WASHINGTON. Hans Bruland ist kein ängstlicher Mann. Der Begriff Furcht kommt in seinem Vokabular nicht vor. Wenn der 58 Jahre alte Chef des renommierten Hay Adams Hotel in Washington vor einer problematischen Situation steht, dann spricht er von einer "Herausforderung" und zeigt sich im schlimmsten Fall "besorgt". Die Amtseinführungsfeier für den designierten Präsidenten Barack Obama am 20. Januar könnte solch ein Fall werden.Schätzungsweise vier bis fünf Millionen Besucher erwartet die US-amerikanische Hauptstadt zu den Feierlichkeiten. Die Stadtverwaltung arbeitet fieberhaft an Plänen, den Massenansturm auf die mit 670 000 Einwohnern eigentlich überschaubare Stadt zu kontrollieren und Chaos zu vermeiden. Die Sicherheitsdienste kümmern sich um Absperrungen und Verkehrsumleitungen, die U-Bahn-Verwaltung erstellt Sonderfahrpläne, und die Restaurants verlängern ihre Öffnungszeiten, um alle zu verköstigen.Auch Bruland hätte Grund, sich wie ein Kreisel zu drehen. Schließlich liegt sein luxuriöses Hay Adams Hotel an zentraler Stelle. Nur eine Straße und der Lafayette-Park trennen Brulands Haus vom Haus der amerikanischen Präsidenten. Das Hotel wirbt denn auch mit dem Slogan: "Hier wird nichts übersehen, außer das Weiße Haus". Doch Bruland ist sich sicher: Er hat alles so gut es geht geplant.Wie alle Hotels in DC ist auch das Hay Adams in der Inaugurationswoche bis aufs letzte Bett ausgebucht. Rund 120 Mitarbeiter, vom Zimmerservice und dem Küchenpersonal über die Restaurant-Bedienungen und den Empfang, sind in Schichten tätig, damit alles wie am Schnürchen läuft und trotz der angespannten Lage jeder Wunsch erfüllt wird. Bruland weiß, dass seine Gäste bei Inaugurations-Preisen von 495 bis 6 500 Dollar pro Nacht besten Service erwarten. Und bislang ist es immer gelungen, die Erwartungen zu erfüllen.Vier Amtseinführungen hat Bruland als Hotelmanager schon mitgemacht, er kennt seine Klientel gut. 80 bis 90 Prozent seiner Gäste sind schon mehrmals zur Amtseinführung in seinem Hotel abgestiegen. Hay Adams Gäste sind Firmenchefs und Lobbyisten, Freunde und Geldgeber des alten und des neuen Präsidenten. "Es ist eine parteiübergreifende Gruppe", sagt Bruland. Sie verfügten nicht nur über Geld, sondern auch über den nötigen Zugang zur Macht. Die Mehrzahl der Gäste hat bereits die Zugangsgenehmigungen und die heiß begehrten Karten für die Inaugurationsbälle. Sie können sich problemlos zwischen Kapitol und Weißem Haus bewegen und legen deshalb großen Wert auf ungehinderten Zugang zum Hotel.Ungehinderter Zugang zum Hotel - das könnte die einzige "Herausforderung" sein, die Bruland ein wenig ins Schwitzen bringt. "Ungehinderter Zugang" ist zumindest ein Begriff, der das sonst so sonnige Lächeln des Hotelmanagers trübt und einige Sorgenfalten auf seine Stirn treibt. Obwohl das Hay Adams im Sicherheitskorridor liegt, befürchtet Bruland Gedränge um sein Hotel. Drei Straßenblocks weit reicht der Sicherheitskorridor auf beiden Seiten der Pennsylvania Avenue vom Kapitol, wo Obama vereidigt wird, bis hin zum Weißen Haus, wo er die Parade abnehmen wird. Nur Besucher mit Zugangsberechtigung können sich in diesem Bereich aufhalten. Um seine Gäste und deren Gepäck durch diesen Korridor zu transportieren, hat Bruland Golfcarts gemietet. Doch nun befürchtet er, dass Besucher, die nicht zum Kapitol gelangen, sich vor dem Weißen Haus und damit vor seinem Hotel stauen und den Ausgang blockieren könnten.Es ist überraschend, dass die Logistik und nicht Sicherheitsbedenken Bruland am meisten bekümmert. Nach den jüngsten Überfällen auf die Hotels in Bombay könnte man meinen, Hoteliers in Washington würden sich Bodyguards und Sicherheitsschleusen für die wohl größte Party des Jahres besorgen. Doch Bruland glaubt nicht, dass übertriebene Maßnahmen nützen. "Man kann sich nicht einschließen. Das raubt dem Hotel seine Persönlichkeit", sagt der Manager. Das relativ kleine Hay Adams Hotel mit seinen insgesamt 145 Zimmern ist stolz auf seinen Privathaus-Charakter. Das Hotel ist gemütlich, jeder Angestellte soll höflich sein, aber durchaus er selber bleiben, meint Bruland. Ein persönlicher Umgang mit den Gästen gehöre im Hay Adams dazu. Sicherheitsvorkehrungen im Übermaß würden dieses Ambiente nur stören. Auf dem Dach und in den Zimmern des Hay Adams werden auch keine Geheimdienstagenten und Scharfschützen stationiert. Das Hotel verfügt über einen einzigen Haupteingang, durch den alle Besucher kommen müssen. Er wird stets von Mitarbeitern bewacht. Der Eingang zur "off the record"-Bar, einem beliebten Treffpunkt für Mitarbeiter des Weißen Hauses und Journalisten, ist abgesperrt, und der Personaleingang nur mit Sicherheitskarte zu öffnen. Durch die Nähe zum Weißen Haus sei das Hotel ohnehin gut bewacht.So bombastisch die Amtseinführung Obamas auch für Washington sein wird, so unspektakulär nimmt sie sich im Leben des Hoteliers aus. Er hatte schon dramatischere Situationen zu bewältigen. 