Es geht schon lange nicht mehr nur um Graffiti. Es geht um sehr Kleines, um verschwundene Mülleimer, um die Definition von Sondermüll. Und um sehr Großes, wie die Frage, ob man Graffiti als Kunst verbieten kann, und wer Verantwortung für einen öffentlichen Park hat. Der Streit um die North Side Gallery steht kurz vor der Entscheidung.
In zwei Wochen, am 17. September, stimmt die Bezirksverordnetenversammlung (BVV) über einen Antrag von CDU und FDP ab. Gegenstand: Das bisher legale Sprayen an der 500 Meter langen Mauer am Nordbahnhof soll verboten werden.
„Es ist die größte legale Fläche Berlins. Natürlich geht da viel verloren“, sagt Tilmann Häußler, der sich für die Graffiti Lobby Berlin einsetzt. Dabei sei Berlin eigentlich die Graffiti-Hauptstadt Europas. Häußler und seine Kollegen kämpfen, das merkt man beim Spaziergang entlang der Wand, gegen mächtige Windmühlen.
Eine Passantin geht an der „Hall of Fame“ am Nordbahnhof entlang, die legal und von jedem kostenlos besprüht werden kann - noch.
© Markus Wächter/Berliner Zeitung
Die emsige Lobby
Entsprechend ist die Graffiti Lobby Berlin eine fleißige Initiative: Unermüdlich wird Pressearbeit geleistet, um durch Berichterstattung den Druck auf die Politik zu erhöhen; Letter of Intents von Klaus Lederer und Sarah Wedl-Wilson, zwei ehemaligen Kultursenatoren, wurden gesammelt. Umweltprojekte werden durchgeführt, alternative Orte gesucht, Lösungen für den Umgang mit leergesprühten Dosen diskutiert.
„Die Hoffnung stirbt zuletzt“, meint Häußler. Der 38-Jährige unterstützt seit 2020 die Initiative. Er hofft, dass die Parteien, die in der BVV einen Unterschied machen können, noch „zur Vernunft kommen“. SPD, Grüne und Linke hätten bislang auf Seiten der Lobby gestanden, die Grünen schwanken momentan aufgrund der Umweltargumente.
Der Lobby läuft die Zeit davon. Dabei sind die zentralen Sachfragen noch gar nicht beantwortet: Einerseits wird die Schließung mit einem Müllargument begründet, das aus Sicht der Lobby nicht belegt ist. Andererseits geht der Blick in die Zukunft nach einer versprochenen Alternative, die noch nicht vorhanden ist.
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Müll im Park: Ein Kampf im Klein-Klein
Das Hauptargument der CDU gegen das legale Sprühen ist die Müllbelastung im Park. Anwohner hätten sich beschwert. Außerdem seien nicht nur die Wand besprüht worden, sondern auch Boden und Bäume. Zusätzlichen Rückenwind holt sich die CDU aus der Forschung. Eine Studie des Biologen Prof. Dr. Matthias C. Rillig von der FU Berlin hat im Mauerpark eine besonders hohe Belastung durch Mikroplastik von der dortigen Sprühfarbe im Boden festgestellt.
Das Müllproblem ist komplex: Sind die Sprühdosen Sondermüll? Das Bezirksamt sagt Ja, und rechtfertigt damit, dass das Problem nicht einfach durch Mülleimer gelöst wäre. Die Industrie-Gemeinschaft Aerosole e.V. verneint das hingegen in einer E-Mail gegenüber der Graffiti-Lobby, die der Berliner Zeitung vorliegt.
Am südlichen Parkeingang erzählt Häußler von einem Mülleimer, der Ende 2024 plötzlich von hier fort und laut Bezirksamt versetzt worden sei. „Wir haben das ganze Gebiet abgesucht, wir finden ihn nicht“, sagt er. „Man sollte Mülleimer auch finden können, wenn man will, dass sie benutzt werden.“
Der besprühte Baum ärgert auch Häußler: „Wenn wir jemanden sehen, der das macht, sagen wir dem auch ein paar Takte.“
© Markus Wächter/Berliner Zeitung
Mikroplastik im Boden
Weiterhin werde die Mikroplastik-Studie falsch instrumentalisiert, so die Auffassung der Lobby: Das Mikroplastik habe mit der Entsorgung oder dem mutmaßlichen Auslaufen liegengebliebener der Dosen aber gar nichts zu tun. Die Dosen seien viel zu sicher produziert dafür.
