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Hiddensee: Wo Mitglieder von Rammstein einst Stasivizechef Wolf um den Schlaf brachten

Für viele DDR-Bürger galt Hiddensee als Ort der Zuflucht und Freiheit, schreibt unser Autor, der auf der Insel im Jahr 1982 ein absurdes Abenteuer erlebte.

Andreas H. Apelt
9 Min
Auf der Insel Hiddensee am Strand bei Kloster im August 1988

Auf der Insel Hiddensee am Strand bei Kloster im August 1988

© Christian Thiel/imago

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Schon der Name war mehr als ein Programm. Kaum ein Ziel an der DDR-Ostseeküste vermochte mehr Faszination auf die Zeitgenossen auszuüben als jenes nur 19 Quadratkilometer große Eiland westlich von Rügen. Wie auch, wenn schon der Ostseeurlaub, egal ob im FDGB-Ferienheim oder im Zelt, als Privileg galt. Um wie viel besser fühlten sich die DDR-Bürger auf einer abgelegenen Insel weit weg vom Festland und der eigenen Hauptstadt. Dazu auf dem halben Weg nach Dänemark, das freilich nicht erreicht werden konnte. Doch es genügte schon der Blick auf die kleine dänische Insel Møn, um sich als ein Teil der anderen großen Welt zu fühlen. Entsprechend sehnsüchtig starrten die Besucher von der Plattform des Hiddenseer Leuchtturms gen Norden, als wäre mit Møn das sagenumwobene Vineta aus dem Meer gestiegen.

Nicht einmal die Versorgungsengpässe, die oft leeren Lebensmittelregale oder die unübersehbaren Schlangen Wartender vor den wenigen HO, Konsum oder Privatgaststätten konnten die Insel den Besuchern madigmachen. Auch nicht die sonstigen Unannehmlichkeiten, die der Inselsozialismus samt Bürokratie den Gästen aufbürdete. Ganz im Gegenteil: Trotz fehlender touristischer Infrastruktur gehörte das Eiland mit seinen langen weißen Stränden und Steilküstenformationen zu den begehrtesten Orten der Republik. Hier unterzukommen, kam einem Lottogewinn gleich.

FDGB-Erholungsheim auf Hiddensee

FDGB-Erholungsheim auf Hiddensee

© H. Blunck/imago

Dazu kam die Aura des Vergangenen. Große Namen aus Kunst, Kultur und Wissenschaft werteten die Insel auf. Es waren Gerhart Hauptmann, Thomas Mann, Albert Einstein, Asta Nielsen, Gottfried Benn, Ringelnatz u.v.m., deren Sommerhäuser und Ferienaufenthalte die Insel prägten. Kein Wunder, dass es auch die DDR-Kultureliten auf den Plan rief, die nahtlos an diese Vergangenheit anzuknüpfen gedachten: Johannes R. Becher, Stefan Heym, Ernst Busch, Inge Keller, Benno Pludra.

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Dass dabei gerade die Vorzeigekünstler im Arbeiter- und Bauernstaat einen großbürgerlichen Lebensstil pflegten, entging den Einheimischen nicht. Legendär die ausufernden Gelage eines Walter Felsenstein, Intendant der Komischen Oper, der zum Inbegriff westlicher Lebensart wurde. Wenig Verständnis fand bei den Fischern der Besitz eines Pkw Wartburg auf der autofreien Insel und der Goldzahn eines seiner Esel. Nicht weniger geltungsbedürftig war die große Tänzerin Gret Palucca. Mit der Drohung im Westen zu bleiben, erhandelte sie – von Sylt aus – vom Politbüro ein Haus auf Hiddensee.

Doch nicht nur die Kunst und Kultureliten, sondern auch die SED-Oberen nebst den Vertretern der einschlägigen Institutionen wussten die Inselvorzüge zu schätzen und machten sich einige ansprechende Immobilien zu eigen.

Ein Ort für die Unangepassten

Und doch, Hiddensee war auch ein großes Kontrast- und Gegenprogramm. So als würde die DDR auf dem Festland zurückgelassen, kultivierten eigenwillige Gäste alternative Lebensformen und genossen das Gefühl vom Freisein oder wenigstens ein Freiheitsgefühl im Niemandsland auch jenseits großflächiger FKK-Strände. Entsprechend waren es vor allem die Boheme, die Träumer, die Unangepassten, die Aussteiger aller Couleur, die Andersdenkenden, Künstler und Lebenskünstler, die sich in diesem vermeintlich exterritorialen Gebiet sammelten und so taten, als gäbe es die DDR nicht mehr. Für sie war Hiddensee ein Sehnsuchtsland.

Walter Felsenstein (l.) mit Hanns Nocker bei Dreharbeiten in den 1970ern. Felsensteins ausgelassener Lebensstil fiel auf Hiddensee auf.

