Nach den letzten drei Schulstreiks dieses Jahr wurde es auch am Freitag wieder laut auf den Straßen von Berlin, sowie in über hundert weiteren Städten in Deutschland. Die Schülerinnen und Schüler streikten an diesem Freitag gegen die Wehrpflicht.
Die Veranstalter von „Schulstreik Gegen Wehrpflicht“ berichteten gegenüber der Berliner Zeitung, dass die Stimmung vor dem Streiktag aufgeladen war. Das Feedback aus der Bevölkerung sei überwiegend positiv, schilderte ein Sprecher: „Wir bekommen breite Unterstützung von Organisationen, Einzelpersonen und auf Social Media.“ Während die Bundeswehr bei ihren Fragebögen vor allem auf Ablehnung stoße, zeige sich unter Jugendlichen ein klares Bild – an Wehrpflicht und Militarisierung bestehe schlichtweg kein Interesse.
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„Ein klares Beispiel für Einschüchterung“
Dass der Protest nicht überall gut ankam, zeigte der Blick in die Bundesländer. Das Spektrum reichte von angedrohten Attestpflichten bis hin zu konkreten Verweisdrohungen. In Cottbus etwa drohte einem Schüler die Suspendierung, weil er außerhalb des Schulgeländes Flyer verteilte.
In Berlin wiederum hatte im März dieses Jahres der Fall eines Schülers für Aufsehen gesorgt, der wegen eines beleidigenden Protestschildes angezeigt wurde. „Ein klares Beispiel für Einschüchterung“, so die Veranstalter. Dennoch setze man auf Widerstand und Skandalisierung. Für die Sicherheit auf den Demonstrationen selbst stehe ein Großaufgebot eigener Ordner bereit.
Wahlrecht schon ab 16
Die jüngsten Wahlen und die Debatte um das Wählen ab 16 Jahren gäben der Bewegung zusätzlichen Rückenwind, so die Veranstalter. Dass bei unter 25-Jährigen in Berlin die Linke stark abschnitt, werten die Organisatoren als deutliches Signal einer tiefen Unzufriedenheit: „Wir haben keine Lust, Kürzungen auszubaden, während unsere Schulen zerfallen. Und wir haben keine Lust, dass uns als einzige Zukunftsperspektive die Kaserne geboten wird.“
Schüler demonstrieren lautstark auf Berlins Straßen.
© Sven Kaeuler/dpa
Schon die ersten Stimmen am Freitag aus der Menge stellten eines unmissverständlich klar: Wer glaubt, die Jugendlichen seien bloß auf der Straße, um sich einen unterrichtsfreien Tag zu erschleichen, irrt sich gewaltig. Luisa und Elina K. geht es nicht ums Schwänzen, sondern um den entschlossenen Einsatz gegen eine drohende Wehrpflicht. Sie empfinden die Pläne der Politik als massiven Eingriff in ihr Leben und als Versuch, ihnen als Jugendliche die freie Entscheidung über ihren eigenen Werdegang zu nehmen.
Ihre Forderung ist eindeutig: Die Wehrpflicht müsse wieder vollständig abgeschafft und auch die Musterungen gestoppt werden. Ob jemand zum Militär geht oder nicht, müsse immer eine rein freiwillige, persönliche Wahl bleiben.
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„Kein Staat sollte seine Bürger dazu zwingen, auf andere Staatsbürger zu schießen.“
Ein paar Schritte weiter wird der Protest grundsätzlicher. Ein 17-jähriger Junge streikt aus einer tiefen Überzeugung heraus. Er ist gegen die Militarisierung Deutschlands, aber auch gegen die Aufrüstung jedes anderen Staates weltweit. Seine Haltung fasst er in einem prägnanten Satz zusammen: „Kein Staat sollte seine Bürger dazu zwingen, auf andere Staatsbürger zu schießen.“ Er fordert stattdessen mehr globalen Zusammenhalt und eine konsequente, weltweite Demilitarisierung als einzige nachhaltige Lösung.
Gleichzeitig zeigt er sich realistisch, was die Durchsetzungskraft der aktuellen Schülerproteste angeht: Reine Schulstreiks würden auf Dauer nicht ausreichen. Was es brauche, sei eine breite, gesamtgesellschaftliche Bewegung, die alle Generationen mitreiße. Dass dieser Weg steinig sei, schrecke ihn nicht ab: „Um etwas zu bewegen, muss man anstrengende Sachen tun.“
Eine Hundertschaft der Berliner Polizei begleitet den Schulstreik.
© Sven Kaeuler/dpa
Stattdessen ein sozial-ökologisches Jahr
Die 16-jährige Finja S. berichtet von ihrer eigenen Schule über eine beschaubare Beteiligung: „Aktiv gesagt“ habe die Schulleitung zum Streik im Vorfeld nichts. Reaktionen oder Konsequenzen blieben diesmal auch aus. Das sei bei den vergangenen Protesten noch deutlich strenger gewesen. Dass trotzdem nur wenige ihrer Mitschülerinnen und Mitschüler den Weg zur Demo gefunden haben, bedauert sie sehr.
Bei diesem Thema geht es ihr vor allem um den Zwang: Eine Pflicht zum Dienst an der Waffe lehnt sie strikt ab. Die Alternative eines verpflichtenden sozial-ökologischen Jahres hingegen könne sie sich durchaus vorstellen – solange der Fokus auf gesellschaftlichem Mehrwert statt auf Aufrüstung liege.
Die Stimmung auf den vorherigen Demonstrationen beschreibt sie als extrem dynamisch und von spürbarer Wut getragen. Wie geladen die Atmosphäre am heutigen Tag werde, könne sie noch nicht abschließend beurteilen, blickt der Kundgebung aber optimistisch entgegen. Auch die jüngsten Wahlergebnisse schwingen für sie im Protest mit. Sie selbst grenzt sich ab: Die CDU oder die AfD habe sie jedenfalls nicht gewählt.
Laute Stimmen in Berlin
Der Protest auf Berlins Straßen ist längst kein flüchtiger Schulschwänzer-Impuls mehr. Ob aus Sorge um die persönliche Freiheit, aus tiefer Überzeugung oder als pragmatische Absage an den Zwang zum Militärdienst – viele Schülerinnen und Schüler wollen ihre Zukunft selbst gestalten. Während die Politik weiter über Aufrüstung und Musterungen berät, zeigt der heutige Tag vor allem eines: Wer die Jugend übergehen will, muss auf der Straße mit ihrem lautstarken Widerstand rechnen.
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