Heiner Müllers Stück "Der Auftrag" hatte im Schauspiel Leipzig Premiere

Die Mission endet im Altenheim

Ernst Schumacher
3 Min

Als Heiner Müller 1980 in der Berliner Volksbühne sein Stück "Der Auftrag" in Szene setzte, wurde das politisch Sensationelle durch die Regiekunst noch weitgehend "verpackt". Im Spiegel der Großen Französischen Revolution wurde ja nicht mehr und nicht weniger als die Große Sozialistische Oktoberrevolution als gescheitert erklärt.Was als Freiheit ausgegeben worden war, wurde von Müller als Verrat bezeichnet, die Folgerung lautete: "Tod den Befreiern heißt die letzte Wahrheit der Revolution". Eine Vorwegnahme Heute wirkt "Der Auftrag" wie eine Vorwegnahme des Scheiterns des "realen Sozialismus". Heute drängt sich die Frage auf, ob Müller vielleicht auch ein ähnlicher Seismograph in bezug auf die sogenannte Dritte Welt war?Auf alle Fälle steht wie ein Menetekel die Befürchtung des "gewendeten" Revolutionärs Debuisson an der geschichtlichen Wand: "Ich fürchte mich, Sasportas, vor der Schande, auf dieser Welt glücklich zu sein."Bei der Premiere des "Auftrags" am Sonntag im "Theater hinter dem Eisernen" im Schauspiel Leipzig leuchtete Regisseurin Konstanze Lauterbach die revolutionsgeschichtlichen Bezüge auf grelle Weise aus. Doch ihr Hauptinteresse galt den politisch-moralischen Aspekten, die im Paradox des Glücklichseins im "Verrat" gipfeln. Verrückt, verzückt Um die Zeitbezüglichkeit so stark wie möglich zu machen, läßt Konstanze Lauterbach die "Erinnerung an eine Revolution" (so der Untertitel des Stücks) in einer Lokalität spielen, die an ein Altenheim erinnert (Bühne und Kostüme Stefan Heyne). Diese Konkretisierung engt die Freiheit der Phantasie ein, wenn die drei Protagonisten nochmals "das Theater der Revolution" durchspielen. Sie drängt aber konsequent zu der eigentlichen Frage hin, warum Debuisson über seinen "Verrat" an der Revolution verrückt und verzückt ist.Die Regisseurin läßt in dieser Inszenierung alles doppelt und dreifach versinnbildlichen, was schon der Text genügend metaphorisiert. "Marianne" (Heidrun Maria Breier) hat Blut aus der Schüssel zu schlürfen, wenn Antoine (Gert Gütschow) sich als Revolutionär verleugnet. Der Darsteller des Sklaven Sasportas (Matthias Brenner) hat sich in Kakaopulver zu wälzen, um zum "Neger" zu werden. Der "Mann im Fahrstuhl" (Wilhelm Eilers) ist eine Mischung aus Badewärter und weißem Clown, der auf Kölsch den Verlust seiner Identität schildert. Der "Engel der Verzweiflung" fungiert als Suppenausteilerin (Marylu Poolman), ein Engel, der mit seiner Pathetik die Suppenlöffler zum Platzen vor Lachen bringt. Viel Exaltiertheit Debuisson wird durch Friedhelm Eberle, Galloudec durch Dieter Jaßlauck dargestellt. Beide sind alte Kämpen in sozialistisch-realistischer Darstellungsweise. Aus der Paarung mit der Energie des "jungen Wilden" Brenner entsteht eine Mischung, die Rechtfertigung und Verdammung des Verrats zum expressiven Höhepunkt macht. Sowohl Eberle wie Brenner geraten im Wortsinn außer sich. Weniger Exaltiertheit täte dem Gehalt besser, der in der Frage gipfelt, wo denn nun heute die Revolution wirklich noch eine Heimat hat, wo die Dritte Welt mehr denn je in der Gewalt der ersten Welt ist.In der "Heldenstadt" Leipzig "postrevolutionäre" Mentalitäten so zeitnah wie möglich zu rücken, brachte die Inszenierung zuwege. Das Publikum reagierte begeistert. +++

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