Währungen

Hat der Ausstieg aus dem Petro-Dollar begonnen?

Die Türkei, Ungarn und Indien bezahlen für russische Energie nicht mehr in der von den USA kontrollierten Weltwährung. In Brüssel herrscht Unruhe.

Michael Maier
5 Min
Eine Frau steht vor einer Wechselkurstafel in Moskau

Eine Frau steht vor einer Wechselkurstafel in Moskau

© imago/Sergei Bobylev

Die westlichen Sanktionen hätten lediglich „begrenzte Auswirkungen“ auf die russische Ölproduktion, teilte die Internationale Energieagentur (IEA) am Donnerstag mit. Während die Lieferungen in die USA, die EU, Japan und Südkorea drastisch zurückgegangen seien, hätte Russland aufgrund der gestiegenen Nachfrage aus der Türkei, Indien und China die Verluste kompensieren können. Für das zweite Halbjahr 2022 und für das kommende Jahr korrigierte die IEA ihre Prognose nach oben und erwartet nun einen Anstieg der russischen Produktion. Dieser sei auch darauf zurückzuführen, dass die Preise für Erdgas massiv gestiegen seien und viele Industrien daher von Gas auf Öl umsteigen würden.

Russland hat seine Position unter anderem deswegen gehalten, weil Moskau seinen Kunden teils hohe Preisnachlässe gewährt hat. Damit zielte Russland vor allem darauf ab, Saudi-Arabien unter Druck zu setzen und den Saudis Marktanteile abzujagen. Dies müssen die Russen schon deswegen tun, weil die Europäer derzeit ausschließlich auf nicht-russische fossile Energieträger setzen können und daher die USA und Kanada die Russen verdrängen könnten. Ende August reist Bundeskanzler Olf Scholz nach Kanada, um über den Import von Erdgas zu verhandeln. Dieses wird mit der höchst umstrittenen Fracking-Methode gewonnen.

Das größte Problem für Russland ist allerdings die Tatsache, dass Erdöl und Gas immer noch weltweit zum überwiegenden Teil in Dollar fakturiert werden (Petro-Dollar). Damit setzt sich jeder Käufer von russischen Rohstoffen dem Risiko aus, über Nacht Besuch von einer Hundertschaft von US-Strafverfolgern zu bekommen – wegen des Verdachts des Verstoßes gegen die Sanktionen. Große russische Unternehmen klagen heute schon, dass ihre Geschäfte am Rande des Kollaps stünden, weil die Hemmungen von Geschäftspartnern so groß seien – selbst wenn das Unternehmen gar nicht mit Sanktionen belegt ist, sondern nur Teile der Eigentümer.

Russische Geschäftspartner, dazu gehört die Türkei, zahlen in Rubel

Daher haben zahlreiche Geschäftspartner begonnen, mit Russland Deals über die Bezahlung in anderen Währungen zu vereinbaren. Die größte Sorge bereitet der Regierung in Washington ausgerechnet der Nato-Partner Türkei. Bei seinem jüngsten Besuch in Sotschi vereinbarte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan mit seinem russischen Amtskollegen Wladimir Putin, dass die Türkei einen Teil des von Russland gekauften Gases künftig in Rubel bezahlen könne. Die türkische Zeitung Milliyet schreibt, dies sei der erste Schritt in eine Zukunft, in der der bilaterale Handel zwischen den beiden Ländern vollständig in den nationalen Währungen abgewickelt wird.

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Erdogans Wunsch, dass Moskau auch die türkische Lira akzeptiert, hat Putin zwar abgelehnt. Zugleich aber haben die Russen die Devisenreserven der Türkei gestärkt, indem der Rosatom-Konzern seiner türkischen Niederlassung zur Errichtung eines Atomkraftwerks laut Bloomberg fünf Milliarden Dollar überwies. Zugleich erklärte sich die Türkei bereit, das russische Zahlungssystem Mir in der Türkei zugänglich zu machen. Erdogan sagte, bereits fünf Banken arbeiteten an der Umsetzung. Das Zahlungssystem ist für russische Touristen in der Türkei wichtig, weil die großen westlichen Kreditkartenfirmen wie Mastercard und Visa alle russischen Kunden von ihren Dienstleistungen abgeschnitten haben.

