Verblüffenderweise schneiden deutsche Pop-Produktionen im internationalen Vergleich zunehmend besser ab - besonders klar wurde mir das beim konzentrierten Durchhören einer Billig-Kompilation aus dem Hause Universal, die momentan im ICE-Radioprogramm promotet wird. Obwohl ich mich überhaupt nicht für Hit-Sampler interessiere, habe ich mir diesen wegen der deutschsprachigen Stücke besorgt (er heißt "Mega HITS 2006. Die Zweite"). Auf dem Cover ist ein Mädchen mit Pferdeschwanz und Mini-Bikini zu sehen. Vor ihr ragt ein großes rotes Styropor-M aus dem Meer auf. Rechts neben ihr steht ein fetteliger Wellenreiter-Typ mit grünem Brett unterm Arm. Weiter weg plantschen noch ein paar junge Leute im rotschimmernden Wasser. Auf der ersten CD geht es mit schauerlichen englischsprachigen Acts los, die mir vollkommen unbekannt sind: Yoomiii, Beat Freaks, Sean Paul. Na gut, den kenne ich. Wie schon Ozzy Osbourne sinngemäß bemerkte: Sean Paul kann einen mit seinen Grooves echt fertig machen.Ich denke: "Gleich wird es besser." Stimmt nicht. Die erste CD ist überhaupt nichts. Die spricht mich musikalisch gar nicht an. Dafür die zweite Scheibe. Texas Lightning machen mit "No No Never" den Anfang. Die Stimme der Sängerin dringt bis tief in mein Herz. Absolut fatales Timbre. Sie soll noch viele solcher Lieder singen. Sie inspiriert mich. Sehr!Danach folgen Rosenstolz. Mit "Nichts von alledem (tut mir Leid)". Auch wenn ich mich des Eindrucks nicht erwehren kann, dass sich die Texte bei dieser Band seit Jahren stark ähneln (tut mir Leid), ihre Kompositionen ziehen den Karren stets aus dem Dreck.Danach kommt: "Nine million Bicycles" von Katie Melua. Wer sich mit Musikclips auskennt, erinnert sich: Ein junges Mädchen, das im Liegen (!) von einem unsichtbaren Sog einmal um die ganze Welt geschlürft wird. Über Stock und Stein. Durch Wüstensand und Straßenstaub. Ich schätze, während des Drehs wurde ihren Haaren ganz schön zugesetzt. Irreparable Strukturschädigung durch permanenten Kontakt mit unterschiedlichsten Bodenbeschaffenheiten. Manchmal muss man Federn lassen. Apropos: Das Lied erinnert an Chinarestaurant-Musik.Als nächstes hören wir Sasha, der bis vor Kurzem noch als Dick Brave mit Gel-Tolle auftrat. Nun kehrt er als Sunnyboy mit Tiefgang zurück. Musikalisch würde ich den Song als soliden Boogie-Rock durchgehen lassen. Ich mag Sasha gerne. Besonders seine Radio-Interviews. Er ist ziemlich eloquent, kann sich zu jedem Thema äußern. Egal, ob es um Wohnungseinrichtung geht, oder sein zurückhaltendes Engagement im sozialen Segment. Verstörend finde ich nur, wenn deutschsprachige Interpreten auf Englisch singen. (Texas Lightning ausgenommen.)Nummer 07 belegen Tokio Hotel mit "Rette mich". Einwandfreier Song. Kann man nicht meckern. Der Text spricht mich an. Kostprobe: "Komm und rette mich, ich verbrenne innerlich." Wer kennt dieses Gefühl nicht? Unter uns: In dem Text geht es ganz schön zur Sache. Allerdings: Die Web-Seite ist "Ohne mindestens Flashplayer 6 gar nicht zugänglich!!" Was immer das heißen mag, ich ziehe mich zurück.Der 08. Platz gehört der Sängerin Roxi. Noch nie von ihr gehört. Der herrliche Refrain von "Schöner is ohne" überzeugt sofort. Ein Satz in den Lyrics fällt allerdings aus dem Rahmen, auch, wenn ich ihn emotional durchaus nachvollziehen kann: "Ich möchte mich einfach übergeben, vielleicht bist du dann endlich aus mir