Walter Felsenstein (l.) mit Hanns Nocker bei Dreharbeiten in den 1970ern. Felsensteins ausgelassener Lebensstil fiel auf Hiddensee auf.

© CC BY-SA 4.0/wikimedia commons

Gerade die Ausreisewilligen machten einen Großteil jener Saisonkräfte aus, die sich als Kellner, Heizer, Hausmädchen, Hausmeister und Rettungsschwimmer verdingten. Sie alle hatten sich innerlich schon längst von der DDR verabschiedet und bescherten dank reichlich vorhandenen Alkohols dem Eiland ein feuchtfröhliches Klima.

Umrahmt wurde das alles von Musik. Dafür sorgte etwa die Punkband Feeling B. Legendär ihre Konzerte am Strand, wobei sie mit selbstgebauten, durch Autobatterien betriebenen Verstärkern, die Nacht zum Tag machten und selbst Stasivizechef Markus Wolf in seinem Anwesen den Schlaf rauben mussten. Unter den Bandmitgliedern zwei Halbwüchsige, die später unter dem Namen Rammstein die Welt erobern sollten.

So gesehen war Hiddensee wieder die ganze DDR mit all ihren Widersprüchen. Dazu gehörten auch die Grenzsoldaten, die entlang der Küste patrouillierten, und die Untertanen an die Realitäten erinnerten. Hiddensee war Grenzgebiet, wie die gesamte DDR-Ostseeküste Grenzgebiet war. Doch nicht einmal das und eine hohe Anzahl von zivilen Grenzhelfern schreckte die Besucher von Hiddensee ab. Viel mehr waren es die eigentlich so verteufelten kapitalistischen Untugenden, die im Schatten der Patrouillen fröhliche Urständ feierten und manchen Gast aufstießen.

Unter dem Stichwort Gewinnmaximierung verstanden einige Einheimische die Marktwirtschaft schon, als noch gar nicht an das Ende der DDR zu denken war. Da wurde jeder Schuppen und manch Hühnerstall zum Gästezimmer umgebaut, statt einem Bad gab es Pumpen im Garten und Baden im Meer. Der Schwarzhandel mit Aal und Dorsch blühte auf, während sich manch Kellner oder Türsteher von den üppigen Trinkgeldern eine goldene Nase verdiente.

Auch war die DM längst zur Zweitwährung erkoren. Damit fand sich sogar in der Saison ein Zimmer oder ein freier Tisch im Lokal, während andere Feriengäste durch Arbeitsleistung an Haus und Hof ihre Übernachtung erst verdienen mussten. Ohne Frage, manch Hiddenseer Fischer hatte schon ohne Vorbild den Kapitalismus mitten im Sozialismus verinnerlicht.

Fahrgäste auf der Fähre von Stralsund nach Vitte

Fahrgäste auf der Fähre von Stralsund nach Vitte

© Christian Thiel/imago

Republikflucht oder Bildungsreise?

In Hiddensee stießen somit Welten aufeinander und gebaren ein Stück Absurdistan. Anders ist auch die Geschichte von Klaus Müller, einem pfiffigen Dresdner Schlosser nicht zu lesen. Er arbeitete im Klausner, dem nördlichsten, durch Lutz Seilers Roman „Kruso“ bekannt gewordenen, Ausflugslokal, als Kellner. Sein Lebensziel war eine Reise auf den Spuren seines sächsischen Landsmannes, des Dichters Johann Gottfried Seume nach Syrakus. Zwei Jahre arbeitete er daraufhin, studierte Pläne, Karten und Wetterlagen, lernte segeln und mit den Sternen navigieren.

Dann war es so weit. Da er sich nicht als Republikflüchtling, sondern als Bildungsreisender verstand, schrieb er am Abend seiner Abreise/Flucht keinem Geringeren als Egon Krenz, immerhin zweiter Mann im Staat, und erläuterte seine hehren Absichten. Müllers nächtliche Ausfahrt und sein Aufbruch zu fünfmonatiger Bildungsreise glückte. Gleichwohl wurde er nach seiner Rückkehr und trotz erneuter brieflicher Ankündigung bei Egon Krenz verhaftet. Allerdings ließ man Müller wohl aus Verzweiflung nach wenigen Tagen laufen. Zum Glück für die Nachwelt sammelte die Stasi Müllers lesenswerte Briefe.

Auch der Verfasser dieser Zeilen kann vom DDR-Absurdistan ein Lied singen. Im Jahr 1982 besuchte ich, über Stralsund kommend, mit Freunden zum ersten Mal die Insel. Allerdings endete die Reise bereits im Hafen von Vitte, wo wir einem zivilen Helfershelfer mit dem geschulten tschekistischem Blick in die Arme liefen. „Die Ausweise bitte!“

Zu unserem Leidwesen hatten wir in Folge der staatsbürgerlichen Deklassierung unterschiedliche Personaldokumente. Während eine Freundin über den normalen blauen Ausweis verfügte, besaß mein Freund nur einen zweiseitigen sogenannten PM12. Der Besitz eines PM12 mit dem Vermerk „für eingezogenen Ausweis“ ließ schon alle Alarmglocken jedes Ordnungshüters schrillen. Doch noch mehr war das mit meinem einseitigen Dokument mit der Aufschrift: „Gilt als Ausweis“ der Fall. Immerhin bot er auf der Rückseite genügend Platz für jene Stempel, die ich mir alle fünf Tage bei der heimatlichen Volkspolizeibehörde abholen durfte. Tiefer konnte man nicht sinken.

