Landtagswahl

Grüne im Wahlkampf-Endspurt in MV: Reicht die Angst vor der AfD für Stimmen?

Die Grünen werben jetzt vor allem damit, dass ihr Einzug in den Landtag auf der Kippe steht. Nicht alle Besucher in Rostock lassen sich davon überzeugen.

8 Min
Kurz vor der MV-Wahl wird es für die Grünen eng. In Rostock treffen Kritiker und überzeugte Anhänger aufeinander.

Kurz vor der MV-Wahl wird es für die Grünen eng. In Rostock treffen Kritiker und überzeugte Anhänger aufeinander.

© Bernd Wüstneck/dpa

Auf dem Kröpeliner-Tor-Vorplatz in Rostock wird am Donnerstagnachmittag frittiert und die grüne Wahlkampf-Pauke geschlagen. Drei Tage vor der Landtagswahl will das Bündnis noch einmal zeigen, dass es eine Partei mit Ideen, Kultur und jungen Leuten ist. Gleichzeitig kämpft es darum, am Sonntag überhaupt ins Schweriner Schloss einzuziehen.

Seit einigen Tagen wirbt Spitzenkandidatin Claudia Müller mit einem Satz: „Wer Schwesig will, muss Grün wählen.“ Die Partei versucht so, in den letzten Atemzügen des Wahlkampfs aus ihrer eigenen Unsicherheit Stimmen zu ziehen. Wer eine stabile Mehrheit wolle, wer die AfD von einer Regierungsbeteiligung fernhalten wolle, wer Schwesig behalten wolle, ja, der solle eben Grün wählen – wie einfach! Nur bleibt die Frage, was die Grünen außer diesem Argument noch zu bieten haben.

Müller: BSW könnte stärker abschneiden als erwartet

Im Gespräch mit dieser Zeitung am Rande der öffentlichen Veranstaltung hält Claudia Müller an ihrer Aussage fest. Sie halte es trotz der aktuellen Umfragewerte für möglich, dass das BSW den Einzug schafft, und verweist auf die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt, wo auch das BSW am Wahlabend stärker abgeschnitten hatte als zuvor in den Umfragen. „Und da jetzt zu glauben, dass das hier nicht passiert, das halte ich für blauäugig“, sagt sie.

Was die Grünen sonst noch zu bieten haben? Müller muss nicht lange überlegen. „Wir wollen das U27-Ticket, also kostenlos Bus und Bahn für alle unter 27“, sagt sie. Dazu komme der Ausbildungsstartbonus von 1500 Euro. Menschen, die in der Nähe von Windkraftanlagen leben, sollen stärker davon profitieren. Müller spricht von einer Entlastung für Haushalte im Umkreis von 2,5 Kilometern, die ungefähr einem Viertel der Stromkosten entsprechen könne.

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Auf dem Platz ging es dagegen bislang nur um Demokratie, Menschenrechte, Freiheit und immer wieder um die AfD. Auf die Frage, ob die konkreten eigenen Inhalte im Endspurt nicht doch in den Hintergrund geraten seien, widerspricht Müller. Und heute? „Das kommt noch“, sagt sie entschlossen. Das Programm endet ja auch erst um 21 Uhr.

Ole Krüger und Claudia Müller beim Grünen-Wahlkampfhöhepunkt in Rostock. Drei Tage vor der MV-Wahl kämpft die Partei um den Wiedereinzug in den Landtag.

Ole Krüger und Claudia Müller beim Grünen-Wahlkampfhöhepunkt in Rostock. Drei Tage vor der MV-Wahl kämpft die Partei um den Wiedereinzug in den Landtag.

© Ronja Ackermann/Ostdeutsche Allgemeine

Fünf Prozent? Für die einen Grund genug, für andere egal

Thomas Hersch, Mitte 50, grauer Pullover, weißes Haar und Schnäuzer über der Lippe, steht mit verschränkten Armen etwas hinter der Menge. Er sei eigentlich nur stehen geblieben, weil er auf jemanden warte. Grün gewählt habe er noch nie. „Mir ist das immer zu moralisch. Die sollen mal lieber anfangen, Tacheles zu reden“, sagt er.

Trotzdem hört er eine Weile zu. Dass die Partei um fünf Prozent kämpft, ist ihm egal. „Wenn die Leute sie wollen, kommen sie rein. Wenn nicht, dann nicht. So funktioniert’s doch.“ Dann tritt er seine Zigarette auf dem Boden aus, geht zum Getränkestand und nimmt sich eine kostenlose Apfelschorle. Wo er am Sonntag sein Kreuz setzt, möchte der gebürtige Rostocker nicht sagen.

