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Als ich um 2014 einen Report über die Abteilung „Hochtemperaturwerkstoffe“ an der Akademie der Wissenschaften der DDR von 1949 bis 1991 verfasste, stieß ich bei meinen Recherchen auf Professor Hans Heinrich Franck und stellte fest, welch wichtige Rolle er für Wissenschaft und Kultur im Berliner Raum einst spielte. Meine Versuche, die Humboldt-Universität und die TU Berlin zu überzeugen, über ihn eine biografische Arbeit zu verfassen, stießen auf Unverständnis und Ablehnung. Auch all die Einrichtungen, die Franck einst geleitet hatte, an denen er beteiligt war bzw. die von seinem Wissen profitiert hatten, schienen nicht interessiert zu sein.
Man begrüßte zwar fast durchweg mein Vorhaben und wünschte mir Erfolg, die Thematik passe aber nicht in die jeweiligen Förderprogramme. Der zuständige Manager von Francks ehemaligem Chemiebetrieb beendete unser Telefonat in breitem Hessisch wie folgt: „Und früher hatten wir auch den Kaiser.“
Es ist wahrscheinlich für manche Institution heute schwer, Verständnis und Empathie für einen Wissenschaftler zu empfinden, der sich reinen Gewissens 1950 für den sozialistischen Weg entschied, zumal die meisten der Leiter in den alten Bundesländern sozialisiert und ausgebildet wurden. Franck traf seine Entscheidung angesichts seiner Erfahrungen in der NS-Zeit, die mit Existenz- und Todesängsten verbunden waren, und seiner Erfahrungen in der Nachkriegszeit in West-Berlin.
Er macht es sich mit dieser Entscheidung nicht leicht, denn er kannte auch die Defizite des praktizierten Sozialismus im Osten, die Unzulänglichkeiten und politischen Übergriffe, gegen die er sich selbst wehren musste. So setzte er sich 1949 nach einer Havarie im SAG-Betrieb Stickstoffwerk Piesteritz für den vom KGB verhafteten Anlagenfahrer des Carbidofens ein, dem die Todesstrafe drohte. Um den 17. Juni 1953 erreichte er, dass der wegen Sabotage verhaftete Jenenser Mitarbeiter Prof. Costa aus der Haft der Stasi befreit wurde. Trotzdem hielt Franck an seiner Entscheidung fest, sich für den sozialistischen Weg zu engagieren. Sein Entschluss war auch in der Familie nicht unumstritten.
Hans Heinrich Franck (M.) im Jahr 1952
© privat
Ein Experte für Butterersatz, Waschmittel und Dünger
Franck studierte Chemie, Physik und Nationalökonomie und promovierte 1912 an der TH Karlsruhe. Danach gab es kaum eine relevante wissenschaftliche Zeitschrift, in der er nicht in tiefgründigen Artikeln über sein jeweiliges Arbeitsgebiet berichtete, ob es sich nun um die Gewinnung von künstlichen Fetten als Ersatz für Butter oder Fragen der Waschmittelherstellung handelte.
Nach der Habilitation 1919 und seiner Anstellung als Professor für Technische Chemie an der TH Charlottenburg übernahm er die Forschungsleitung eines Chemiekonzerns. Zu diesem Zeitpunkt standen mehr und mehr auch Fragen der technischen Umsetzung seiner Ideen im Mittelpunkt, so die Gewinnung von Kalkstickstoff, die Herstellung von Carbiden und Phosphaten sowie von kombinierten Düngemitteln. Seit 1926 beschäftigte er sich auch im Rahmen des DIN-Ausschusses mit Fragen der Normung in der chemischen Industrie.
Ende der Dreißigerjahre wurde er wegen „jüdischer Versippung“ aus allen Ämtern entfernt. Ab 1938 hatte er mit dem Architekten Walter Borchard noch das neue Laborgebäude der Bayerischen Stickstoffwerke konzipiert, in das nach 1948 der Rias einzog.
