Wenn die deutsche Nationalmannschaft spielt, tut man bekanntermaßen gut daran, möglichst früh im auserkorenen Public-Viewing-Lokal zu erscheinen. Vier Stunden vor Anpfiff muss man da oftmals erst gar nicht mehr ankommen – mit den eingeschworenen Fußballfans ist schließlich nicht zu spaßen.
Bei Modefans läuft das Spiel anders. Das ließ sich bei der gestrigen Watch Party der Gucci-Show im Route 66 Diner in Charlottenburg beobachten, auf der hunderte Modebegeisterte zusammenkamen, um die neue Kollektion für Frühling/Sommer gemeinsam anzuschauen.
Es war die erste Veranstaltung ihrer Art in Berlin. Dahinter steckt der französische Influencer und Modekritiker Lyas, der mit seinen pointierten Rezensionen auf TikTok und Instagram eine riesige Community begeistert. Er gilt als eine der prägenden Stimmen einer neuen Generation von Modejournalisten, die Luxusmode nicht mehr nur im elitär-geschlossenen Zirkel diskutieren wollen.
Das Modepublikum setzt beim Public Viewing auf Sekt.
© Maximilian vom Hofe
Alles begann im Juni 2025, als Lyas keine Einladung zur Dior-Modenschau erhalten hatte und sich spontan aus Protest dazu entschied, in einer kleinen Pariser Bar eine Watch Party zu veranstalten. Statt die Runways ausschließlich einer exklusiven VIP-Elite vor Ort vorzubehalten, holt er die Livestreams seither in zugängliche, nahbare Locations – von Bars über Diner bis hin zu Kulturzentren.
Bei gemeinsamem Essen und Trinken schauen Modefans die Shows live, analysieren die Kollektionen in Echtzeit und tauschen sich ohne steife Branchenetikette aus. Mit diesem Konzept bricht Lyas bewusst die Barrieren der traditionellen Fashion Weeks auf. Inzwischen hat sich das Format zu einer riesigen Bewegung entwickelt, die nun erstmals auch international stattfindet. Neben Berlin wird das Konzept unter anderem auch in London, Brüssel und Helsinki stattfinden.
In Modekreisen kommt man nicht gerne zu früh
Doch zurück ins Route 66 Diner am Freitagnachmittag: 20 Minuten bevor die Türen öffnen sollen, herrscht dort gähnende Leere. Ein paar schwarzgekleidete Personen sitzen an den draußen stehenden Holztischen und rauchen schweigend, während sie am Handy scrollen. In der Modeszene kommt man nicht gerne zu früh.
Ein DJ-Set sorgte für Clubatmosphäre.
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Unter den Wartenden ist auch die 20-jährige Holly Bode, die erst eine Woche zuvor nach Berlin gezogen war. Sie ist Fan der Idee, Mode für alle zugänglich zu machen – ganz ohne exklusive Einladung. Neben der Mode steht für sie vor allem der soziale Aspekt im Vordergrund: „Das ist der perfekte Ort, um neue Leute kennenzulernen und sich mit anderen zu connecten, die dieselbe Leidenschaft teilen“, erzählte sie.
Ein paar Tische weiter saßen Lisa (34) und Joe (27). Für sie als „Normalos“ sei die Modewelt sonst streng verschlossen. Umso bemerkenswerter findet Lisa den kostenlosen Zugang: So könnten auch Menschen teilhaben, die am Ende des Monats finanziell nicht viel übrig hätten. Joe ergänzt, wie gewinnbringend das Format für die Community sei: Es biete der Anhängerschaft von Lyas endlich die Chance, sich auch in Berlin persönlich zu vernetzen und auszutauschen.
Inzwischen ist es 13:30 Uhr, um 14:00 Uhr ist Anpfiff, also Show-Beginn. Langsam bildet sich eine Schlange an der Tür zum Diner – auf jeglichen Modepartys meistens der heißeste Hinweis darauf, wo sich die Bar mit den Freigetränken befindet. Denn was wäre eine Public-Viewing-Veranstaltung ohne etwas zum Anstoßen? Bier steht an diesem Freitagnachmittag weniger hoch im Kurs; man greift zu Sekt und Spritzvariationen.
Partyatmosphäre am frühen Nachmittag
Drinnen heizt eine DJ dem Publikum mit Pop-Remixes ein, langsam kommt die Ahnung einer Clubatmosphäre auf. Die Gäste haben sich in Schale geworfen: übergroße Sonnenbrillen, Skinny Jeans, hervorblitzende Tangas, High Heels und dramatisches Make-up. Immerhin ging es um Gucci – unter jungen Modebegeisterten eines der derzeit meistverfolgten Modehäuser, nachdem Designer Demna Gvasalia im Frühjahr 2025 die kreative Leitung übernommen hatte.
Pünktlich um 14 Uhr war das Route 66 Diner proppenvoll.
© Maximilian vom Hofe
Davor prägte er bei Balenciaga und Vetements eine Ästhetik, die inzwischen zu seiner Design-DNA geworden ist: Demna steht wie kaum ein anderer für die Verschmelzung von Streetwear und High Fashion, Oversized-Silhouetten, düstere Subkultur-Einflüsse sowie die Ironisierung von Alltagsgegenständen und Konsumkultur. Seine Entwürfe fordern den klassischen Luxusbegriff heraus und machen ihn zu einem der einflussreichsten Modeschöpfer der Gegenwart.