Am Getränkestand steht auch die 34‑jährige Alin V. mit Kind an der Hand. Die Rostockerin sagt offen, dass sie die Grünen wählt. „Ich hab diesmal, ehrlich gesagt, nur einen Grund“, lacht sie. Klimaschutz sei ihr wichtig, aber entscheidend sei für sie die Mehrheitsfrage. „Wenn die bei 15 Prozent wären, könnte ich nochmal überlegen. Bei fünf Prozent denke ich schon: Okay, dann braucht es die Stimme vielleicht wirklich. Ich will auf keinen Fall das BSW oder die AfD“, sagt die studierte Sozialarbeiterin. Dass die Grünen genau mit diesem Argument werben, stört sie nicht. „Ist doch legitim. Die SPD macht das ja auch. Und recht haben sie: Wir müssen alles daran setzen, unsere demokratischen Werte zu verteidigen.“

Beim Wahlkampfhöhepunkt der Grünen auf dem Kröpeliner-Tor-Vorplatz in Rostock verfolgen mehr als 200 Besucher das Programm aus Politik, Musik und Kultur.

Beim Wahlkampfhöhepunkt der Grünen auf dem Kröpeliner-Tor-Vorplatz in Rostock verfolgen mehr als 200 Besucher das Programm aus Politik, Musik und Kultur.

© Ronja Ackermann/Ostdeutsche Allgemeine

Grüne werben mit Stabilität – nach internen Konflikten

„Das ist durchaus eine Schicksalswahl“, sagt auch der Grünen-Landesvorsitzende Ole Krüger im Gespräch mit dieser Zeitung. Diesmal gehe es für ihn nicht nur um die Frage, ob am Ende „eine progressive oder eine konservative Regierung“ zustande komme, sondern darum, „ob wir überhaupt eine demokratische Regierung bilden können.“

Hinter seiner Landesfraktion liegen heftige interne Auseinandersetzungen: Hannes Damm, damals Grünen-Abgeordneter und stellvertretender Fraktionsvorsitzender, stellte sich hinter einen Mitarbeiter, der Vorwürfe gegen Fraktionschefin Constanze Oehlrich erhoben hatte. Oehlrich wies die Vorwürfe zurück, die übrigen Fraktionsmitglieder warfen Damm wiederum einen schweren Vertrauensbruch vor und schlossen ihn später aus der Fraktion aus.

Der Streit zog sich bis in den Wahlkampf: Die Landesliste wurde neu aufgestellt und Oehlrich trat schließlich im August als Fraktionsvorsitzende zurück. „Da hat es einen Bruch gegeben, der uns wirklich ordentlich durchgeschüttelt hat“, sagt der Landesvorsitzende Krüger. Die Partei habe reagiert und sei dadurch auch enger zusammengerückt. Nun wirbt die Partei damit, für stabile politische Verhältnisse gebraucht zu werden.

Die Schlange hat sich den ganzen Nachmittag nicht aufgelöst: Kostenlose Pommes gehören zum Wahlkampfhöhepunkt der Grünen in Rostock dazu.

Die Schlange hat sich den ganzen Nachmittag nicht aufgelöst: Kostenlose Pommes gehören zum Wahlkampfhöhepunkt der Grünen in Rostock dazu.

© Ronja Ackermann

Die Grünen wollen raus aus ihrer Akademiker-Blase

Seit 2020 führt Krüger den Landesverband. In diesen sechs Jahren hätten die Grünen versucht, „aus den Universitätsstädten ein bisschen rauszukommen“, sagt er.

Dass ausgerechnet die Grünen, die sonst als Partei der Akademiker verstanden werden, stärker Arbeiter erreichen wollen, findet Sebastian Hüller im Gespräch ein paar Stunden vor der Wahlkampfveranstaltung wichtig. Der 26-Jährige könnte am Sonntag das erste Mal für die Grünen in den Landtag einziehen. Er hat kein Abitur, keinen Uniabschluss, stattdessen eine Ausbildung zum Fachinformatiker. „Arbeiter müssen wir nicht wieder erreichen, die müssen wir überhaupt mal erreichen“, sagt er über seine Partei.

Sebastian Hüller könnte am Sonntag erstmals für die Grünen in den Landtag in Mecklenburg-Vorpommern einziehen. Er will mit der Partei die Arbeiterklasse erreichen.

Sebastian Hüller könnte am Sonntag erstmals für die Grünen in den Landtag in Mecklenburg-Vorpommern einziehen. Er will mit der Partei die Arbeiterklasse erreichen.

