In Gutenswegen nördlich von Magdeburg soll einen Kilometer vor der ersten Haustür ein Windpark entstehen. Dagegen läuft die 650-Seelen-Ortschaft Sturm, zumindest ein bedeutender Teil davon. Jetzt wurde das Projekt erstmals der breiten Öffentlichkeit vorgestellt. Richtig hochkochen die Emotionen aber erst, als ein Anwohner aus dem Nachbardorf zum Mikrofon greift und für die Windräder in die Bresche springt.
Ob Wind- oder Solarpark am Ortsrand: In den meisten, wenn nicht gar in allen Fällen stoßen solche Projekte bei der ansässigen Bevölkerung auf wenig Gegenliebe. Dabei sind sie immer ein Ritt auf der Rasierklinge. Betroffene Anwohner befürchten massive Einschnitte bei der Lebensqualität. Die klammen Gemeinden hoffen auf Einnahmen, die in Bereiche abseits der gesetzlichen Pflichtaufgaben fließen können - sei es Sport, Kultur, Soziales oder Freizeit. Dieser schmale Grat wurde auch am gestrigen Abend im üppig gefüllten Vereinshaus des Gauseberger Karnevalvereins deutlich.
Der Vereinsraum in Gutenswegen war am vergangenen Montagabend gut gefüllt.
© Willy Weyhrauch/OstdetuscheAllgemeine
Neun Anlagen auf 220 Hektar
Geplant ist laut dem beauftragten Unternehmen KB Renewables ein Windpark auf einer Fläche von 220 Hektar. Anvisiert ist ein Bereich zwischen Gutenswegen und dem benachbarten Ackendorf. Zur Diskussion stehen neun Windkraftanlagen mit einer Höhe von bis zu 250 Metern. Der dort erzeugte Strom soll vorrangig einem geplanten Rechenzentrum in der Hohen Börde zugutekommen. Betriebsbeginn der Windparks laut Planung: in rund fünf Jahren.
Kommen die Windkraftanlagen wie geplant, profitieren davon zu einem kleinen Teil Haldensleben, zu mehr als einem Drittel die Hohe Börde und zu mehr als der Hälfte die Niedere Börde, zu der Gutenswegen gehört. Bleibt es bei den geplanten neun Windrädern, würde das der Gemeinde bis zu 290.000 Euro in die Kasse spülen. Ein Viertel davon käme nach Angaben des Unternehmens direkt dem Ort Gutenswegen zugute.
Strombonus für Anwohner
„Das sind etwa 70.000 Euro im Jahr“, sagt Lukas Cislaghi, Chief Acquisition Officer von KB Renewables. „Wenn es gut läuft.“ Das Projekt stehe zwar noch am Anfang, die ersten Weichen seien aber gestellt. Heißt: Ein Großteil der 220 Hektar ist bereits von mehreren Eigentümern gepachtet. Als Nächstes steht die Aufstellung des B-Plans an, verbunden mit einer „transparenten Projektentwicklung“. Die Anwohner könnten sich zudem direkt beteiligen oder einen Strombonus von bis zu 150 Euro erhalten. Breite Begeisterung lösen diese Details im Saal am Montagabend jedoch nicht aus.
„Neben einem Windrad zu wohnen ist, wie mit dem Kopf im Kühlschrank zu liegen“, sagt ein Anwohner ins Mikrofon, gefilmt von einer aufgebauten Kamera. „Beim Schlafen hört man dann permanent dieses Summen.“ Cislaghi erwidert, das Unternehmen halte sich an die gesetzlichen Vorschriften, die genauestens vorgäben, was erlaubt sei und was nicht. Bei Überschreitungen könnten Anlagen auch abgeschaltet werden. Damit sinken dann aber auch die Einnahmen der Kommunen: pro Windrad etwa 60.000 Euro im Jahr.
Angst um den Bördeboden
Die Einwohner befürchten zudem Folgen für die Umwelt, sinkende Grundstückspreise, Schattenwurf und die Bebauung des fruchtbaren Bördebodens. Ein Anwohner sagt dazu: „Wenn der letzte Fisch gefressen, der letzte Baum vernichtet, der gute Bördeboden bepflastert ist, dann werdet ihr merken, dass man Geld nicht essen kann.“ Cislaghi beschwichtigt: „Das Areal besteht zwar aus 220 Hektar, bebaut wird davon aber nur ein Bruchteil. Der restliche Platz kann nach dem Bau weiterhin landwirtschaftlich genutzt werden.“
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Doch nicht nur die Unternehmensvertreter müssen an diesem Abend Rede und Antwort stehen. Auch Ortsbürgermeister Andreas Leonhardt (parteilos) gerät in die Kritik. Ihm wird vorgeworfen, die Entscheidung bereits ohne Wissen der Mehrheit gefällt zu haben. „Die Entscheidung trifft am Ende der Gemeinderat. Heute Abend sind etliche Mitglieder hier, die sich ein eigenes Bild machen möchten“, entgegnet er. Zudem wird er von einer Anwohnerin gefragt, inwieweit er ein persönliches Interesse am Windpark habe. „Ich verstehe jeden, der das nicht will. Aber wir müssen uns als Gemeinde, als Ortschaft überlegen, wie wir zusätzliche Einnahmen generieren.“ Er fürchte, eine einmalige Chance zu verpassen und sie an die umliegenden Gemeinden zu verlieren.
Provokation aus Ackendorf
So prallen an diesem Abend Meinungen und Emotionen aufeinander. In Aufruhr versetzt den Saal jedoch jemand, der weder zu den direkt Betroffenen noch zum Unternehmen gehört. „Jeder will Energie aus der Steckdose haben, aber keiner will die Anlagen vor der eigenen Haustür haben“, sagt Frank Knopf aus dem benachbarten Ackendorf. Die geäußerten Bedenken könne er verstehen, wegreden lassen sie sich nicht. „Wenn ihr die Windkraftanlagen nicht wollt, dann nehme ich sie gerne“, sagt er und zieht damit den angestauten Frust auf sich. Der OAZ sagt er im Nachgang: „Ich wollte die Menschen aus der Reserve locken.“ Ob das die beiden Seiten näher zusammenbringt, wird sich zeigen. Eine angestoßene Petition gegen den Windpark hat bereits mehr als 300 Unterschriften gesammelt.
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