MÜNSTER. Die neue Saison begann für Hertha BSC mit einem alten Problem. Mit einem Ballverlust. Angreifer Raffael hatte sich an einer Kopfballrückgabe versucht, die den Gegner zu einer hübschen Torchance animierte. Vier Minuten war sie da gerade alt, die neue Saison. Und Herthas Trainer Lucien Favre schöpfte einen Anfangsverdacht, der sich im weiteren Verlauf des Abends bestätigen sollte: "Wenn du den Ball verlierst, dann hat der Gegner den Ball."Herthas Gegner, Preußen Münster, war in dieser Erstrundenpartie des DFB-Pokals erstaunlich oft am Ball für einen Viertligisten. Zieht man die letzten beiden Minuten der Verlängerung ab, in denen die Berliner mit Treffern von Waleri Domowtschiski und Raffael den schmeichelhaften 3:1-Sieg herstellten, dann muss man sogar festhalten, dass sich hier zwei Mannschaften auf Augenhöhe begegnet sind. Und zwar auf dem Niveau des Regionalligisten.Die Gastgeber lagen nach ihrem zweiten Pokalspiel in diesem Jahrtausend nicht von ungefähr mit glasigen Augen auf dem Rasen. Sie hatten ja gespürt, wie nahe sie dem ewigen preußischen Heldenruhm waren. Und die 18 200 Stadionbesucher (Bauzaun-, Stadiondach-, und Klohäuschen-Besteiger nicht mitgerechnet) hatten sich auch nicht ohne Grund auf ein Schlusslied geeinigt, das im Wesentlichen eine Textzeile variiert: "Erste Liga, keiner weiß warum."Lucien Favre machte bisweilen ein Gesicht, als wüsste er das auch nicht so genau. Nur an einer Erkenntnis gab es für den Schweizer keinen Zweifel: "Dass wir noch enorm viel zu tun haben" bis zum Ligastart am kommenden Wochenende gegen Hannover.Die Frage ist nun, wo ein Perfektionist wie Favre da anfangen soll. Die Innenverteidiger Arne Friedrich und Steve von Bergen gaben noch das beste Bild ab. Sie machten ihre Sache solide, was man für die Kollegen auf den Außenbahnen nicht behaupten kann. Lukasz Piszczek fiel durch misslungene Passspiel-Versuche auf. Marc Stein ließ sich auf der linken Seite konsequent von einem Viertligaspieler namens Julian Loose überrennen. Stein sollte es sich besonders zu Herzen nehmen, dass Favre später urteilte: "Wir haben zu langsam gespielt."Die beste Nachricht für Stein und Piszczek war wohl die, dass Neueinkauf Nemanja Pejcinovic nach seiner Einwechslung auch nicht den Eindruck erweckte, als ob er dringend Stammspieler werden wolle. Wobei Favre für den stämmigen Serben mildernde Umstände gelten ließ: "Ich war überrascht, wie er gespielt hat, dafür dass er die Mannschaft nicht kennt."Niemand will Chef seinNeben dem weiterhin virulenten Abwehrproblem ergaben sich am Sonnabend in Münster auch einige offene Fragen im Aufbauspiel. Bis zu dem Zeitpunkt, da Favre den angeschlagenen Cícero auf den Rasen schickte (72.), sah sich im Mittelfeld niemand bemüßigt, die Chefrolle zu übernehmen, die Bälle zu verteilen, den Bundesligisten zu mimen. Arne Friedrich und Steve von Bergen schoben sich hinten immer wieder Sicherheitsbälle zu - aus Mangel an Alternativen.Die wenigen Torchancen, die sich Berlin in der regulären Spielzeit erarbeitete, machte dann zumeist ein als Papagei verkleideter Torhüter zunichte, der auf den Namen David Buchholz hört. Oder wie Trainer Favre es ausdrückte: "Der Goalie war gut, das ist klar." Nur einmal war der Goali nicht so gut: als Raffael nach gut zwanzig Minuten zwei Mal mit der Lende wackelte und Buchholz auf den linken Papageienspann schoss, von wo der Ball dann zum 1:0 für Hertha BSC ins Netz hoppelte. Es war die einzige ernstzunehmende Offensivaktion in der ersten Hälfte.Bis zum Ausgleichstreffer nach 53 Minuten, einem an sich harmlosen Freistoß von halbrechts, hätte man den Auftritt der Berliner sogar als Strategie deuten können. Eine Weile schien es, als führten sie kalkulierten Zeitlupenfußball auf, als wollten sie die Pokalstimmung im Stadion mit einer wohldosierten Baldrian-Behandlung lahm legen.Als die Festtagslaune der Gastgeber nicht mehr zu bändigen war, präsentierten sich die Hertha-Profis dann aber umso strategieresistenter. Sie spielten sich selbst in die Hacken, schossen herbeieilende Gegner an oder droschen den Ball einfach in den nur dürftig ausgeleuchteten Abendhimmel.Lucien Favre war sichtlich bemüht, den Eindruck zu erwecken, dass er eine solche Vorstellung eine Woche vor dem Bundesligastart einkalkuliert habe. Er sagte: "Die Presse prophezeit doch immer, dass es schwierig wird für uns dieses Jahr. Und dann ist sie überrascht, wenn es für uns schwierig ist."------------------------------In der HöheRegeneration: Nach 120 Minuten Pokalspiel erholten sich die Stammspieler von Hertha BSC am Sonntag in der klubeigenen Höhenkammer. Verletzt hatte sich keiner der Profis beim Spiel in Münster.Transfermarkt: Der schwedische Innenverteidiger Rasmus Bengtsson (Trelleborg), an dem Hertha Interesse zeigte, soll sich inzwischen mit Lazio Rom einig geworden sein.------------------------------Foto: Keine Chance für den Papagei: Herthas Domowtschiski überwindet Münsters Torhüter Buchholz zum 1:2.
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