© Ronja Ackermann

Wenn Menschen ihre Miete nicht mehr bezahlen oder sich Kulturangebote nicht mehr leisten können, rückten andere Themen zwangsläufig nach vorn. Politische Aufmerksamkeit verschiebe sich eben dorthin, „wo es am meisten drückt“.

Mit der Grünen Jugend, deren Vorsitzender er ist, veranstaltet er am Vormittag einen Fahrrad-Rave durch Rostock. Ein DJ-Duo fährt mit und lässt Techno aus den Boxen dröhnen. Unter dem Motto „Bass braucht Platz“ fährt die Gruppe aus insgesamt 16 Leuten neun Rostocker Clubs mit dem Fahrrad an.

Damit wollen sie auf steigende Eintrittspreise, bedrohte Clubs und fehlende Räume für junge Menschen aufmerksam machen. Hüller sagt, viele dieser Orte lebten „von Ehrenamt und Selbstausbeutung“. Und „nicht nur in Rostock sterben Clubs und Kulturzentren, sondern im ganzen Osten“, so Hüller.

Lang: Antisemitismusfragen bei Linken sind „ungeklärt“

Vor der großen Bühne vor dem Kröpeliner-Tor steht Ricarda Lang am späten Nachmittag in einem grünen Kleid und kommt nicht von der Stelle. Immer wieder kommen Menschen auf sie zu und bitten um ein Foto oder wollen ihr einfach nur einmal sagen, wie toll sie die ehemalige Bundesvorsitzende finden.

Kurz zuvor hat Michel Friedman auf der Bühne eine Warnung ausgesprochen. „Sollten die Grünen in Berlin mit der antisemitischen Linken koalieren, verlieren sie ihre Seele“, sagt er. Hintergrund ist die Landtagswahl in Berlin, die ebenfalls am Sonntag stattfindet. Nach den aktuellen Umfragen könnte dort unter anderem ein Dreierbündnis aus Linken, Grünen und SPD eine Mehrheit erreichen.

Bei einer Wahlkampfveranstaltung des Neuköllner Bezirksverbands trat Ende Juli der Rapper Dahabflex auf und sang unter anderem „Yalla Yalla Intifada“ („Auf zur Intifada“) und „Death to the IDF“ („Tod den israelischen Streitkräften“). Linken-Spitzenkandidatin Elif Eralp verurteilte den Auftritt anschließend scharf. Bereits im Juni hatten Recherchen des Bayerischen Rundfunks antisemitische Äußerungen von Funktionären der Linksjugend in internen Chats öffentlich gemacht, darunter die Parole „Israel verrecke“.

Eine mögliche Zusammenarbeit mit der Linken in Berlin schließt Lang nicht aus, sagt sie im Gespräch mit der OAZ. Zuvor müssten die dortigen Antisemitismusdebatten aber geklärt werden. Ob das aus ihrer Sicht bisher geschehen ist? „Ungeklärt“, sagt sie knapp. „Vor möglichen Koalitionsverhandlungen muss sich die Partei in diesen Fragen klar positionieren.“

Die demokratischen Parteien müssten generell wieder deutlicher zeigen, wofür sie selbst stehen und worüber sie miteinander streiten. „Wir wollen nicht nur verteidigen. Wir wollen Demokratie mit Leben füllen“, sagt sie. „Ich glaube, das Beste, was man gegen die AfD tun kann, ist nicht nur über die AfD zu reden, sondern über eigene Visionen. Wir dürfen nicht so wirken, als wollen wir einfach nur die Gegenwart verteidigen und verlängern, so wie sie ist.“

MV-Wahl: Warum diese Wählerin Grün wählt

Am frühen Abend ist auf dem Platz vor der Bühne noch richtig was los: Kinder greifen Popcorn und Eis ab, die Erwachsenen stehen beisammen und lauschen dem Programm aus Musik und politischen Talks. Luzilla Hombeck sitzt auf einer der Bierzeltgarnituren vor dem Pommeswagen. „Ich wähle die Grünen, weil ich will, dass Klimaschutz, soziale Fragen und eine vernünftige Verkehrspolitik im Landtag überhaupt noch eine Stimme haben“, sagt die 24-Jährige. „Wenn sie bei zwölf Prozent stünden, würde ich sie genauso wählen. Und ich denke, viele, die hier stehen, sehen das genauso wie ich.“

Am Ende bleibt für die Grünen trotzdem die Rechnung, mit der sie seit Tagen in diesen Wahlkampf ziehen: Wer Schwesig behalten will, soll Grün wählen. Ob die Ministerpräsidentin selbst von diesem Slogan begeistert ist, weiß Müller nicht. Eine Reaktion habe es nicht gegeben. „Jeder wirbt für sich“, sagt sie. Drei Tage noch.

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