Hartz IV macht's möglich: Bundesagentur für Arbeit will das ehemalige Arbeitsamt-Süd reaktivieren

Eine zweite Chance

Stefan Strauß
3 Min

NEUKÖLLN. Ausgerechnet in Neukölln, einer der Berliner Bezirke mit der höchsten Arbeitslosenquote, wird die umstrittene Arbeitsmarktreform Hartz IV positiv aufgenommen. Zumindest von den Kommunalpolitikern. Denn das Reformprojekt könnte dazu führen, dass das seit Ende 2001 leer stehende Arbeitsamt an der Sonnenallee wieder als Vermittlungs- und Verwaltungsstelle für die Arbeitslosen genutzt wird. Zurzeit errechnen Mitarbeiter der Bundesagentur für Arbeit, wie teuer es wäre, das älteste Arbeitsamt Deutschlands wieder in Betrieb zu nehmen. Bis zum Herbst soll eine Wirtschaftlichkeitsberechnung vorliegen, bestätigte eine Sprecherin der Behörde in Nürnberg. Entscheidet sich die Bundesbehörde für ihr altes Gebäude, könnten nach der Sanierung etwa 500 Mitarbeiter von Sozial- und Arbeitsämtern in die Büros ziehen. Die Mitarbeiter der Arbeitsgemeinschaft Süd wären dann auf alle Fälle für die Neuköllner Hilfeempfänger zuständig, möglicherweise auch für andere Bezirke. Schon jetzt reichen die Plätze im Arbeitsamt Neukölln nicht aus. Im Bezirk wird die mögliche Reaktivierung des alten Arbeitsamtes begrüßt. "Ein leer stehendes Haus in dieser Größe war für Neukölln nicht attraktiv", sagt Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD). Und Baustadträtin Stefanie Vogelsang (CDU) findet es toll, "dass der historische Arbeitsamt-Standort erhalten bleibt". Hartz IV macht's möglich. Die neuesten Pläne der Bundesagentur kommen überraschend. Denn die Behörde hatte sich drei Jahre lang bemüht, das leer stehende und ziemlich marode Haus zu verkaufen. Mit vier Interessenten war verhandelt worden. Offenbar ohne Erfolg. Zu den Interessenten gehörte auch der Eigentümer des Nachbargrundstückes, der Hamburger Rechtsanwalt Christian Jacobs. Er sagt, Grundstück und Arbeitsamt würden sich nur gemeinsam vermarkten lassen. Doch bisher konnten sich beide Seiten nicht auf einen Kaufpreis einigen. Der Bundesagentur für Arbeit waren die bisher eingegangenen Angebote für das Arbeitsamt zu niedrig. "Sie lagen unter dem Verkehrswert", heißt es aus der Behörde. Vielleicht hatte die Bundesbehörde aber auch unrealistische Vorstellungen vom Wert ihrer Immobilie? Allein die Neugestaltung der Fassade würde etwa zehn Millionen Euro kosten. Entscheidet sich die Nürnberger Bundesbehörde auf Grund ihrer Berechnungen im Herbst gegen die Inbetriebnahme des alten Arbeitsamtes, beginnen die Verhandlungen wieder von vorn. "Dann steht das Haus wieder zum Verkauf", sagt eine Mitarbeiterin der Bundesagentur. Die Frage ist nur: Welche Einrichtung im Süden Neuköllns soll 10 450 Quadratmeter Bürofläche nutzen?------------------------------150 Meter lange Flure // Eröffnet: Das Arbeitsamt an der Sonnenallee gilt als ältestes Ar- beitsamt Deutschlands. Es wurde 1931 für die Massenabfertigung der Arbeitslosen während der Weltwirtschaftskrise gebaut, die Schlange standen. Die Flure sind 150 Meter lang. Selbst im Keller befanden sich Abfertigungsschalter. Geschlossen: Im Oktober 2001 zogen die Mitarbeiter des Arbeitsamtes in einen Neubau auf der anderen Seite der Sonnenallee. Seitdem steht das alte Gebäude leer. Verfallen: Das Haus mit der roten Klinkerfassade ist stark sanierungsbedürftig. Es steht unter Denkmalschutz. Die Wände haben keine Wärme-Isolierung, die Sanitär- und Heizungsanlagen sind stark beschädigt.------------------------------Foto: In Deutschlands ältestem Arbeitsamt könnten bald wieder Wartenummern gezogen und Anträge bearbeitet werden.

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