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Einzig ein Tisch mit drei älteren Damen tanzt aus der Reihe. Ob sie auch für die Watch Party hier wären? „Watt isn ditte?“ – die Rückfrage. Nach einer kurzen Einweisung in die Thematik erklären sie, dass sie hier einfach nur ein Käffchen trinken wollten, da sie sich lange nicht gesehen hatten. Aber vielleicht würden sie ja mal einen Blick über die Schulter auf den Bildschirm werfen.
Sie hostete die Berlin-Ausgabe der Watchparty: Model und Künstlerin Ivana Vladislava.
© Maximilian vom Hofe
Wenige Minuten vor Show-Beginn greift Gastgeberin Ivana Vladislava zum Mikrofon. Sie ist Model sowie Künstlerin und hat von Lyas den Freifahrtschein bekommen, sein Format in Berlin zu veranstalten. Sie wünscht den laut Veranstaltern mehr als 800 Anwesenden eine gute Show – und schon blitzt auf den Dutzenden Bildschirmen der Livestream aus Mailand auf. Dort ist zu sehen, wie sich die Zuschauerränge parallel zu den roten Ledercouches im Berliner Diner füllen.
Alle Augen auf Mailand
Unter dem Motto der „Store Show“ wurde in Mailand eigens eine riesige Kulisse aufgebaut, die als Nachbildung eines Gucci-Flagship-Stores das neue Verkaufskonzept des Modehauses nachempfinden sollte.
Kurz vor Beginn der Show teilte Demna auf Instagram ein persönliches Statement, in dem er „The Store Show“ als die erste Kollektion ankündigte, die seine vollständige, eigene Vision für Gucci offenbare. Gucci stehe im Kern für das Verlangen nach einer glamouröseren Welt – und für den Mut, diese Welt nach eigenen Vorstellungen neu zu erschaffen. Eine Beschreibung, die erstaunlich gut auf die im Diner Anwesenden zutrifft.
Dutzende Screens, die drinnen und draußen vor dem Diner montiert waren, verschmolzen Berlin und Mailand kurz zu einer Einheit.
© Maximilian vom Hofe
Gebannte Blicke Richtung Screens.
© Maximilian vom Hofe
Dann ist es schließlich so weit, das Stimmengewirr verstummt. Das erste Model bahnt sich seinen Weg über den Mailänder Laufsteg und über die Screens in Berlin-Charlottenburg.
Große Gefühlsausbrüche sollen an diesem Nachmittag allerdings ausbleiben – zumindest, wenn man denn Fußball-Public-Viewing als Vergleichsmaßstab heranziehen möchte.
Nur hier und da ist leises Tuscheln zu hören, um Gedanken über die Entwürfe auszutauschen. Ansonsten vermengte sich die Stille mit den weißen Zigarettenrauchschwaden zu einer rund zehnminütigen Andacht. Einzig als Model Alex Consani in einem hochgeschlitzten Kleid über den Laufsteg schreitet, lässt sich die Menge zu verhaltenem Jubel hinreißen.
Gezeigt werden rund 68 Looks, mit denen Demna unter Beweis stellt, dass er es versteht, auch die traditionsliebenden Gucci-Kunden abzuholen. Den Auftakt bilden elegant geschnittene Ensembles mit klaren Reitsport-Referenzen wie kniehohen Lederstiefeln, figurbetonten Blazern und hohen Stehkragen. Im weiteren Verlauf der Show prägen scharf taillierte Hosenanzüge, extrem tiefe Hüftschnitte und enganliegende Lederkreationen das Bild.
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Ergänzt werden die Entwürfe durch voluminöse Lederbomberjacken, klassische Tartan-Muster und Leo-Prints, die bürgerliche Eleganz mit rebellischen Einflüssen verknüpfen. Den Abschluss bilden bodenlange, überwiegend schwarze Abendkleider mit tiefen Rückenausschnitten und hohen Beinschlitzen. Dann ist die Show vorbei.
Zugang durch die eingetretene Hintertür
Laut Host Vladislava sei es nur eine Frage der Zeit gewesen, bis die Watch Party international stattfinden würde. Sie habe vorausschauend gehandelt, Lyas Anfang des Jahres kontaktiert und angeboten, die Veranstaltung in Berlin auszurichten – woraufhin er ihr sofort „die Carte Blanche“ gab.
Dass die Modeindustrie nach wie vor ein exklusiver Ort für wenige Privilegierte ist, weiß Vladislava aus eigener Erfahrung: Um Zugang zu bekommen, nutze sie selten die Vordertür, sondern trete die Hintertür ein. Die Watch Party setze genau hier an und vermittelt von Anfang an ein Gefühl der Inklusion und Zugehörigkeit.
Genau diese Kraft liegt dem Format des Public Viewings inne: Ganz egal, ob es sich um ein entscheidendes Fußballspiel oder eine hochkarätige Modenschau handelt – für ein paar gemeinsame Minuten verschwimmen alle Barrieren und man wird Teil einer ziemlich großen Gemeinschaft.
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