Das Einzige, was er seit seinem Literaturnobelpreis geschrieben habe, sei seine Eröffnungs-Rede an den Internationalen Pen-Club, scherzte Günter Grass aufgeräumt. Gott sei Dank habe er ja auch noch andere Möglichkeiten, sich auszudrücken, wie zum Beispiel seine Zeichnungen. Sein neuer Text kam gut an. Die etwa 300 Schriftsteller, die zum Internationalen Kongress des Pen-Clubs unter dem Motto "Freiheit der Kritik, Kritik der Freiheit" nach Moskau gekommen waren, verabschiedeten Grass mit lang anhaltendem Beifall. Er hatte von Anfang an den Ton getroffen. Er begann seine Rede mit einer rebellisch klingenden Anklage an die Machthaber: "Wo immer sich Schriftsteller zusammenrotten, jeweils stand oder steht aktuelle Not auf der Tagesordnung. So gegenwärtig in Moskau: Wir begegnen einander in einem Land, in dem die Großmacht Russland gegen das kleine Volk der Tschetschenen Krieg führt, ohne Einsehen, ohne Erbarmen." Doch bevor er von diesem, dem "allerneuesten Kriegsverbrechen", die Rede begann, lud Grass den Kongress zum Rückblick auf das vergangene Jahrhundert ein, der der russischen Schriftstellergilde besonders gefiel - sieht sie sich doch von jeher als Gewissen der Nation, wer auch immer an der Macht sei. "Noch immer hat uns die Vergangenheit eingeholt. Was auch dem letzten Jahrhundert eigen gewesen ist - Kriege und Völkermord, Hunger und Inflation, die lang anhaltende Macht der Ideologien und deren schleichender oder plötzlicher Bankrott - jeweils haben Schriftsteller Zeugnis abgelegt: zumeist im Widerspruch zur offiziellen Geschichtsschreibung, manchmal, weil unter Zwang, verschlüsselt und gelegentlich die Zukunft vorwegnehmend." Kritik an Boykott-GedankenDie "Revue auf dem literarischen Laufsteg", die Grass dann in Zeitsprüngen vor dem Pen-Publikum passieren ließ, war vor allem eine Revue des Völkermordes, der Kriegsverbrechen und der schriftstellerischen Zeitzeugnisse, mit der Grass kaum verschlüsselt den Tschetschenienkrieg in eine Tradition der staatlichen Gewaltverbrechen stellte. Er habe trotzdem nie daran gedacht, nicht zum Pen-Weltkongress nach Moskau zu kommen, um mit einem Boykott gegen den Tschetschenienkrieg zu protestieren, sagte Grass. "Im Gegenteil: Gerade der Krieg und die Wiederkehr der Zensurversuche waren für mich der Grund zu kommen. Die russischen Schriftsteller brauchen die Solidarität ihrer Kollegen." Auf keinen Fall, versicherte auch der Vorsitzende des Internationalen Pen-Clubs, der mexikanische Schriftsteller Homero Aridjis, sei der Kongress als Unterstützung der Moskauer Machthaber zur Zeit des Tschetschenienkrieges zu verstehen. Und Andrei Bitow, der russische Pen-Präsident, machte keinen Hehl aus seiner Freude, dass das Treffen endlich nach zweijähriger Vorbereitungsarbeit doch noch zu Stande gekommen sei. Anfangs hätten die ausländischen Dichter-Freunde noch Angst vor der russischen Mafia gehabt, berichtete er, in letzter Zeit habe dann der Tschetschenienkrieg doch Bedenken ausgelöst. Und schließlich habe in der vergangenen Woche die Polizei-Razzia beim Medienkonzern Media-Most die Angst vor der Zensur wieder hochgebracht. "Das ist nicht gerade die beste Zeit für den Pen-Kongress", räumte Bitow ein. "Aber in Russland ist leider immer eine solche Zeit. Und schließlich ist der Pen-Club auch eine Menschenrechtsorganisation." Die Angst vor der Angst der MachtDer Sekretär des Moskauer Pen-Clubs, Alexander Tkatschenko, redete am Vorabend der Kongresseröffnung sogar sich und anderen Angst ein: Eine derartige Versammlung von Intellektuellen sei in einer solch schwierigen Situation "gefährlich für die Machthaber" - und darum gefährlich für die Teilnehmer. Dabei hatten sich noch im Herbst vergangenen Jahres der Moskauer Pen-Club und Wladimir Putin enger angefreundet, als manchen lieb war. Zwei Wochen vor den Parlamentswahlen, die für Putins weitere Karriere entscheidend waren, hatte der damalige Premierminister und Tschetschenien-Kriegsherr sich ausgiebig Zeit genommen, den Schriftstellern die Angst vor der Diktatur auszureden. Er werde zwar mit harter Hand der Kriminalität den Hals umdrehen, hatte Putin versprochen, aber auf keinen Fall die Freiheit des Wortes antasten. Das gefiel der Vorhut der Moskauer Intelligentsia so gut, dass Außenstehende gar schon von einer gefügigen Unterwerfung des Gewissens der Nation unter die Macht redeten. Jedenfalls kann der Moskauer Pen-Club sich bislang kaum beklagen. Der Weltkongress kann unbehelligt von irgendwelchen staatlichen Nachstellungen im Fünf-Sterne-Hotel Radisson-Slavyanskaya stattfinden, in dem früher auch schon der amerikanische Präsident Clinton abgestiegen war. Ein paar Zweifel an der Gradlinigkeit seiner Moskauer Kollegen beschlichen aber auch Günter Grass am Ende seiner Rede: "Ich weiß nicht, welche Themen hier Gewicht haben werden. Zu hoffen ist, dass die hier anwesenden Schriftsteller sich bewusst sind, welcher Tradition sie verpflichtet sind." Aber dann sprach er sich und dem Kongress doch wieder Mut zu: "Wir müssen ein Ende des Krieges gegen das Volk der Tschetschenen fordern. Desgleichen eine von der Uno zu gewährleistende Untersuchung aller von beiden Seiten begangener Kriegsverbrechen. Das immerhin leistet die Literatur: sie schaut nicht weg, sie vergisst nicht, sie bricht das Schweigen." Und diese Diskussion werde von den Regierenden in Ost und West gehört werden, hofft Grass.
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