BERLIN, 11. März. Wie schön hatte doch alles im vergangenen Jahr geklappt: Stefan Raab sorgte mit seinem "Stefan sucht den Super Grand Prix Star"-Casting wochenlang für Vorab-Reklame, der Clipsender Viva machte bei den so wichtigen jungen Zuschauern die Kandidaten bekannt und die Plattenfirmen überzeugten auch etablierte Künstler - von Mia über Laith Al-Deen bis Patrick Nuo - sich am Wettbewerb zu beteiligen. Max Mutzke fuhr schließlich für Deutschland nach Istanbul.Jürgen Meier-Beer, NDR-Unterhaltungschef und verantwortlich für den Eurovision Song Contest, hatte Grund zur Freude. 5,5 Millionen Zuschauer und knapp 29 Prozent Marktanteil bei den 14- bis 49-Jährigen konnten sich sehen lassen. Endlich war die oft als altbacken verschriene deutsche Vorentscheidung zu dem europäischen Musikwettbewerb so jung und erfolgreich, wie man sie sich wünschte.Aus der zweiten ReiheDoch das ist längst Geschichte. Die Ausgangssituation für die Ausgabe des Jahres 2005 von "Germany 12 Points!" ist alles andere als glücklich. Statt Sarah Kuttner und Jörg Pilawa moderiert Reinhold Beckmann, die Kooperation mit Viva wurde nicht erneuert und die Plattenfirmen schicken wieder Newcomer und Künstler aus der zweiten Reihe, die nichts an Ruhm und Ehre zu verlieren, im besten Fall aber große Popularität zu gewinnen haben. Und Stefan Raab, der erstmals 1998 (als Produzent von Guildo Horns "Guildo hat euch lieb") am internationalen Wettbewerb teilnahm und zwei Jahre später selbst mit dem Lied "Wadde hadde Dude Da?" antrat, hat sich ganz aus dem Wettbewerb verabschiedet. Schlimmer noch: Er veranstaltete mit dem "Bundesvision Song Contest" seinen eigenen Wettbewerb.Raab hatte 2004 der Ehrgeiz gepackt. Seinen Song "Can't Wait Until Tonight" und seinen Schützling Max Mutzke hatte er beim Grand-Prix-Finale unter den Top 3 und in den internationalen Charts gesehen. Geworden ist es dann lediglich Platz 8, und verkauft wurde der Song ausschließlich im deutschsprachigen Raum. Für Raab war das eine Enttäuschung an der Grenze zur Demütigung. Auf Platz 8 war auch die von ihm seinerzeit so durch den Kakao gezogene Michelle mit "Wer Liebe lebt" gelandet. Selbst Ralph Siegel hatte es 1999 mit seiner deutsch-türkischen Combo Sürpriz auf Rang 3 geschafft."Man tritt beim Eurovision Song Contest immer wieder mit der Illusion an, dass dort nach musikalischen Gesichtspunkten entschieden wird. Das ist aber nicht so", versuchte Raab später seinen Reinfall zu erklären.Anders gesagt: Wenn man ihn nicht gewinnen lässt, will er auch nicht mehr mitspielen. Also philosophierte er großmundig von einer "deutschen Variante des San-Remo-Musikfestivals", bei der am Ende "Geile Zeit" der Band Juli, ein bereits Chart-erprobter Sommerhit des Vorjahres, gewonnen hatte. Der hätte an der Vorentscheidung zum Eurovision Song Contest schon aus Reglementsgründen nicht teilnehmen dürfen. Das Finale seines Wettbewerbs legte Raab demonstrativ hinter den Meldeschluss für den Vorentscheid, um so zu zeigen, dass er nicht einmal durch die Hintertür bei der NDR-Veranstaltung teilnehmen will.Vermutlich hat Raab keine Lust, ein neuer Ralph Siegel zu werden. Dabei hat er mittlerweile einiges gemeinsam mit dem Schlagerkomponisten und "einzigen deutschen