Der entscheidende Vorteil für die Türkei liegt jedoch darin, dass die Bezahlung von Energieimporten in Rubel die Inflation bremsen, weil die Importe billiger sind als bei Verwendung des starken Dollar. Die Inflation in der Türkei liegt aktuell bei verheerenden 80 Prozent, und schon in Kürze muss die Regierung in Ankara Dollar-Kredite im Wert von 200 Milliarden Dollar refinanzieren. Der Wert der Lira gegenüber dem Dollar ist im Lauf des Jahre um fast 25 Prozent eingebrochen. Für Erdogan geht es also darum, dass er vor der bevorstehenden Wahl die Inflation unter Kontrolle bringen kann.

Ungarn wird zum russischen Problem der EU

Die Inflation treibt auch Ungarn näher in Richtung Russland. Der Forint hat im Jahr 2022 knapp 18 Prozent gegenüber dem Dollar verloren. Ungarn ist mit seinen Energieimporten massiv von Russland abhängig. Bereits im April hatte die ungarische Regierung angekündigt, aus der EU-Phalanx auszubrechen und der Forderung Putin nachzugeben, ihre Energiegeschäfte mit Russland in Rubel abzuwickeln. Wie prekär die Lage für Ungarn ist, zeigte ein Vorfall mit der Druschba-Pipeline. Diese Pipeline ist zentral für die Versorgung Ungarns. Die russische Betreiberfirma der Pipeline, Transneft, hatte am Dienstag bekannt gegeben, dass der Öl-Fluss durch die Ukraine eingestellt worden sei. Als Grund gab sie an, dass Ende Juli eine Banktransaktion aufgrund westlicher Sanktionen gegen Russland abgelehnt worden sei. Der Slovnaft-Sprecher nannte laut AFP „technische Probleme auf Bankenebene im Zusammenhang mit der Zahlung der Transitgebühren von russischer Seite“. Um das Geld dennoch nach Russland zu bringen, erklärte sich der ungarische Mutterkonzern des slowakischen Öl-Unternehmens Slovnaft bereit, die Transferrechnungen für die Russen an die Ukraine zu bezahlen.

Auch in Asien versuchen sich die Energie-Kunden Russlands, vom Dollar zu lösen: Laut Reuters verwenden indische Unternehmen seit einiger Zeit asiatische Währungen, um russische Kohleimporte zu bezahlen, um das Risiko eines Verstoßes gegen westliche Sanktionen gegen Moskau zu minimieren. Indien hat seine Einkäufe in Russland massiv erhöht – wohl auch, weil die Unternehmen als Zwischenhändler fungieren, um das Öl mit einem Preisaufschlag nach Europa zu verkaufen. Das berichtet der Guardian. Italien und die Türkei sollen laut Kiev Post ebenfalls prächtig am Weiterverkauf von russischem Öl nach Europa verdienen. Der ukrainische Geheimdienst hat ein Dossier in Umlauf gebracht, wonach türkische Banken völlig ungehindert Geschäfte mit Russland machen, indem sie Waren aus der EU einkaufen und über Zwischenhändler nach Russland schaffen.

In Brüssel herrscht wegen der unklaren Lage Nervosität. Die Financial Times (FT) zitiert sechs hochrangige EU-Beamte: Demnach werde bereits hinter vorgehaltener Hand über Sanktionen gegen die Türkei diskutiert. Ein schnelles Ende des Petro-Dollars ist allerdings unwahrscheinlich: Der Anteil des US-Dollar an den globalen Devisenreserven  betrug 2021 immerhin 59,2 Prozent. An zweiter Stelle kam mit weitem Abstand (20,5 Prozent) der Euro, und selbst das britische Pfund hatte mit 4,7 Prozent deutlich mehr Anteil als der chinesische Yuan mit 2,6 Prozent.

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