Gottes Bilder brauchen Hilfe

Sebastian Preuss
2 Min

Inmitten der Berliner Stadtwüste, im Schatten des Fernsehturms und sozialistischer Plattenbauten, steht eine letzte Oase aus dem alten Berlin: Wie ein Ufo aus ferner Vorzeit scheint die gotische Marienkirche im Bermudadreieck zwischen Alexanderplatz und Rotem Rathaus gelandet zu sein. Doch betritt man heute das Gotteshaus, dann beginnt das Staunen. Denn wie durch ein Wunder überdauerte ein großer Teil der Ausstattung alle Kriege und Bilderstürme. Derzeit beteiligt sich die Kirchengemeinde St. Petri - St. Marien an der Cranach-Ausstellung der Schlösser-Stiftung. An fast allen Pfeilern sind Altarbilder und Gedenk-Epitaphe der Renaissance aufgehängt - dort, wo sie einst hingehörten, aber seit Langem nicht mehr zu sehen waren. Und in den Vitrinen findet man Schätze aus der alten Bibliothek der Propstei der Berliner Innenstadtkirchen St. Petri, St. Marien und St. Nikolai: Totenbücher, Kirchenordnungen des 16. Jahrhunderts, Schriften der Reformatoren, die von heftigem Religionsstreit der Berliner Bürger mit den Kurfürsten zeugen.Das alles hat sich erhalten, nur wusste lange Zeit kaum jemand davon. Bis engagierte Kunsthistoriker und Theologen der Mariengemeinde vor einigen Jahren begannen, diesen Schatz zu sichten. Die Ausstellung ist ein erstes sichtbares Ergebnis, aber nur der Anfang einer gewaltigen Aufgabe. Tausende von Kunstobjekten warten in den evanglischen Kirchen Berlins und Brandenburgs auf ihre Wiederentdeckung. Viele müssten dringend restauriert werden. Genauso wichtig ist ihre Katalogisierung und wissenschaftliche Aufarbeitung. Das alles will die "Stiftung Kirchliches Kulturerbe" vorantreiben, die am Montagabend gegründet wurde.Eines stellten alle Redner unmissverständlich klar: Die Kirche soll mit den geretteten Objekten kein Museum werden, sondern in "offenen Diskursen" - so Gregor Hohberg, der smarte Pfarrer von St. Marien - die religiöse Bedeutung der Kunstwerke thematisieren. Markus Dröge, der neue Bischof von Berlin-Brandenburg, distanzierte er sich von der säkularen "Kunstreligion", die dem Museum als neuer Kathedrale der bürgerlichen Kultur huldigt. Er wählte ein drastisches Beispiel, um der Galerie die Bedeutung des Gotteshauses entgegen zu stellen: Am Tag nach dem 11. September 2001 seien die Museen dunkel geblieben, während sich der Berliner Dom zu einem großen Trauergottesdienst für die Opfer in New York öffnete. Wieder einmal wurde klar: Das Verhältnis von Kunst und Religion, einst in untrennbarer Symbiose vereint, ist heute heikel und belastet. Die neue Kunststiftung der Landeskirche wird diesen Zwiespalt nicht auflösen können. Aber sie verdient jede Unterstützung.

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