Gutachten: Eine ehemalige Privatsynagoge könnte historisch getreu wieder hergerichtet werden

Eingemauerte Säulen

Stefan Melle
4 Min

Große, runde Fenster schmücken die Längsfront, Zierränder sind aus Backsteinen gemauert. Über der Tür eine hebräische Inschrift: "Das ist das Tor, durch das die Gerechten eintreten werden": Seit 1992 steht das Hofgebäude Brunnenstraße 33 leer. Das Haus ist die vermutlich letzte erhaltene Privatsynagoge in Berlin. 1920 gab es in der Stadt etwa 100 solche von Vereinen oder Privatpersonen genutzte jüdische Gotteshäuser. Am heutigen Donnerstag wollen Denkmalschützer vom Senat, die Wohnungsbaugesellschaft Mitte (WBM) und das Bezirksamt darüber beraten, ob der historische Bau wenigstens teilweise in seinem ursprünglichen Zustand wieder hergestellt werden kann. Die Berliner Architektin Hanna Liebich hat dafür ein Gutachten erarbeitet.1910 geweihtDie Synagoge an der Brunnenstraße wurde 1910 geweiht. Errichtet hatte sie der jüdische Verein "Beth Zion" für seine Mitglieder aus der Rosenthaler Vorstadt. Viele von ihnen kamen aus Polen. "Das Haus bot damals gut 500 Plätze - im Parterre für die Männer, auf den Seitenemporen für Frauen", sagt Sabine Krusen vom Frauentreff "Brunnhilde e.V." in der Rheinsberger Straße. Gemeinsam mit der Theologin Heide Ehwald hat sie die Geschichte der Synagoge in mehrjähriger Arbeit erforscht. 1994 brachte das Bezirksamt auf ihre Initiative an der Brunnenstraße 33 eine Gedenktafel an. "Dadurch fanden wir sogar Kontakt zur Tochter des letzten Rabbiners, Ezechiel Landau", sagt Heide Ehwald. "Verwandte von ihr hatten die Gedenktafel entdeckt." 1939 waren die Landaus nach New York geflohen, halfen dort anderen deutsch-jüdischen Flüchtlingen. Am diesjährigen Tag des Offenen Denkmals gestalteten die Frauen eine kleine Ausstellung zur Geschichte des Hauses. Dabei erregte eine Zeichnung von Hanna Liebich Aufsehen. "Darauf sieht man, dass sechs der alten Säulen nur umbaut wurden", sagt Liebich. Bislang war vermutet worden, dass außer der Fassade nichts von der Synagoge erhalten sei.Denn das Innere des Gotteshauses wurde in der Reichspogromnacht 1938 von den Nationalsozialisten zerstört . Wenig später erstritt sich die benachbarte Pharmaziefabrik Remmler das Bethaus als Lagerraum. Die DDR-Firma Berlin-Kosmetik baute das Gebäude 1984 unter Auflagen der Jüdischen Gemeinde um. Dabei restaurierte sie die Fassade und zog eine Zwischendecke ein. Im großen Synagogenraum entstanden 20 kleine Büros. Nur die Inschrift blieb erhalten. Die Architektin Hanna Liebich hat inzwischen Spuren der ursprünglichen Bebauung freigelegt, auch eines der Säulenkapitelle. Sie ist überzeugt, dass das Innere der Synagoge zumindest teilweise historisch getreu hergestellt werden könnte. Denn erhalten blieben auch die Emporen in Rohform und die Nische des einstigen Thoraschreins.WBM sucht KäuferDer Bezirk hatte bereits in der Sanierungssatzung von 1994 eine soziale oder kulturelle Nutzung des Gebäudes festgeschrieben. Nach den jüngsten Erkenntnissen will Baustadträtin Dorothee Dubrau (Bündnis 90/Grüne) nun erst recht darauf beharren. Viel hängt dabei von der WBM ab. Sie ist seit Anfang 2001, gemeinsam mit einem Vorkriegsbesitzer, Eigentümer des Grundstücks. Die WBM will die Immobilie möglichst schnell verkaufen. "Für uns ist ein Teileigentum nicht sinnvoll", erklärt dazu WBM-Sprecherin Birgit Stötzer. Mit einem Interessenten liefen derzeit Gespräche, schon bald könnten sie Erfolg haben. "Er weiß auch von der Synagoge", sagt Stötzer. Denn Gebäude und Grundstück sollten nur an Investoren gehen, die eine kulturelle Nutzung zusicherten.Um eine Nutzung bemüht sich derzeit vor allem der Verein "Marc Chagall", der auch das jüdische Berliner Fernsehen "Babel TV" im Offenen Kanal produziert. Er arbeitet im Minna-Schwarz-Heim in der Brunnenstraße 41, dem früheren jüdischen Mütterheim. "In der Synagoge würden wir Konzerte veranstalten und einen Teil für die Religion nutzen", sagt Vereinsmitglied Roza Berger-Fiedler. Auch die Geschichte des Hauses und der Rosenthaler Vorstadt wolle der Verein dokumentieren. Gleichzeitig könnten sich dort andere Gruppen treffen, sagt sie. Der "Verein der Sephardim" etwa, dem Juden vor allem aus dem Kaukasus angehören, habe 200 Mitglieder und keinen Gebetsraum.ABRAHAM PISAREK Die 1910 geweihte Synagoge des Vereins "Beth Zion" in der Brunnenstraße 33 bot den Gläubigen etwa 500 Plätze.ABRAHAM PISAREK Das Äußere der Synagoge hat sich gegenüber dieser historischen Ansicht kaum verändert. Nur die Sterne auf dem Giebel und in den Fenstern fehlen.BERLINER ZEITUNG/GERD ENGELSMANN Blick in das Gebäude heute: Im ehemaligen Synagogenraum entstanden in den 80er-Jahren Büros. Jetzt stehen diese leer.

Open Source

Open Source

Sie haben etwas zu sagen? Senden Sie uns Ihren Text! 

Einreichen
Open Door

Open Door

Sie möchten ein Thema vorschlagen? Senden Sie uns Ihren Vorschlag!

Vorschlagen
Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]

Lesen Sie mehr zum Thema
weltbune Banner