Geschichte

Gräfin Cosel: Diese Briefe zeigen ihr Leben in Gefangenschaft

Fünf originale Handschriften der Gräfin Cosel kehren auf Burg Stolpen zurück. Die Dokumente geben einen ungewöhnlich persönlichen Einblick in fast fünf Jahrzehnte Gefangenschaft.

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Fünf originale Dokumente der Gräfin Cosel sind als Schenkung auf die Burg Stolpen zurückgekehrt.

Fünf originale Dokumente der Gräfin Cosel sind als Schenkung auf die Burg Stolpen zurückgekehrt.

© Schlösserland Sachsen

Fast ein Vierteljahrhundert ist Gräfin Cosel bereits auf Burg Stolpen gefangen, als sie im Juni 1737 an ihren Hofrat Wichmannshausen schreibt. Sie ärgert sich über einen Erbschaftsstreit mit ihrer Familie und macht unmissverständlich klar, dass sie ihre Ansprüche nicht aufgeben will. Doch zugleich beschreibt sie ihre eigene Lage: Sie sitze auf Stolpen „wie ein Stummer und Tauber“, der sich von anderen regieren lassen müsse.

Es ist ein ungewöhnlich unmittelbarer Blick auf eine Frau, deren Leben bis heute vor allem mit ihrer Beziehung zu August dem Starken, ihrem Einfluss am Dresdner Hof und ihrem anschließenden tiefen Fall verbunden wird. Der Brief gehört zu fünf originalen Handschriften, die die Burg Stolpen in diesem Sommer als Schenkung erhalten hat. Sie erzählen weniger von der berühmten Mätresse als von der Frau, die nach ihrem Fall fast ein halbes Jahrhundert hinter den Mauern der Festung verbrachte.

Erbschaftsfragen trotz Gefangenschaft

Die neuen Dokumente stammen aus den Jahren 1712–1748. Vier davon entstanden während Cosels Zeit in Stolpen. Damit wächst der Bestand der Burg an originalen Cosel-Handschriften von acht auf 13 Stück. Die Dokumente waren zuvor mehr als 30 Jahre in Privatbesitz und wurden nach Angaben der Staatlichen Schlösser, Burgen und Gärten Sachsen über Generationen hinweg gut erhalten.

Was die Handschriften so interessant macht, ist vor allem ihr Inhalt. Im März und Juni 1737 beschäftigt sich Cosel ausführlich mit dem Tod ihrer Mutter und ihren eigenen Erbschaftsansprüchen. Sie verweist auf eine Mitgift von 10.000 Reichstalern, weitere finanzielle Forderungen und die aus ihrer Sicht ungerechte Verteilung des Familienvermögens. Die Briefe zeigen eine Frau, die trotz ihrer Gefangenschaft versucht, ihre Angelegenheiten selbst zu verfolgen und ihre Interessen durchzusetzen.

Dabei war Cosel keineswegs völlig von der Außenwelt abgeschnitten. Nachdem sie 1716 nach Stolpen gebracht worden war, lebte sie dort zwar unter strenger Aufsicht und durfte die Festung nicht verlassen. Sie verfügte jedoch über eigene Räume und Bedienstete und konnte ihre Angelegenheiten über Beauftragte weiter regeln. Ihre Gefangenschaft hatte damit einen privilegierten Rahmen – frei war sie trotzdem nicht.

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Wie sie selbst mit diesem Zustand umging, lässt sich aus einem weiteren Brief schließen. Im Januar 1740, nach mehr als 20 Jahren auf Stolpen, bedankt sich Cosel bei Wichmannshausen für Neujahrswünsche. Sie schreibt, sie habe gelernt, still zu leiden und zu dulden, was nicht zu ändern sei. Auf diese Weise könne sie ihre Gefühle zwar nicht überwinden, aber doch beruhigen und ihre Situation erträglicher machen.

