Tanken

„Hier braucht man keine Kirchenglocken“: So explodieren mittags die Spritpreise in Berlin

Die Preise an den Tankstellen sind so hoch wie nie. Autofahrer weichen nach Polen aus. Brandenburgs Ministerpräsident Woidke fordert nun eine Spritpreisbremse.

5 Min
Pünktlich um 12 Uhr schnellten die Preise in Schöneweide in die Höhe.

Pünktlich um 12 Uhr schnellten die Preise in Schöneweide in die Höhe.

© Katrin Bischoff/Berliner Zeitung

An diesem Sonntagmittag sind alle Zapfsäulen an der Jet-Tankstelle in Schöneweide (Treptow-Köpenick) besetzt. Wenn ein Autofahrer wegfährt, bleibt der Platz nur kurze Zeit frei. Es ist wenige Minuten nach elf Uhr an diesem trüben Tag, an dem der Regen noch in den Wolken ausharrt. Karin Bertz lenkt ihren Kleinwagen an eine der Zapfsäulen, sie tankt Super E10. „Aber nicht voll“, wie die 58-Jährige kurz darauf sagt.

Wie zur Erklärung zeigt sie auf die Tafel mit den leuchtenden Preisangeboten, die an dieser Hauptausfallstraße Berlins steht. „Ist schon Wahnsinn“, ist alles, was ihr dazu einfällt. Der Preis für einen Liter liegt zu dieser Zeit bei 2,209 Euro. Genau, wie an der nebenan liegenden „Zapfstelle“. „Und das ist noch ein Superangebot“, meint Bertz sarkastisch. Knapp 22 Euro wird sie an der Kasse bezahlen.

Einige Autofahrer lenken ihr Auto nach dem Tanken zur Waschstraße. Frank F., der seinen vollen Namen nicht in der Zeitung lesen will, poliert mit seiner Frau an dem SUV, das die Nassreinigung schon hinter sich hat. Die Felgen des weißen Fahrzeugs glänzen.

„Ich habe hier nicht getankt“, sagt er auf Nachfrage. Bei den Preisen mache er das auch gar nicht mehr in Deutschland. „Ich fahre nach Polen – auch wenn ich hier in Berlin lebe“, erzählt der 60‑Jährige. Dort sei ein Liter Super-Benzin 30 bis 40 Cent „oder sogar noch billiger“ als in Deutschland. Und anders „als hier“ kümmere sich der polnische Staat auch um seine Menschen, ist Frank F. überzeugt.

Mittlerweile gehen er und seine Frau im Nachbarland auch einkaufen. „Die polnische Wirtschaft hat uns mittlerweile schon überholt“, sagt Frank F., der früher einmal in der Pflege gearbeitet hat. Die ständige Diskussion in der Bundesregierung um Entlastungen der Bürger wegen der hohen Energie- und Spritpreise könne er nicht mehr hören. „Die reden nur und machen nichts“, sagt er. Dabei hängen so viele Arbeitsplätze von den Energie- und Benzinkosten ab.

Auch die benachbarte Zapfstelle war bei diesen Preisen wie leergefegt.

Auch die benachbarte Zapfstelle war bei diesen Preisen wie leergefegt.

© Katrin Bischoff/Berliner Zeitung

Am Wochenende sind die ohnehin schon hohen Kosten für Benzin in Deutschland auch an Berliner Tankstellen explodiert. Ursache sind Meldungen, wonach Saudi-Arabien nach der Blockade der Meerenge Bab al-Mandab durch die jemenitische Huthi-Miliz die wichtige, vom Persischen Golf zum Roten Meer führende Ölpipeline abschalten musste. Nach der Sperrung der bedeutenden Straße von Hormus durch den Iran stieg der Ölpreis weiter an. Und ein Ende des Konflikts in Nahost ist nicht in Sicht.

Vor dem Hintergrund der immer weiter steigenden Kosten für Benzin hat sich Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke für eine schnelle Begrenzung der Spritpreise ausgesprochen. „Wir brauchen dringend einen Spritpreisdeckel“, sagte der SPD-Politiker am Sonnabend der Nachrichtenagentur dpa. Es könne nicht sein, dass die Mineralölkonzerne Extraprofite einstreichen, während Millionen Pendler an den viel zu hohen Spritpreisen verzweifelten, so Woidke.

Nach seinen Worten dürfe sich niemand an der Not anderer bereichern. „Gerechtigkeit muss auch an der Tankstelle herrschen“, sagte der Regierungschef und verwies auf Luxemburg, Polen, Belgien und Tschechien. Dort würde die Bevölkerung an der Zapfsäule entlastet, weil der Höchstpreis an der Tankstelle regelmäßig flexibel an die Marktlage angepasst werde. Das führe zu sinkenden Spritpreisen und gebe Planungssicherheit.

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Glück gehabt: Noch kurz vor 12 Uhr getankt

Dagegen warnte Monika Schnitzer, die Vorsitzende des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, davor, trotz weiter steigender Verbraucherpreise mit staatlichen Entlastungen auf die verschärfte Lage am Golf zu reagieren. Die beste Antwort sei mehr Unabhängigkeit von fossilen Brennstoffen und nicht der Ruf nach neuen staatlichen Hilfen, sagte Schnitzer dem Kölner Stadt-Anzeiger.

Nach dem Beginn des Iran-Kriegs war in Deutschland Anfang Mai ein Tankrabatt in Kraft getreten, der Ende Juni ersatzlos auslief. Zudem gilt seit dem 1. April die 12-Uhr-Regelung. Danach dürfen Tankstellen die Preise für Benzin und Diesel nur noch einmal am Tag anheben – um 12 Uhr mittags – und danach beliebig oft senken.

Ziel dieser Maßnahme sollte sein, die ständigen Preisänderungen am Tag zu beenden. Stattdessen schießen die Kosten für eine Tankfüllung jedoch mittags schlagartig in die Höhe. Wie auch an diesem Sonntag. „Hier braucht man keine Kirchenglocken, um zu wissen, wann es zwölf ist“, sagt Johannes Meier, ein Rentner aus Treptow, der gerade noch rechtzeitig an der Zapfsäule war.

Und wirklich, Punkt zwölf springen die Preise an der Jet-Tafel und der Tafel an der benachbarten Zapfstelle um: Ein Liter Super E10 kostet nun an beiden Tankstellen 2,399 Euro. Für Diesel müssen die Autofahrer 2,539 Euro berappen.

Eine junge Frau, die bei Jet getankt hat, kommt vom Bezahlen. Sie steuert in Ruhe ihren Wagen an, beeilen muss sie sich nicht. Kein anderes Fahrzeug steht jetzt hinter ihrem Auto. Die Zapfsäulen sind verwaist, als hätte sich eine Schranke an der Zufahrt gesenkt.

Sie brauche das Auto, müsse nach Lübeck, sagt die 21-Jährige. Dort sei Tanken auch richtig teuer, aber etwas günstiger als in Berlin. Deswegen sei auch der Tank nicht voll. Dann erzählt sie von ihrem Glück, noch kurz vor der magischen 12-Uhr-Grenze getankt zu haben. Statt des nun angezeigten Preises von 2,539 Euro musste sie für einen Liter Diesel nur 2,369 Euro bezahlen.

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