1989 war Bruland im Management des St. Francis Hotels am Union Square in San Francisco, als ein Erdbeben die Stadt erschütterte. Der Stoß traf die Stadt etwa gegen 17 Uhr. Die Elektrizitätsversorgung fiel aus, der Wasserdruck sank, die Angst vor Lecks in der Gasleitung und vor Bränden war groß. Viele Leute, die in der Innenstadt arbeiteten, wagten nicht, mit der U-Bahn nach Hause zu fahren. Sie suchten Sicherheit und fanden sie im St. Francis Hotel. Obwohl das Haus voll ausgebucht war, ließ Bruland die Türen öffnen, verteilte Essen, Decken und Kissen an Bedürftige, und wer wollte, konnte in der Lobby schlafen. Bruland erinnert sich heute noch an die Momente, als die Nacht dunkel und still auf die stromlose Stadt fiel. "Man hörte keine Geräusche und sah keine Lichter", erinnert sich der Manager. Es sei ein seltsames Gefühl gewesen. Angst habe er aber auch damals nicht gehabt.Vielleicht passen Bedenken einfach nicht zu jemandem, der bereits auf fast allen Kontinenten der Erde für Hotels gearbeitet oder sie geleitet hat. Bruland, der ursprünglich aus dem Westfälischen Lippborg stammt und seine Karriere als Koch begann, lernte die hohe Kunst der Küche von seiner Mutter und bei der Mitarbeit in Familien-Bäckereien. Kirschkerne aus den Kirschen drücken, das war die erste Aufgabe, mit der er sein Taschengeld verdiente. Später brachte ihn das Hotelgewerbe von Nürnberg nach England, von dort nach Frankreich, dann ging es nach Südafrika, Kanada, auf die Philippinen und schließlich in die USA. Mehr als fünf Jahre blieb Hans Bruland nie an einem Ort. In Wien war er nur drei Monate. Elf Häuser haben Bruland und seine Frau seit ihrer Odyssee bezogen. Erst heute, nach zehn Jahren als Chef des Hay Adams Hotels, wirkt Bruland etwas sesshafter. Das Hotel gilt als eine der besten Adressen in Washington und erhielt seinen Namen von John Hay und Henry Adams, die einst an dieser Stelle wohnten. Ihre Häuser wurden 1928 zerstört, um dem Hotel zu weichen, doch vergessen sind sie nicht. Legenden zufolge soll Henry Adams Frau Clover auf der vierten Etage spuken. Es heißt, sie sei dabei gesehen worden, wie sie Gäste fragt: "Was wollen sie?"Vielleicht ist das einer der Gründe, warum Hans Bruland selbst eine Inauguration mit Millionen Menschen nicht aus der Ruhe bringt.------------------------------Ausnahmezustand der heiteren ArtHandynutzung: Die Mobilfunkanbieter in den USA erweitern zur Amtseinführung Obamas ihre Netzkapazitäten. Am 20. Januar werden in Washington bis zu vier Millionen Menschen erwartet. Mit Netzüberlastung ist zu rechnen. Die Nutzer sind aufgerufen, eher SMS zu schicken als zu telefonieren.Kneipengang: Für die Feiern wird die Sperrstunde vom 17. bis 21. Januar in Washingtons Gaststätten auf vier Uhr morgens festgelegt. Der Stadtrat beschloss, dass in diesen Tagen rund um die Uhr Lebensmittel verkauft werden dürfen.Trinken: Alkohol darf bis vier Uhr ausgeschenkt werden. Normalerweise geht dies an Wochentagen bis zwei Uhr morgens, an Wochenenden bis drei Uhr.------------------------------Karte: Washington D.C., Hay Adams Hotel------------------------------Foto: Hans Bruland in der Bar des Hay Adams Hotel in Washington. Die Karikaturen an der Wand zeigen Hillary Clinton, Karl Rove, Barack Obama .------------------------------Foto: (2) Jung und Alt begeistern sich für den künftigen US-Präsidenten: Im Weihnachtsurlaub auf Hawaii begrüßte Barack Obama am Sonnabend in sportlichem Outfit seine Anhänger (Foto l.). Und die 105 Jahre alte Ella Mae Johnson (Foto r.) aus einem Altenheim in Cleveland will eigens zur Inaugurationsfeier gemeinsam mit ihrer Pflegerin Iris Williams nach Washington reisen.
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