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Jochen Arenz sagt: „Deutschland ist am Ende, die Kommunen können nicht mehr.“ Und: „Wir haben ein Strukturproblem, weil sowohl der Bund, als auch das Land die Kosten immer eine Etage tiefer drückt - und wir, die Kommunen, sind am Ende der Kette.“ Und wenn die Städte und Gemeinden kein Geld mehr hätten, sterbe die Demokratie, so Bad Doberans parteiloser Bürgermeister.
Erst vor wenigen Tagen beschlossen die Stadtvertreter des idyllischen Ferienorts nahe der Ostsee den Doppelhaushalt für 2026/27. Nach derzeitigem Stand fehlen in beiden Jahren jeweils drei Millionen Euro in der Stadtkasse. Im darauffolgenden Jahr droht gar ein Minus in Höhe von acht bis zehn Millionen Euro.
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Folglich sucht man fiebrig nach Einspar- und Einnahmemöglichkeiten. So steht der Verkauf einer Immobilie im Raum, die die Stadt vor rund 50 Jahren von dem bekannten Schriftsteller-Ehepaar Ehm und Agathe Welk geerbt und gemäß deren Testament zur kulturellen Begegnungsstätte umgestaltet hatte. Seit fast einem halben Jahrhundert finden hier im eingetragenen Baudenkmal neben der Gleisen der Mecklenburger Bäderbahn, „Molli“ genannt, Lesungen, Ausstellungen, Vorträge, Wettbewerbe, Konzerte und sogar literaturwissenschaftliche Kolloquien statt. Und das alles organisiert von Ehrenamtlichen.
„Und die machen das mit Liebe und Herz. Da geht auch ein Stück Seele verloren, wenn man so eine Einrichtung schließt“, räumt Arenz ein, sagt dann aber sogleich: „Das Haus ist total marode, weshalb mindestens eine halbe Million Euro an Sanierung da reingehen müsste. Ich kann die Überlegung nachvollziehen, dass wir das nicht mehr machen sollten.“ Und überhaupt: 90 Prozent der Bad Doberaner, so glaubt der Bürgermeister, würden Ehm Welk ohnehin nicht mehr kennen, vielleicht nur dem Namen nach.
Der Schriftsteller Ehm Welk (1884- 1966)
© Imago
Die Nazis vorgeführt
Letztlich gibt es keine repräsentative Umfrage in Bad Doberan, wie viele Einwohner davon Kenntnis haben, dass der spätere Ehrenbürger ihrer Stadt im April 1934 als langjähriger Chefredakteur der damals millionenfach verkauften Wochenzeitung Die Grüne Post den Propagandaminister der Nazis so vorführte, dass Joseph Goebbels ihn zunächst ins KZ stecken ließ und die nächsten Ausgaben des Familienblatts verbot. Dass Ehm Welk nach dem Weltkrieg in Mecklenburg überdies sechs Volkshochschulen gründete oder dass sein Bestseller „Die Heiden von Kummerow“ den Stoff für die allererste ost-westdeutsche Film-Koproduktion bot.
Ganz zu schweigen davon, dass dass Ehm Welk am Ende der Fünfzigerjahre in der Bad Doberaner Dammchaussee einen für die Politik unwillkommenen und von der Kritik verrissenen Roman schrieb, der aus dem Jahr 1999 auf eine längst vollzogene Wiedervereinigung und den Weg dahin zurückblickt. Quasi dem Vergessen anheimgefallen sein könnten womöglich auch die harten politisch-literarischen Auseinandersetzungen von Welk mit Christa Wolf und dem gebürtigen Mittelfranken Adam Scharrer oder seine Dramen und Drehbücher. Wer weiß.
So wenige sind es jedenfalls dann doch nicht, die sich auf den „Heiden von Kummerow“, wie ihn der erfolgreiche Rostocker Verleger Konrad Reich in seiner großen Welk-Biografie taufte, und auf die historische Stätte seines sechzehnjährigen Bad Doberaner Schaffens einlassen. Eben auch, weil Kultur nicht nur aus großen Bühnen bestehe, sondern ebenso von kleinen, stilleren Orten lebe, wie es auf www.ehm-welk-haus.de in einem Kommentar zur drohenden Schließung des Hauses heißt.
