Heraus zu neuen Taten. Vorwärts zum 50. Jahrestag der DDR. Hurra, die Mauer wird wieder aufgebaut", jubiliert der frisch coiffierte Leander Haußmann. In der Brusttasche piepst das Handy, doch der Künstler ist jetzt absolut unabkömmlich: Pressetermin in Babelsberg. Der Intendant des Schauspielhauses Bochum stellt sich vor das fünf Meter hohe Staatsemblem der DDR, wie es an der Staatsgrenze zu Westberlin stand, zum Gruppenbild. Aufgeregt flattern zwei DDR-Staatsflaggen dazu, als ein gutes Dutzend von Pressefotografen demütig in die Knie sinkt, den Beginn von Dreharbeiten abzulichten. Leander Haußmann, Jahrgang 1959, aufgewachsen in Ostberlin, inszeniert seinen ersten Spielfilm. Haußmann hat es eilig. Er will nicht, daß ihm "Wessis den Stoff wegschnappen". Neben ihm übt sich der Westfilmregisseur Detlef Buck in verbaler Zurückhaltung. Buck produziert den Film. Im Gespräch wird er sich als Kenner der DDR enttarnen, fuhr er doch vor der Wende dreimal auf der Transitstrecke durch. Er spielt auch eine Rolle, nämlich die, wovon er folglich etwas versteht, den ABV.ABV war die Abkürzung für Abschnittsbevollmächtiger der Volkspolizei. Das war ein Aufpasser für mehrere Straßenzüge. Der Genosse ABV Buck observiert den Teil der Sonnenallee, die in Berlin-Treptow liegt, also im Osten, dem "kürzeren Ende", wo Leander Haußmann aufwuchs. Es ist Haußmanns Geschichte, die erzählt wird, als er sechzehn war, und die von vier weiteren jungen Leuten, die sich 1975 mehr für die Sonnenallee in Neukölln, Westen, interessierten, als die Volkspolizei erlaubte: Micha, Miriam, Wuschel, Appel und Kosscke. Sie werden von einer "Riege aufregender neuer Gesichter" gespielt, versicherte die Einladung. Die Riege war sowenig anwesend wie die Erwachsenendarsteller Henry Hübchen, Katharina Thalbach, Ignaz Kirchner, Annika Kuhl, Margit Carstensen und Traute Hoess. Leander Haußmann will seinen Spielfilm "Sonnenallee" am 7. Oktober 1999 uraufführen, da wäre die DDR fünfzig Jahre alt geworden. Eigentlich ist es eine kleine Liebesgeschichte im Schatten der Mauer. Haußmanns Ko-Autor Thomas Brussig hält sich zum Pressetermin schüchtern in Reichweite. Neben Haußmann und Buck gruppieren sich Herren des Filmmanagements, die sich vor Eifer gegenseitig auf die Füße treten. Alle sind "wahnsinnig glücklich". Sie erläutern ein Modell des Grenzübergangs, als bauten sie eine neue Stadt. Zu sehen ist nur ein Gerüst, an das Fassaden angehängt werden sollen. Der Rohbau wirkt, als würde auf dem Rummel eine Achterbahn aufgebaut. Die Baukrähne lärmen.Es ist Kaiserwetter. Die Sonne strahlt auf das neue Freigelände des Studios Babelsberg, als wäre sie von der Treuhand engagiert. Die Straße nebenan heißt Marlene-Dietrich-Allee. Wir stehen im Staub auf dem alten Defa-Acker, wo der Grenzübergang Sonnenallee komplett mit Mauer, Abfertigung und Panzersperren nachgebaut wird. Er soll stehenbleiben, für weitere Filme. Der Vorsitzende der Geschäftsführung von Studio Babelsberg, Friedrich-Carl Wachs, spricht glückstrahlend in die Reportermikrophone, daß sein Studio "aufgenordet" werde durch dieses neue Freigelände, zu dem heute der Grundstein gelegt wird. Die Herren mauern eine Kassette mit dem Drehbuch, mit DDR-Münzen und Zeitungen ein.Alles sei beispielhaft. "Diese Straße ist die aufwendigste Kulisse, die seit der Wiedervereinigung in Babelsberg gebaut wird. Wir reagieren mit diesem Projekt auf die Nachfrage nationaler und internationaler Produzenten." Ein Schwärmen, als würde Hollywood erfunden. Jetzt werden Schnittchen und Erdbeerquark gereicht. Leander Haußmann wiederholt in Dutzenden von Radio- und Fernsehinterviews, warum er diesen Film drehen muß. "Die Zeit ist reif zu zeigen, wie es wirklich war, nicht weinerlich, dafür aber sentimental, komisch und übertrieben. Kommen wir dem Wunsch vieler Bürger dieses Landes nach und bauen wir für neunzig Minuten die Mauer wieder auf." Haußmann hat auch ein Motto gefunden: "Mit der Monotonie dieses Jä.Jä.Jä. und wie das alles heißt, sollte man doch Schluß machen." Das stammt von Walter Ulbricht.
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