes Wispern, Flüstern, Klacken, Piepsen, Vogelzwitschern, Quietschen, Rauschen, Scheppern, Scharren, Schleifen, Rattern, Brummen, als kämen Motorgeräusche von der Potsdamer Straße oder Baugeräusche von der nahen Baustelle des Museums des 20. Jahrhunderts herein. Diese „Geräuschoper“, wie Christoph Tannert, Chef des Künstlerhauses Bethanien, den Sound in der Eröffnungsrede nennt, und der Blick auf die kargen Worte in der Apsis: wie bitte – ist das ein Angebot zur Kommunikation?
Ja, es geht ums Hörenwollen. Ums Verstehen. Oder eben auch ums Missverstehen. Hören wir überhaupt richtig zu? Ist Gottes Wort zu vernehmen? Hört uns jemand? Antwort bekommt man vom Künstler nicht. Ihm geht es um das Scheitern der Kommunikation. Es ist das ewig Menschliche.
St. Matthäus, am Kulturforum, bis 20. November, tgl. 11–18 Uhr
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