„Vier Spiele, vier Siege.“ Das Mantra, das Hertha-Trainer Pal Dardai vor der Partie gegen den VfB Stuttgart ausgegeben hat, war offenbar eingängig genug, um sich in den Köpfen seiner Spieler festzusetzen. Und wie groß die Erleichterung nach dem 2:1 (2:1)-Sieg der Berliner gegen den direkten Abstiegskonkurrenten war, wurde nach Schlusspfiff deutlich: Da wurden die Hertha-Spieler, die vor die Ostkurve gekommen waren, gefeiert, bejubelt, beklatscht - auch wenn zu Beginn dort auf einem Banner zu lesen war: „Verkauft, verbrannt, verkackt & weiter gefangen im Hamsterrad!“
Im Hamsterrad strampelt Hertha als Tabellenletzter der Bundesliga weiterhin. Doch statt sechs Punkten auf den Relegationsplatz sind es drei Spieltage vor Saisonende nur noch drei, da nicht nur der VfB verlor, sondern auch Bochum 0:2 gegen Borussia Mönchengladbach. „Das war ein Arbeitssieg“, sagte Dardai. „Genau so muss man auftreten im Abstiegskampf. Das gibt uns enorm viel Kraft“, ergänzte Hertha-Torschütze Florian Niederlechner nach der dramatischen Partie im Sky-Interview.
Stevan Jovetic dirigiert das Spiel von Hertha BSC
Stevan Jovetic, auf dessen Einschätzung Dardai hatte hören wollen, hatte seinem Coach signalisiert, dass er bereit sei für einen Einsatz von Anfang an. Der Spielmacher war einer von vier Neuen, die Dardai in der wegweisenden Partie vor mehr als 60.000 Zuschauern im Olympiastadion im Vergleich zum 0:2 beim FC Bayern in der Vorwoche auf den Rasen schickte. Die anderen waren: Marco Richter, Abwehrchef Marc Oliver Kampf sowie Marton Dardai.
In der zwölften Minute war Kevin-Prince Boateng von der Ersatzbank aufgesprungen, um Lucas Tousart zu applaudieren. Dessen Weitschuss zischte links am Stuttgarter Torpfosten vorbei. Drei Minuten später rollte ein Torschuss von Dodi Lukebakio ebenso knapp rechts am Stuttgarter Tor vorbei. Hertha machte Druck aus einem kompakten Mittelfeld. Und die Berliner verteidigten ihr Gehäuse, mit allem, was sie hatten: Filip Uremovic etwa mit einem unnatürlich abgewinkelten Arm kurz vor dem Strafraum, was Schiedsrichter Deniz Aytekin mit Gelb und einem Freistoß aus 17 Metern ahndete. Beim Schuss von Serhou Guirassy bewegte sich Florian Niederlechner zu früh aus der Mauer, um ihn abzublocken. Dafür sah auch er die Gelbe Karte. Bei Guirassys Freistoß-Wiederholung brachte dann Urmovic seinen Kopf in die Flugbahn - und lenkte den gefährlich geschossenen Ball damit über das Tor von Oliver Christensen.
Nach einem Eckball kam Marco Richter noch mal von rechts zur Flanke und Abwehrchef Marc-Oliver Kempf bewies, dass sich Dardais vermehrtes Kopfballtraining gelohnt hat. Er stieg in der Strafraummitte am höchsten und markierte per Kopf mit seinem ersten Saisontreffer das umjubelte 1:0 (29.) für Hertha BSC.
Vier Spiele, vier Siege: Dardai liefert den Refrain für die Hertha-Rettungshymne
Die Antwort der Stuttgarter kam neun Minuten später. Borna Sosa schlug eine Flanke auf Josha Vagnoman. Der hatte Platz am Rand des Fünfmeterraums. Hertha-Keeper Christensen konnte nicht verhindern, dass Vagnoman den Ball mit Übersicht auf Guirassy weiterschob, der aus zwei Metern nur noch zum 1:1 einzuschieben brauchte. Der Ausgleich gab dem VfB Auftrieb, das Team von Trainer Sebastian Hoeneß begann, das Geschehen zu dominieren. Doch nach einem flach getretenen Freistoß von Lukebakio kam Niederlechner in der Nachspielzeit der ersten Hälfe mit der Fußspitze an den Ball und stupste ihn durch die Beine von VfB-Torhüter Fabian Bredlow über die Linie. Das 2:1 kurz vor dem Pausenpfiff ließ Dardai und sein Team beschwingt in die Kabine gehen.
Doch nach der Pause war zunächst wieder der VfB, der mit Silas für Tiago Tomas weitermachte, das aktivere Team. Hertha konzentrierte sich aufs Verteidigen, um dann mit Kontern für Gefahr zu sorgen. Doch richtig gefährlich wurde es für die Stuttgarter nicht. Nach etwa 20 Minuten wechselte Dardai Jessic Ngankam für Lukebakio und Maximilian Mittelstädt für Niederlechner ein. Doch das zeigte zunächst keine Wirkung. Gerade hatte Marvin Plattenhardt noch einen Ball aus dem Berliner Strafraum in höchster Not weggeschlagen, da musste auch schon Tousart in letzter Sekunde klären.
Schalke und Bochum besitzen größere Mentalität als Hertha – oder täuscht das?
Dardai probierte, seinem Team mit einem Dreierwechsel noch mal Schwung zu geben, brachte Agustin Rogel, Chidera Ejuke und Suat Serdar für die letzte Viertelstunde der Partie. Hertha eroberte sich den Ball zwar immer wieder im Mittelfeld, doch im Umschaltspiel agierten die Berliner Profis zu fehlerhaft. Beiden Teams war anzumerken, wie wichtig diese Partie für sie war. Beide Teams kämpften. Stuttgart drückte, dominierte, zwang Hertha in die Defensive. Einmal rettete Christensen gegen Vagnoman, kurz darauf verfehlte Wataru Endo das Tor nur knapp.
Trainer Dardai beklagte sich über die Nachspielzeit von fünf Minuten. Die Leidenschaft, die von den Rängen hörbar wurde, war auf dem Platz zu sehen. Als Schiedsrichter Aytekin endlich abpfiff, hob Präsident Kay Bernstein auf der Tribüne die Arme. Pal Dardai blies die Luft durch die Lippen. Was für eine Erleichterung - fürs Erste.
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