Häußler fasst seine Sicht zusammen: „Auf einmal ist der CDU Biodiversität wichtig.“ Er ist überzeugt: Ginge es hier um eine Autobahnauffahrt, wäre die Umwelt der CDU egal. So hätten sie aber die Grüne mit ins Boot holen können.
Insgesamt ergibt sich ein Bild an Streitigkeiten zwischen der Graffiti Lobby und dem Bezirksamt sowie der CDU, das mit gesprühten Bildern an Wänden längst nichts mehr zu tun hat, sondern sich im Klein-Klein verliert. Ist das noch deutsche Bürokratie? Häußler meint: „Wenn sie keinen Bock haben, kommen sie mit Regeln.“
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Der Standort
Die Frage, ob man eine Alternative finden kann, beantwortet Häußler trocken: „Welche anderen 500 Meter sollen das sein?“ In Mitte sieht die Lobby keine Alternative, und an den Stadtrand will sie sich nicht drängen lassen. Auch der Standort als Tourismusmagnet wird regelmäßig als Argument angeführt. Während des Spaziergangs fährt eine Radtour vorbei, die Touristen die Kunst zeigt.
Daniela Fritz, die Vorsitzende der CDU-Fraktion in der BVV Mitte, sagt dazu auf Anfrage der Berliner Zeitung: „Ein konkreter Vorschlag für eine Alternativfläche ist Aufgabe des Bezirksamtes. Bisher liegt uns dazu nichts vor.“ Prinzipiell sei sie für alle Orte offen, „die umfassend geeignet sind, sodass ein sicheres und ordnungsgemäßes Sprayen möglich ist, ohne negative Auswirkungen auf Mensch und Natur.“
Explizit will die Lobby mehr legale Flächen, die nicht in Jugendfreizeiteinrichtungen liegen, sondern gerade für Erwachsene zugänglich sind. „Manche von uns Sprayern gehen bald in Rente“, sagt Häußler.
Häußler führt an der Hall of Fame entlang. Ein Lieblingsstück habe er nicht, dazu werde alles viel zu schnell wieder übersprüht.
© Markus Wächter/Berliner Zeitung
Damit ist auch ein Aspekt angestoßen, der eine mögliche Fehlvorstellung ausräumt: Gesprayt wird nicht nur von rebellischen, männlichen Jugendlichen, sondern immer mehr von FLINTA-Personen und Erwachsenen.
Empowerment für Frauen
Die Gruppe der Sprayer werde immer diverser, so Häußler. Gerade die North Side Gallery sei ein Ort, wo viele anfangen und lernen. Es gebe „einen massiven Shift weg von der männlichen Dominanz“ der Szene, sagt Häußler. Doch nicht nur viele Frauen wollten legal dem Hobby nachgehen, statt sich im Dunkeln an womöglich gefährliche Orte zu begeben, wo Vermummte illegal sprühen.
„Manche wollen das Adrenalin“, gibt er zu, aber das seien womöglich zehn Prozent. Viele der Sprayer seien älter geworden, hätten Kinder. Diese Gruppe wolle einfach entspannt malen.
Damit wird auch die Frage neu aufgeworfen, wer unter dem Verbot leiden würde. „Ich verstehe die Grünen dahingehend nicht“, sagt Häußler, falls diese dem Antrag zustimmen würden. Denn: Die North Side Gallery sei „auch Empowerment für Frauen“. Wenn keine vergleichbare Alternativfläche gefunden wird, wäre für viele das Hobby vorbei.
Ob es diese geben wird, ist allerdings ungeklärt. Daniela Fritz betont dazu, eine Ersatzfläche solle „an einem Ort sein, an dem sich alle Künstlerinnen und Künstler sicher fühlen können. Ich möchte darauf hinweisen, dass illegales Sprayen verboten ist und wir uns gerade deshalb für eine (geeignete) legale Ersatzfläche einsetzen.“
Die Hall of Fame hat klare Regeln für die Künstlerinnen und Künstler. Mit Blick auf die Abschaffung hat sie mancher allerdings schon für „tot“ erklärt.
© Markus Wächter/Berliner Zeitung
„Das Müllproblem würde sich vergrößern“
Der Ausgang der Abstimmung ist offen. Ob der Antrag, wenn beschlossen, seine gewünschte Wirkung entfaltet, ebenso. „Das Müllproblem würde sich vergrößern“, prophezeit Häußler. Trotz werde bei manchen sicher eine Reaktion. Hinzu kommt: Wer legal sprüht, nimmt seinen Müll mit. Wer er es illegal tut, lässt seine Dosen explizit liegen, um nicht mit ihnen erwischt zu werden. Vielleicht ist Legalität gar keine so schlechte Idee.
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