Löschwassereimer für die Gräfin

Ein anderer Brief klingt dagegen sehr viel weniger dramatisch. Am 22. Mai 1748 geht es um zwölf Löschwassereimer. Cosel lässt Hauptmann Holm dafür sorgen, dass diese aus altem Pontonleder gefertigt und mit Pech abgedichtet werden. Vier Exemplare sollen zunächst zur Probe entstehen. Sie erinnert daran, dass sie solche Eimer schon früher in Dresden hatte anfertigen lassen, und will die Kosten selbst übernehmen.

Gerade dieses Dokument macht deutlich, wie alltäglich ihr Leben auf der Festung trotz der außergewöhnlichen Umstände sein konnte. Neben Erbschaftsangelegenheiten und der Frage, wie man Jahrzehnte der Gefangenschaft aushält, musste sich Cosel offenbar auch mit ganz praktischen Dingen beschäftigen – bis hin zum Brandschutz.

Das älteste der fünf neuen Dokumente führt dagegen zurück in eine ganz andere Phase ihres Lebens. Eine Quittung aus dem Jahr 1712 belegt, dass Cosel auf der Leipziger Neujahrsmesse 3000 Taler als zweite Rate einer Abfindung erhielt. Damals lebte sie noch am Dresdner Hof. Vier Jahre später wurde sie nach Stolpen gebracht.

Fast 50 Jahre Gefangenschaft: Auf Burg Stolpen verbrachte Gräfin Cosel den größten Teil ihres Lebens nach dem Sturz am Dresdner Hof.

Fast 50 Jahre Gefangenschaft: Auf Burg Stolpen verbrachte Gräfin Cosel den größten Teil ihres Lebens nach dem Sturz am Dresdner Hof.

© Schlösserland Sachsen

Eine Frau zwischen Hof und Festung

Anna Constantia von Brockdorff, später Reichsgräfin von Cosel, war zu diesem Zeitpunkt längst eine der bekanntesten Frauen am Hof Augusts des Starken. Nach ihrem Sturz wurde sie Ende 1716 nach Stolpen gebracht. Dort blieb sie bis zu ihrem Tod 1765 – insgesamt fast 50 Jahre.

Die nun geschenkten Handschriften erzählen einen kleinen Ausschnitt dieser langen Zeit. Sie zeigen Cosel als Frau, die weiter rechnete, stritt, Aufträge erteilte und über ihre eigene Situation nachdachte. Für die Burg sind die Originale deshalb besonders wertvoll. „Die Briefe wurden hauptsächlich hier in Stolpen verfasst und kehren nun nach langer Zeit an den Ort ihrer Entstehung zurück“, sagt Schlossleiter Uli Kretzschmar. Die Dokumente stammen aus einer Privatsammlung, die nach Angaben der Burg ursprünglich vom Komponisten Robert Volkmann (1815–1883) begründet worden sein soll. Anschließend blieben sie über Generationen in Familienbesitz. Nun gehören sie dauerhaft zur Sammlung der Burg Stolpen.

Öffentlich zu sehen sind die empfindlichen Originale allerdings nur für kurze Zeit. Vom 9.–25. Oktober sollen sie in einer kleinen Interventionsausstellung im sogenannten Coselturm gezeigt werden. Danach werden die Dokumente wieder geschützt verwahrt. Historische Handschriften reagieren empfindlich auf Licht, Temperatur und Luftfeuchtigkeit; auch sogenannter Tintenfraß kann ihnen zusetzen.

Die fünf Briefe lassen die Gräfin Cosel für einen Moment aus der großen Geschichte heraustreten. Nicht als Mätresse, nicht als Legende und nicht nur als Gefangene – sondern als Frau, die auf einer Burg sitzt, um ihr Erbe kämpft, mit ihrer Situation ringt und sich nebenbei darum kümmert, dass im Fall eines Feuers genügend Eimer bereitstehen.

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