Für die Vorsitzende des Literaturvereins Ehm Welk-Haus e.V, Dr. Bärbel Giersberg, war es ein Jugendweihe-Gedicht des Schriftstellers für Hella, die Tochter seines Nachbarn und Freundes, des Bildhauers Reinhard Schmidt, das ihr den einstigen Bestsellerautor besonders interessant machte: „Das fand ich sehr anrührend. Und da habe ich mir gedacht: Mit jemandem, der solche Gedanken weitergibt, kann ich mich mal näher beschäftigen.“ So heißt es in der zentralen Gedichtzeile: „Der Sinn des Lebens ist einfach der Dienst an der Dauer des Lebens!“
Die Vorsitzende des Literaturvereins „Ehm Welk-Haus e.V“ Bärbel Giersberg mit Ehm Welk-Porträt in seinem original erhaltenem Bad Doberaner Arbeitszimmer.
© Thomas Hoppe
Zum Nutzen der Gesellschaft
Dass sich davon eine Ärztin angesprochen fühlt, liegt auf der Hand. Doch Welk hat diesen Gedanken auch anderen Lesern erläutert, denen der Satz zu abstrakt erschien: „ … unter Leben kann man doch nicht das individuelle Leben des einzelnen Menschen verstehen, sondern nur das organische lebendige Sein auf Erden, das wir in seiner Gesamtheit als Leben bezeichnen.“ Was für ein aktueller Diskussionsstoff könnte das auf einem möglichen Ehm Welk-Haus-Forum sein.
Giersberg gehört seit 1994 dem Verein an, der im Auftrag der Stadt das Haus betreibt und erinnert sich noch gut an ähnliche Runden hier. Wie auch an die Schüler-„Arbeitsgemeinschaften“ vor Ort, wo sich zum Beispiel ihr Sohn mit der Plattdeutsch-Pflege beschäftigte. Noch immer gehören hier heutzutage zu den jährlich etwa 50 besonderen Veranstaltungen Vorlesetage für Kinder aus Kitas und Schulen. Regelmäßig werden regionale Wettbewerbe des Buchhandel-Börsenvereins unterstützt und Kreativ-Projekte angeschoben.
Für die Vereinschefin geschieht das alles auch ganz im Sinne Welks und vor allem zum Nutzen der Gesellschaft: „Wollte er doch nach dem Zweiten Weltkrieg Bildung an die Jugend und Humanismus in die Köpfe der Menschen bringen. Und das kann man doch zu allen Zeiten gebrauchen.“
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Plakativer Widerstand
Das schätzt der Literaturwissenschaftler und Welk-Experte Reinhard Rösler ähnlich ein: „In seinen Werken und im Wirken steckt ein humanistisches Grundelement: ein bisschen Gerechtigkeit in die menschlichen Dinge bringen. Das hat er mehrmals betont. In den ,Heiden von Kummerow‘ und in den ,Gerechten von Kummerow‘ lässt er Kinder dafür sorgen. Das sollte für uns eigentlich auch heute noch wichtig sein. Doch dazu müssten die Jungen an Welks Schaffen herangeführt werden: Jede Klasse in Bad Doberan war zu DDR-Zeiten mindestens einmal im Ehm Welk-Haus.“
Trotz allem kamen die anwesenden Stadtvertreter neulich bei der nichtöffentlichen Finanzausschusssitzung zu folgendem gemeinsamen Schluss: Das Ehm Welk-Haus sollte verkauft werden. Gedenkstücke daraus könnten ins Stadtmuseum und zum Andenken an den Literaten gäbe es schließlich ein ganzes Stadtviertel, wie eine ehrenamtliche Finanzexpertin im Ausschuss ergänzte.
