Gut dreieinhalb Stunden Autofahrt sind es ab Berlin bis zum ersten Blick aufs Meer. Die Rügenbrücke baut sich wie ein Meeresungeheuer vor der Motorhaube auf. Das Festland bleibt hinter einem zurück, das Handy sucht vergeblich nach Netz, die Luft wird salziger – und plötzlich ist man im Inselmodus. Aber ich bin nicht auf dem Weg in den Urlaub, sondern zur Formel 1 des Segelns: dem Sail-Grand-Prix.
Der SailGP, das laut eigener Beschreibung „aufregendste Rennen auf dem Wasser“, ist ein globaler Wettbewerb, bei dem Nationalteams in identischen 50-Fuß-Foiling-Katamaranen in 13 legendären Austragungsorten auf der ganzen Welt gegeneinander antreten: New York, Halifax, Abu Dhabi, Saint-Tropez und Sassnitz.
Kopf-an-Kopf-Rennen vor Rügen: Die Katamarane fliegen um die Bojen.
© Ricardo Pinto for SailGP
Einer dieser legendären Orte befindet sich in Mecklenburg-Vorpommern. Sassnitz liegt im äußersten Nordosten Rügens, dramatisch an die Küste gebaut, mit Hafen, Steilkante und gleich ums Eck die weltbekannten Kreidefelsen.
Die Straßen riechen nach Sommerregen auf Asphalt, der Himmel ist blaugrau verhangen und in der Luft liegt das Surren der Helikopter, als ich aus dem Auto steige. Die Hubschrauber filmen das Geschehen von oben: Noch wird geprobt. Schon bei den Übungsrennen werden Geschwindigkeiten über hundert Stundenkilometern erreicht. Das Wetter ist ideal für diese Veranstaltung. Die Tragflächen der Boote heben sich aus dem Wasser; sie fliegen förmlich über die Ostsee.
Das „Germany SailGP Team presented by Deutsche Bank“ wurde von den Eigentümern Thomas Riedel und Sebastian Vettel im Mai 2023 offiziell vorgestellt. Als Fahrer des Teams wurde der zweifache Bronzemedaillengewinner Erik Heil verpflichtet. Die Olympia-Strategin an Bord heißt Anna Barth. Natürlich fiebert das Publikum in Sassnitz an diesem Tag für das deutsche Team.
Gegen den Wind segeln
Dann geht es endlich los: Das ZDF überträgt die Rennen live. Über die Lautsprecher versucht eine Moderatorin, das eher norddeutsch-zurückhaltende Publikum in Stimmung zu bringen. „Wollt ihr mitmachen? Die Hände in die Höhe!“ Die Begeisterung ist mäßig.
Neben mir sagt ein Mann, ohne eine Miene zu verziehen: „Nee, wollen wir nicht.“ Das macht ihn mir sofort sympathisch und wir kommen ins Gespräch. Ob er sich auskenne, frage ich ihn. Ich nämlich gar nicht, gestehe ich gleich zu Anfang. „Ein bisschen“, sagt er, wie jemand, der sich sehr gut auskennt, aber nicht angeben will.
Er hat einen Feldstecher dabei und fuchtelt damit in Richtung seiner Frau und des Rennens, während er erklärt, welche Boje die Katamarane in welcher Reihenfolge umrunden müssen. Erst um die, dann um die, dann hier durch die Ziellinie.
Von der Tribüne aus wirkt das Ganze zunächst chaotisch. Manche Boote fahren links, manche rechts, dann plötzlich scheinbar wieder zurück. Alle folgen diesen dunkleren, blauen Flecken auf dem Meer, den „blauen Patches“, an denen man die Windrichtung und -stärke erkennen kann. „Wie bei einem Schachspiel“, erklärt die Moderatorin. Die Strategen an Bord versuchen, diese Patches miteinander möglichst geschickt zu verbinden. Nur dass die Figuren bei diesem Schachspiel mehr als 100 Stundenkilometer schnell sind und gelegentlich abheben. In dieser ersten Runde geht das deutsche Team als letztes über die Ziellinie.
Perfektes Wetter für Geschwindigkeitsrekorde beim SailGP in Sassnitz auf Rügen
© Felix Diemer for SailGP
Die Rennen selbst sind kurz, dicht und – mit etwas Hilfe meines Nebenmannes und der Moderatorin – dann doch leicht zu verstehen. Auf den großen Bildschirmen sieht man, welche Crew gerade den besseren Wind erwischt, wer zu aggressiv in die Kurve geht, welches Boot einen Wimpernschlag zu spät reagiert.