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Ein markantes Wahrzeichen in Berlin ist das Rias-Gebäude in der Kufsteiner Straße, ehemals das Büro- und Laborgebäude der Bayerischen Stickstoffwerke, konzipiert von Hans Heinrich Franck.
© privat
Seine jüdische Frau tauchte unter
Für Franck begann ein Überlebenskampf. Seine jüdische Frau Lotte tauchte unter, seine Kinder emigrierten oder kamen in Arbeitslager. Er verdankte es Freunden in der Glasindustrie, die ihm in einem wenig kontrollierten Industriebereich in einem Glas-Forschungsinstitut in Grunewald das Überleben ermöglichten.
Franck wurde als politisch unbelasteter Wissenschaftler schon am 3. Juli 1945 durch Beschluss des Magistrats rehabilitiert, wieder an der TH Charlottenburg eingesetzt. Damals bekam er noch vom Gesamtberliner Magistrat und den Besatzungsmächten den Auftrag, die Berliner Hochschulen „betriebsbereit“ zu machen. Er übernahm dies mit großer Hingabe, ebenso wie den Auftrag, den kriegszerstörten Betrieb für Düngemittel und chemische Grundstoffe der Bayerischen Stickstoffwerke als Werkleiter produktionsfähig zu machen.
Franck bereitete mit dem designierten Rektor Walther Kucharski die Neugründung der Technischen Universität Berlin im April 1946 vor und formulierte die politischen Richtlinien dafür, wer an der TU lehren und studieren darf. Zusätzlich führte er das „Humanistische Studium“ ein, um die in der NS-Zeit erzogenen und vom Krieg traumatisierten Studenten so weit humanistisch auszubilden, dass sich Ereignisse wie im Januar 1933 nicht wiederholen können. Als erster Dekan für Naturwissenschaften übernahm er diese Schulung in seiner Fakultät selbst. Zudem hielt er an der TU und ab 1949 auch an der Humboldt-Universität Vorlesungen zur Technischen Chemie.
Der VDI (Verein Deutscher Ingenieure e.V.) war wegen seiner Verquickung mit der Rüstungsindustrie nach 1945 zunächst verboten. Franck war im Mai 1933 aus dessen Vorstand ausgetreten. Als Ersatz für eine deutsche Ingenieurorganisation gründete er am 2. Juni 1946 die Kammer der Technik, wurde Mitglied des Präsidiums und von 1949 bis 1959 deren Präsident.
Franck (1. Reihe, 2. v.r.) bei einer Festveranstaltung der TH Charlottenburg, ca. 1948
© privat
Ein Freund der Kunst
Franck kam aus einer kunstbegeisterten Familie. Sein Vater Philipp Franck gehörte als impressionistischer Maler 1898 mit Max Liebermann zu den Gründern der Berliner Secession. Schon in den 1920er-Jahren führte Franck mit seiner jüdischen Frau Lotte in ihrer Wohnung in Berlin-Westend einen Salon, in dem sich Künstler und Wissenschaftler zu Diskussionen trafen.
Auch nach 1945 hatte er engen Kontakt mit Kulturschaffenden, die aus der Emigration zurückkehrten und unter neuen Bedingungen ein kulturelles Leben aufbauen wollten. So gehörte Franck am 4. Juli 1945 zu den Gründungsmitgliedern des „Kulturbundes zur demokratischen Erneuerung Deutschlands“. Zu den Gründungsvätern unter Johannes R. Becher gehörten unter anderem auch Arnold Zweig, Hanns Eisler, Max Pechstein, Louis Fürnberg, Paul Bildt und Herbert Ihering.
Francks Vorlesungen an der TU Berlin in Technischer Chemie waren bei den Studenten beliebt und offensichtlich auch sehr inhaltsreich. Er hielt es auch für seine politische Pflicht, sich angesichts der immer größer werdenden Konflikte zwischen den Systemen in Ost und West dafür einzusetzen, diese durch sein Wirken auf beiden Seiten zu entschärfen. Er hielt gerade die Wissenschaftler und Techniker des Landes für prädestiniert, über politische Unterschiede hinweg Brücken zueinander zu bauen und vorhandene Kontakte zu stärken.