Kaffeepause beim Abschnittsbevollmächtigten

Der herbeigerufene Abschnittsbevollmächtigte (ABV) G., der uns mit dem Satz „In Berlin hat ja jeder einen anderen Ausweis“, empfing, kam nicht umhin, uns festzusetzen. Doch während wir nun bei bestem Wetter stundenlang auf der Veranda seines Einfamilienhauses warteten, versuchte er – es war Freitagnachmittag – aus seinem Dienstzimmer Kontakt nach Stralsund oder Berlin herzustellen. Schließlich konnte er mit uns und den ihm unbekannten Papieren nichts anfangen. Doch er bekam keine Antwort.

Dafür fand – während er telefonierte – seine heimkehrende Tochter Gefallen an den spannenden Berliner Sommergästen. Auch hatte seine Frau inzwischen Kaffee gekocht und die Einwände ihres Mannes abgewiesen, man könne doch die jungen Leute nicht so lange warten lassen. Fortan kämpfte G. an zwei Fronten.

Ein begehrter Ferienort war Hiddensee doch gleichzeitig Grenzgebiet und somit unter besonderem Augenmerk der Staatsgewalt.

Ein begehrter Ferienort war Hiddensee doch gleichzeitig Grenzgebiet und somit unter besonderem Augenmerk der Staatsgewalt.

© H. Blunck/imago

Freigang am FKK-Strand

Da am Abend noch immer keine Nachrichten eingetroffen waren, bestellte G. im nächst gelegenen Lokal einen Tisch. Was ihm allerdings entgangen war: Dort wurde zum Tanz geladen. Unter dem Schutz eines ABV kamen wir so an der langen Schlange Wartender vorbei zu einem freien Tisch. Das hätten wir früher nicht zu träumen gewagt. Dennoch war es irgendwie peinlich.

Zum Glück ging es auch unserem Bewacher so, der bald das Lokal verließ und von einem Fenster aus versuchte, seine Delinquenten im Blick zu behalten. Für uns Anlass, durch immer neue Bestellungen die Essenszeit hinauszuzögern und sogar am Tanz teilzunehmen. Was folgte, war eine Parodie auf den real existierenden Inselsozialismus nebst provisorischem Gefängnis und Freigang am FKK-Strand. Doch die Probleme blieben, denn G. hatte einen Vorgang eröffnet und konnte nicht zurück.

Nach zwei Tagen ohne Antwort und der weitgehenden Integration in den Familienbetrieb ließ uns G. laufen. Doch kaum saßen wir im Hafenlokal und stießen auf die gewonnene Freiheit an, stürzte der ABV mit der Nachricht durch die Tür, ein Polizeiboot sei unterwegs. Sofort begann die Freundin so herzzerreißend zu weinen, dass es den ABV nicht ungerührt ließ. Dann würde er eben den Kollegen erklären, wir seien schon weg gewesen! Ein durchaus mutiges Zeichen eines Volkspolizisten, der damit seinen Job riskierte. Und Grund genug, das groteske Spektakel in einem Roman festzuhalten.

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Mit der Friedlichen Revolution ging das alte Hiddensee in einem großen Monopoly-Spiel unter. Bald konkurrierten die neuen Investoren aus dem Westen mit Spekulationskapital, gewaschenen Stasimillionen und manch anderem unerklärlichen Geldfluss. Alt- und Neubesitzer, Glücksritter und Spekulanten kämpften um die besten Filetgrundstücke. Für die Einheimischen ein kostenloser, aber schmerzhafter Crashkurs in Marktwirtschaft. Nicht wenige haben sich behauptet. Hiddensee ist eben doch Hiddensee.

Andreas H. Apelt, Schriftsteller und Publizist, ist Autor des Hiddensee-Romans „Ende einer Reise“ (3. Aufl. 2025), hat sich überdies auch in „Hiddensee, die Insel der Anderen“ (mit C. Klauss, 2. Aufl. 2021) und „Hiddensee – 99 mal entdecken“ (mit G. Pump, 2. Erw. Aufl. 2023) mit der Ostsee-Insel auseinandergesetzt.

Das ist ein Beitrag, der im Rahmen unserer Open-Source-Initiative eingereicht wurde. Mit Open Source gibt der Berliner Verlag allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten. Ausgewählte Beiträge werden veröffentlicht und honoriert.

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