Die Boote kippen nach vorn, beschleunigen, fliegen über die Wellen und schießen so dicht an der Tribüne vorbei in die Zielgerade, dass man plötzlich versteht, warum Menschen für dieses Spektakel Tickets kaufen, obwohl man das Rennen auch im Fernsehen schauen kann. Das Event mit seinen 13.000 Plätzen ist restlos ausverkauft.
Wie Formel 1, nur viel nachhaltiger
Die Natur ist der Treibstoff; die Katamarane werden nur vom Wind bewegt. Das macht das Rennen zum ersten klimafreundlichen Sport- und Unterhaltungsprojekt seiner Art. Dabei geht es um „nationalen Erfolg, persönlichen Ehrgeiz und Preisgelder von insgesamt 12,8 Millionen US-Dollar“, heißt es auf der Website der Veranstaltung.
Im zweiten Durchgang erzählt mir mein Nachbar, dass Brasilien mit Martine Grael eine Steuerfrau hat. Das genügt mir als Information. „Dann sind die jetzt mein Favorit“, sage ich und feuere die Brasilianerin an. Mein Glück hält sich allerdings in Grenzen. Brasilien bleibt in seiner Gruppe ohne Punkte.
Ein Sturm zieht auf
Dann zieht ein Sturm auf. Es wird dunkler, windiger, unruhiger. Und er bringt neuen Wind ins Rennen, buchstäblich und dramaturgisch. Im dritten Lauf gelingt dem deutschen Team an diesem ersten Renntag ein Start-Ziel-Sieg. Nach Platz sechs und Platz fünf zuvor ist das der Moment, in dem aus einem schwierigen Tag doch noch ein Heimspiel wird.
Deutschland holt sechs Punkte und hält sich damit die Chance offen, am Sonntag noch ins entscheidende Finale einzuziehen. Jetzt ist die Begeisterung im Publikum spürbar, ganz ohne die Anmoderation. „Thank you, Storm!“, ruft ein junger Mann im grünen Anorak und reißt die Hände in die Luft.
Nordostdeutsche Zurückhaltung im Publikum – bis sich der Wind dreht.
© Jed Leicester for SailGP
Am Nachmittag fahre ich weiter nach Göhren. Dort habe ich eines der letzten Zimmer auf der Insel bekommen. Auf dem Weg dorthin lese ich die Wahlplakate an den Straßenlaternen: „MV nicht der AfD überlassen“ steht da, „Wind? Kraft!“ und „Werde jetzt zum Heimatretter“. Am 20. September sind in Mecklenburg-Vorpommern Landtagswahlen.
Beim obligatorischen Strandspaziergang spreche ich mit dem einzigen Einwohner, der mir begegnet: Der Mann am Strandkorbverleih wartet auf Kundschaft. Sein Geschäft heißt Mattis Strandkörbe, auf seinem Käppi steht „Fischkopp“. 16 Grad, Nieselregen, manchmal bricht kurz die Sonne durch. „Das Wetter ist scheiße“, sagt er norddeutsch-langgezogen. Nicht aufgeregt, eher feststellend. Wie man es hier eben tut. Die Einheimischen, erzählt er, seien von der Großveranstaltung nicht nur begeistert. 13.000 zusätzliche Leute, das bedeutet auch abgesperrte Straßen. „Man kommt nicht mal zum Arzt, wenn was ist.“
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Urlaub auf Sylt: Natur und Luxus
Natürlich ist das Event aber auch ein positives Signal für die Region. Der SailGP mit seinen 13.000 Besuchern spült einiges an Einnahmen zusätzlich in die Kassen der Insel: Nach Angaben des Veranstalters führte die Premiere im vergangenen Jahr zu direkten wirtschaftlichen Effekten in Höhe von rund zehn Millionen Euro, insbesondere in Hotellerie und Gastronomie.
So wichtig ist das Event für die Region, dass auch Ministerpräsidentin Schwesig am Renntag vor Ort ist. Schon nach dem ersten SailGP in Sassnitz im vergangenen Jahr hatte sie die Fortsetzung verkündet und dabei erklärt: „Der Wettbewerb ist beste Werbung für den Segelsport und für unser Land.“
Auch fürs kommende Jahr ist der Termin bereits bestätigt. In diesem Jahr noch wird am 20. September in Mecklenburg-Vorpommern gewählt. Ob Schwesig noch Ministerpräsidentin sein wird, wenn die Katamarane 2027 wieder vor Sassnitz Geschwindigkeitsrekorde aufstellen, entscheidet sich in drei Wochen.
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