Sie bezog sich dabei ausgerechnet auf das außergewöhnliche Ergebnis der einst ersprießlichen Kooperation von Volksvertretern, Verwaltung und eben jenen Ehrenamtlern aus dem Ehm Welk-Haus, deren jahrzehntelanges Engagement bei der nun angedachten Versilberung von Stadteigentum einfach unter den Tisch zu fallen scheint. Der „Freundeskreis Ehm Welk“, aus dem der heutige Literaturverein erwuchs, hatte sich im Ehm Welk-Viertel an der Chaussee nach Heiligendamm unter anderem um erklärende Ergänzungsschilder für die dortigen Straßennamen und ergänzende Lese-Spaziergänge im Neubau-Areal gekümmert. Namen, die mit der Biografie Welks und seinen Romanfiguren in Verbindung stehen.
„Hände weg vom Ehm Welk-Haus!“ rufen nunmehr die Unentwegten in dieser Sache, während im Rathaus kehrt der erklärtermaßen von plakativem Widerstand enttäuschte Verwaltungschef noch seine Kompromissbereitschaft kundtut. „Es geht dort ja um zwei Flurstücke und für das rechte habe ich eine Bauanfrage machen lassen. Vielleicht kann man einen Teil des Gartens verkaufen und von dem Geld das Haus sanieren“, erklärt Arenz und räumt ein, dass das „auch nicht optimal“ sei, weil der Garten wunderschön ist. Bestimmt sagt er zudem: „Aber es könnte nur saniert werden, wenn es ein Nutzungskonzept gibt!“
Ehm Welk-Haus mit Relief von Reinhard Schmidt im Vordergrund
© Thomas Hoppe
Konzept wird überarbeitet
Solche Konzepte hat es über die Zeit immer wieder gegeben – an einem aktualisierten, auf die Zukunft ausgerichteten, würde gearbeitet werden, heißt es aus dem Vorstand des Literaturvereins. Seine Vorsitzende zeigt dazu die Erstfassung vom April 1978. In der geht es unter anderem nicht nur um die „schöpferische Interpretation des Gesamtschaffens“ von Ehm Welk für die damalige Zeit, sondern sogar explizit um ein besonderes Angebot für die Gäste der Stadt aus dem In- und Ausland.
Hunderttausende von ihnen fahren gegenwärtig jedes Jahr im „Molli“ am gut ausgeschilderten Ehm Welk-Haus vorbei. Manche werden sich dabei fragen, was es mit dem etwa fünf Quadratmeter großen Durchbruchrelief vor der Gartenmauer auf sich hat.
Noch können sie die abenteuerliche DDR-Geschichte dieser Reinhard-Schmidt-Arbeit im Haus daneben während seiner Besichtigungszeiten erfahren. Sie war 1968 für eine Ehm Welk-Schule in Prohn geplant, doch der Name wurde am Schulgebäude für „Karl Liebknecht“ überstrichen, der Widerstand des zuständigen Schulrates und des Direktors durch SED-Kreisleitung und Rat des Kreises gebrochen. Das Relief landete für 16 Jahre vor der Rostocker Kunsthalle, bevor es, auf Initiative des besagten Freundeskreises und des damaligen Bürgermeisters mit Geldspenden und durch Sachleistungen restauriert, sein passendes Zuhause fand. Wird Geldmangel es jetzt wieder verschwinden lassen?
„Uns fehlt hier im Norden so ein Stifter und Mäzen wie Hasso Plattner, der Mitbegründer des Softwarekonzerns SAP. Er hat in Potsdam die Museen Barberini und Minsk wieder aus dem Boden gestampft sowie Millionen für den Wiederaufbau des Stadtschlosses gespendet“, sagt die gebürtige Dresdnerin Giersberg nachdrücklich und betont mit fester Stimme: „Trotzdem werden wir nicht klein beigeben.“
Thomas Hoppe, 1959 in Rostock geboren, wuchs in Stralsund auf, studierte in Leipzig Journalismus, arbeitete von 1985 bis 2021 als Redakteur und Reporter bei der Ostsee-Zeitung in Rostock und Bad Doberan. Seitdem schreibt er als freier Autor u.a. regelmäßig für die Rostocker Stadtteilzeitung Südstern.
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