raus." Wie oft habe ich das schon nach dem Essen versucht - kleiner Scherz. Im Netz nach Roxi recherchieren klappt schwerlich. Sofort schaltet sich die Kindersicherung ein. Apropos: "Schöner is ohne."Der nächste Track wird von einer etwas kehlig klingenden Dame vorgetragen: "Männer brauchen Liebe." Niemand wird ahnen, wer die Interpretin dieses launigen Swings ist. Keine geringere als Jasmin Wagner. Unsere erfolgreichste deutsche Sängerin der 90er. Weltweit hat sie Millionen Platten verkauft. Nun ist sie, wie auf ihrer Web-Seite bekannt gegeben wird, erwachsen geworden. Leider hilft das nicht weiter. Neben den schönen Schwarzweißfotos kann man lesen: "Da der Vorverkauf der Tour sehr zäh läuft, werden wir alle Termine absagen." Nicht verzagen, Jasmin. Du bist auf dem richtigen Weg. Und das neue Styling gefällt mir sehr. (Sind das Extensions?)Nun mein Lieblingslied. Von einem jungen Mann aus Thüringen: Clueso mit "Chicago". Der Track zündet so was von rein: Clueso hat erkannt, was ich lange geahnt habe: Das Wort "Chicago" eignet sich für einen Mörder-Refrain, mit Geigen, Drums und Pipapo. Nur an der Verklausulierung einer Liedzeile hätte ich etwas gefeilt: "Wenn dort frisches Zeug durch die Adern fließt, gibt man den Löffel an die Kumpels ab." Zu eindeutig! Ansonsten allererste Sahne! Und die entsprechende Webseite auch. Auf der Startseite ist ein Bild eines sonnendurchfluteten Hausflures zu bewundern, von dem diverse Zimmer abgehen. Sehr wohnlich, sehr einladend. Der Duft von frischem Apfelkuchen und Sherry ist eindeutig zu riechen.Vor dem nächsten deutschsprachigen Block quälen furchterregende Tracks wie: "Lay all your Love on me", so ein Techno-Quatsch von Sylver. Danach rockt die mir bis dato unbekannte Band D.O.C.H. mit "Was in der Zeitung steht." Astreiner Pop. Die Scheibe schenke ich meinem Mann. Genialer Text. Kostprobe: "Hab heute morgen in der Zeitung gelesen, dass die Welt bald untergeht. doch ich bin jetzt noch nicht bereit zu sterben, stecke mitten in der Pubertät."Bela B. ist auch dabei. In gewohnter Qualität. Klingt heute ein wenig wie Sisters of Mercy. Sowieso fühle ich mich bei einigen der Stücke an vergangene Hits erinnert. Was die jüngeren Hörer nicht tangieren wird. Die ahnen ja nichts. Poetischer Titel: "Tag mit Schutzumschlag." Bela: Ich mag dich sehr.Platz 19 belegen Deichkind. Auf ihrer Webseite flimmert es in Neonoptik vor schwarzem Hintergrund. Totenköpfe, die mit grellfarbigen Stäben gespickt sind. Plus Bandbiografie. Entschuldigt, Männer. Geht noch mal mit einem Rechtschreibprogramm drüber. Oder sind die eingebauten Fehler Masche? Dann will ich nichts gesagt haben. In jedem Fall fetzt der Song voll ab. An der Stelle: "Schmeiß die Möbel aus dem Fenster, wir brauchen Platz zum dancen" habt ihr mich endgültig. "Remmidemmi (Yippie Yippie Yeah)." Wie in der Web-Bio steht: "Das ist klar, dass jetzt Stimmung angesagt ist." So ist es.Alexa Hennig von Lange, geb. 1973 in Hannover, hat zuletzt den Roman "Warum so traurig" (Rowohlt Berlin) herausgebracht.Im Internet unter: www.alexahennigvonlange.de------------------------------"Ich möchte mich einfach übergeben / vielleicht bist du dann endlich aus mir raus" Roxi------------------------------Foto: Auch Tokio Hotel sind auf der Messe: Der Freistaat Bayern hat sie für den Popkomm-Musiklöwen nominiert.
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