Der knatternde Lärm eines Zweitakters erfüllt den Raum. Ein Mann bricht zusammen. Mühsam rappelt er sich auf und wendet sich an das Publikum: "Hi, ich heiße Marko. Alles hat angefangen in der Zeit, als ich 328/1 war. Früher, da war ich offen und kontaktfreudig. Heute bin ich eher misstrauisch und unsicher. Wenn jemand an der Tür klingelt, bekomme ich Panikattacken."Marko berichtet schlicht und ergreifend über sein Leben. Wie er als 17-jähriger Kellner in Berlin-Schönefeld einen westdeutschen Politiker kennenlernt, wie ihn die Stasi anwirbt und er in den Westen fliehen will, wie seine sogenannte "Republikflucht" misslingt und er ins Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen verschleppt wird. Sein persönlicher Albtraum als Häftling 328/1 wird zum beklemmenden Theatererlebnis für das Publikum, das hautnah dran ist am Geschehen, an den endlosen Verhören und psychologischen Foltermethoden der Stasi.Im gut geölten Räderwerk der Repressalien hört man die Seele Markos knirschen. "Wir können mit Ihnen machen, was wir wollen, sie asoziales Stück Scheiße", brüllt ihn ein Vernehmer an. "Durch Ihre störrische Haltung bringen sie doch nur ihre Familie in Gefahr", flüstert ihm ein anderer ins Ohr. Der Schweiß steht Marko auf der Stirn. Die kaputte Heizung in seiner Zelle läuft wochenlang auf Hochtouren.Ein Mann mit schwarzer Augenbinde macht zögerlich ein Auge frei. Laute Rockmusik ertönt. Schnell macht er die Binde wieder vor die Augen. Vorsichtig macht er das andere Auge frei. Die Rockmusik setzt wieder ein, rasch zieht er die Binde abermals vor die Augen. Marko ist im Westen angekommen. Die Bundesrepublik hat ihn als politischen Häftling freigekauft. Langsam lernt Marko, die neuen Freiheiten zu genießen. Doch das Leben hält noch eine traumatische Begegnung für ihn bereit. Der Zynismus der Geschichte schlägt ihm brutal ins Gesicht.Die von Regisseur Mirko Böttcher dramatisierte Erzählung beruht auf der Biografie von Mario Röllig, der dem Publikum als Zeitzeuge nach jeder Aufführung für Fragen zur Verfügung steht. Gerade jetzt, wo die Festlichkeiten zum 60-jährigen Bestehen der Bundesrepublik Politikern aller Couleur einen Hang zur Harmonie verleihen, ist "Akte R" ein wichtiges Stück gegen das Vergessen und macht das Unfassbare spürbar, begreifbar. Oder, wie Marko alias Mario sagt: "Ich versuche, so vielen Leuten wie möglich meine Geschichte zu erzählen." Denn, so fährt er fort: "Das Erzählen ist wie eine Häutung. Und ich glaube, ich muss mich noch oft häuten."------------------------------Akte RAm 29. & 30. Juni sowie am 1., 2. & 3. Juli, jeweils um 10 Uhr, am 2. Juli auch um 19.30 Uhr.Im Anschluss an die Vorstellung Führung mit Zeitzeugen durch die Gedenkstätte - dem Ort des Geschehens.THEATER STRAHL BERLINin der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen,Genslerstraße 66, 13055 Berlin.Kartentelefon: (030) 69 59 92 22www.theater-strahl.de------------------------------Foto: "Akte R": Im Stasi-Gefängnis läuft die Heizung seit Tagen auf Hochtouren.
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