Grand Prix-Sieger" in der 50-jährigen Geschichte des Wettbewerbs, wie Siegel nie zu betonen vergisst. Verbissen wird am Triumph gearbeitet. Dabeisein ist nicht alles, nur der Sieg ist das Ziel. Immer wieder hat Ralph Siegel angekündigt, endlich Schluss zu machen und sich nicht ein weiteres Mal dem Stress und der Häme der deutschen Presse auszusetzen. Letztes Jahr hatte ihm Meier-Beer durch die Einführung der Viva-Clip-Pflicht für die Wettbewerbsteilnehmer zudem eine offensichtlich unüberbrückbare Hürde in den Weg gestellt.Unter falscher FlaggeDoch Siegel versuchte es diesmal trotzdem wieder, und das gleich mehrfach. Für Malta lieferte er sechs der 22 Beiträge des Vorentscheids - und schaffte mit keinem den Sieg. Und in Deutschland schlich er sich unter falscher Flagge in den Wettbewerb. Für Nicole Süßmilch und Marco Matias, die passenderweise unter dem Namen Under One Flag auftreten, hat Siegel unter dem Pseudonym "Mario Mathias" den Titel "A Miracle of Love" geschrieben. "Ich wollte, dass das Lied neutral beurteilt wird", hatte der 59-jährige Komponist nach der Aufdeckung seines Tarnnamens erklärt. "Wenn mein Name im Spiel war, hieß es doch immer: Was will der alte Schlagerfuzzi?"Stefan Raab wird es recht sein. Wenn er schon nicht selbst beim Wettbewerb mit dabei ist, liefert Siegel ihm wenigstens genügend Material, worüber er in "TV Total" lästern kann. Und nächstes Jahr ist Raab als "Retter des Grand Prix" wieder mit im Rennen. Wetten?------------------------------Hoffnung auf 12 Punkte //Die Teilnehmer und ihre Titel:1. Murphy Brothers: "Picking Up The Pieces"2. Ellen ten Damme: "Plattgeliebt"3. Orange Blue: "A Million Teardrops"4. Königwerq: "Unschlagbar"5. Villaine:"Adrenalin"6. Allee der Kosmonauten: "Dein Lied"7. Under One Flag: "A Miracle Of Love"8. Gracia: "Run & Hide"9. Stefan Gwildis: "Wunderschönes Grau"10. Mia Aegerter: "Alive""Germany 12 Points!" wird am 12. März ab 20.15 Uhr im Ersten live aus der Arena in Treptow übertragen. Wer für Deutschland zum Finale nach Kiew fährt, bestimmt das Fernseh- publikum in zwei Wahlgängen per Telefon und SMS.Musikalische Gäste während der Telefonabstimmung sind die ukrainische Grand-Prix-Siegerin Ruslana, Ex-Spice-Girl Emma, Patricia Kaas, der russische Popsänger Leonid Agutin und Al di Meola.Der Sieger von "Germany 12 Points!" vertritt Deutschland am 21. Mai 2005 im internationalen Finale des "Eurovision Song Contest" in Kiew, den das Erste ebenfalls live überträgt.Die Geschichte des Grand Prix Eurovision ist aus Sicht der Deutschen vor allem eine Serie von Pleiten. Einzig Nicole gelang 1982 mit dem Lied "Ein bisschen Frieden" ein Sieg beim großen Schlagerfinale. Ein Trost: Portugal und Finnland etwa sind seit vier Jahrzehnten dabei, kamen aber nie über Platz sechs hinaus. Absoluter Spitzenreiter ist das kleine Irland, das sieben Mal gewann, zuletzt 1992 bis 1994 sowie 1996.Die offizielle Webseite zur deutschen Vorentscheidung: www.eurovision.de------------------------------Foto (2): Die graue Eminenz: Altrocker Udo Lindenberg schrieb der Sängerin Ellen ten Damme den Song "Plattgeliebt".Letztes Jahr brachte es der von Stefan Raab protegierte Max Mutzke nur auf Platz 8.
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