BERLIN. Lange war es um Joschka Fischer still. Der einstige Übervater der Grünen hatte sich in Parteiangelegenheiten zuletzt nur sehr selten zu Wort gemeldet. Die meisten in der Ökopartei sind darüber froh. Vielen von ihnen stecken noch die sieben grünen Regierungsjahre in den Knochen, in denen außer dem Wort des Ex-Vizekanzlers kein anderes in der Partei geduldet wurde. Zudem gibt es kaum etwas Unangenehmeres für eine nachwachsende Politikergeneration, als von einem alternden Politpensionär, und sei er noch so prominent, ständig gute Ratschläge zu erhalten.Tiefschlag von Joschka FischerAusgerechnet jetzt hat sich Joschka Fischer zu einem Thema zu Wort gemeldet, das den Grünen in den kommenden Monaten noch viel Kopfzerbrechen bereiten dürfte: der Energiepolitik. In einem Interview mit einem Umweltmagazin stellte Fischer, der sich in seinen späten Regierungsjahren kaum noch für ökologische Themen interessierte, einen zentralen Baustein der grünen Wahlkampfstrategie der kommenden Jahre in Frage. Es geht um das von den Grünen beschlossene Aus für Kohlekraftwerke. "Es wäre ein Riesenfehler von Grünen und Umweltbewegung, wenn sie an diesem Punkt unrealistisch sind", las Fischer seiner Partei die Leviten. Und zeigte sich sogar offen für den Bau neuer Kohlekraftwerke, wenn diese mit klimafreundlichen Techniken ausgerüstet werden.Für die Partei, die landauf, landab für den gleichzeitigen Ausstieg aus der Kernenergie und der Kohleverstromung wirbt, muss das ein Tiefschlag sein. Zumal sich ihr kommender Parteichef Cem Özdemir zuletzt in einem Interview mit ähnlichen Gedankenspielen befasste - diese nach heftigen Protesten aber eilig wieder zurückzog. Die Ex-Staatssekretärin im grünen Umweltministerium, Margareta Wolf, war wegen ihren abweichenden Meinungen in der Kohle- und Energiepolitik sogar mit einem Parteiausschluss bedroht worden, verließ die Grünen dann aber freiwillig.Die Ratschläge Fischers kommen also zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt. Auch weil die Grünen in Hamburg, wo sie mit der CDU regieren, in Kürze die Praxistauglichkeit ihrer Vorschläge ganz real unter Beweis stellen müssen. Bis zum Ende des Monats hat dort die grüne Umweltsenatorin Anja Hajduk zu entscheiden, ob sie das Kohlekraftwerk Moorburg, gegen das die Grünen im Wahlkampf noch zu Felde zogen, genehmigt. Nach allem, was man hört, dürfte der Bau des 1 600-Megawatt-Meilers, der noch von der Vorgängerregierung beschlossen wurde, kaum zu verhindern sein. Dann aber dürfte es an der grünen Basis zu einem heißen Herbst kommen, im Hamburg wie im Bund. Und Joschka Fischer wird sich zurücklehnen und sagen, er habe es schon immer gewusst.------------------------------Studie gegen StudieGleich zwei aktuelle Gutachten befassen sich mit der Frage, ob es in Deutschland zu Stromknappheit und damit verbunden zu höheren Strompreisen kommen würde, wenn die Atomkraftwerke abgeschaltet und keine neuen Kohlekraftwerke errichtet würden.Die staatlich kontrollierte Deutsche Energie-Agentur dena hat errechnet, dass im Jahr 2020 eine "Stromlücke" von 12 000 Megawatt klaffen wird. Das entspräche der Leistung von 15 Großkraftwerken."Um die Versorgungssicherheit zu bezahlbaren Strompreisen zu gewährleisten, müssen neue effiziente Kohle- und Erdgaskraftwerke gebaut werden", sagte dena-Chef Stephan Kohler.Greenpeace hingegen bezeichnet die dena-Prognose als "gezielt gestreutes Märchen" und Wahlkampfpropaganda.Berechnungen der Aachener Ingenieurfirma EUtech GmbH zufolge sei mit einer Überkapazität von etwa zwölf Großkraftwerken zu rechnen.
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