Umzug von Westend nach Pankow
1949/50 begann in West-Berlin eine Pressekampagne gegen Franck, in der die Einstellung seines Engagements in Ost-Berlin gefordert wurde. Franck weigerte sich, dem nachzukommen, zumal er erlebte, dass immer mehr alte Nazi-Professoren an die TU zurückkehrten. Obwohl dies in Abstimmung mit dem Magistrat und den Alliierten eigentlich verhindert werden sollte, wurde in West-Berlin nun nach Verfügung des Innensenators nicht mehr die Frage nach der früheren NSDAP-Zugehörigkeit gestellt, wenn Professoren sich an Hochschulen bewarben.
Franck wurde 1950 von der TU Berlin entlassen. Äußerer Anlass war die Teilnahme an der Demonstration zum 1. Mai in Ost-Berlin. Bei seiner Klage gegen die Entlassung vor dem Verwaltungsgericht wurde ihm belastend vorgehalten, nicht ununterbrochen an der TH Charlottenburg tätig gewesen zu sein. Zur Erinnerung: Er wurde wegen „jüdischer Versippung“ 1937 dort fristlos entlassen.
Franck zog von Westend nach Pankow und konzentrierte sich nun auf die Akademie der Wissenschaften der DDR, die Humboldt-Universität und seine Funktionen in der KdT und den gesamtdeutschen Gesellschaften. Bis 1959 war er Dekan der naturwissenschaftlichen Fakultät der Humboldt-Universität. Im April 1949 gründete er die Abteilung „Hochtemperaturwerkstoffe“ und im Januar 1951 das „Institut für angewandte Silikatforschung“ an der Deutschen Akademie der Wissenschaften. Er appellierte in seinen Reden und Schriften an die Wissenschaftler und Ingenieure, sich trotz der politischen Unterschiede für ein gesellschaftliches Zusammenwirken in Ost und West einsetzen.
Grab der Familie Franck
© Kley
Ein sicherer Hafen für Regimekritiker
Das Haus der Francks in Pankow wurde zum Treffpunkt für diskussionsfreudige Persönlichkeiten, die mit der offiziellen Politik der DDR ihre Schwierigkeiten hatten. Dazu gehörten Robert Havemann und Wolf Biermann ebenso wie Vertreter der Kirche und der Künstlerschaft. Lotte Franck, die als Rentnerin und „Opfer des Faschismus“ ungehindert nach West-Berlin reisen durfte, diente Havemann oft als Verbindungsperson zu den dortigen Verlagen und Redaktionen.
Als Franck im Dezember 1961 starb, wurde er auf dem Friedhof Schönholz in Pankow beigesetzt. Später sorgte seine Familie dafür, ihn auf das Berliner Ehrengrab seines Vaters Philipp Franck auf den Alten Friedhof von Wannsee umzubetten.
Gerade in unserer sehr kritischen Zeit ist es wichtig, sich an Personen zu erinnern, die versucht haben, gesellschaftliche und politische Differenzen zu überwinden. Außerdem gehört Franck zu den wichtigsten Persönlichkeiten in Wissenschaft und Gesellschaft der Berliner Nachkriegszeit. Es ist zu hoffen, dass er nicht im Zusammenhang mit ideologischen Auseinandersetzungen ignoriert wird und in Vergessenheit gerät.
Gerd Kley ist promovierter Physiker und arbeitete seit 1970 an Instituten der Akademie der Wissenschaften der DDR. Von 1980 bis zur „Abwicklung“ 1991 leitete er dort die Abteilung „Hochtemperaturwerkstoffe“. Von 1992 bis zur Berentung 2008 war Kley als Projektleiter an einer Bundesanstalt tätig. In seinen nebenberuflichen Veröffentlichungen befasst er sich mit Persönlichkeiten, die von der offiziellen Geschichtsschreibung und von der Kunstgeschichte vernachlässigt werden.
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