Hillary Clinton hat noch viel vor. Sie könnte einmal Präsidentin Amerikas werden. Dafür muss sie oft Kompromisse schließen - auch in der Irak-Frage

Die Entscheidung ihres Lebens

Olivia Schoeller
8 Min

WASHINGTON, im März. Die Stimme im Radio ist angenehm. Sie ist nicht laut und nicht aufdringlich. Dennoch wirkt sie bestimmt. Es ist eine sympathische Stimme, die Offenheit signalisiert, sich aber nicht anbiedert. Die Stimme ist klar und doch voll von jenem amerikanischen Pathos, das sie als das kennzeichnet, was sie vor allem ist: eine politische Stimme, seit Jahrzehnten trainiert zu überzeugen, zu begeistern, Hoffnungen zu wecken. In Amerika kennt jeder diese Stimme, und dennoch ist es überraschend, Hillary Clinton ausgerechnet an diesem Tag in diesem Sender zu hören.Gewöhnlich hört man hier Männerstimmen, vor allem jene texanischen, die Vokale in die Länge ziehen und Konsonanten verschlucken. Immer samstags hält Präsident George W. Bush seine Ansprache und immer samstags entgegnet ein Politiker aus den Reihen der Opposition dem Präsidenten. Meistens sind es Männer. Dass auch die Senatorin aus New York eine der Gegenreden der Demokraten hält, ist überraschend und ein weiterer Beweis für den langsamen, aber wohl unaufhaltsamen politischen Aufstieg der Hillary Rodham Clinton.In einer Frage bleibt die Stimme jedoch stumm: in der Irak-Frage. Auch Hillary Clinton hat vor einigen Monaten im Senat für die Resolution gestimmt, die Präsident George W. Bush weit reichende Handlungsfreiheit gegenüber Saddam Hussein einräumt, bis hin zum Einsatz der amerikanischen Streitkräfte. Hinterher sprach sie von der "wahrscheinlich schwersten politischen Entscheidung" ihres Lebens. Seither hat sie sich zur Irak-Politik kaum noch geäußert - sie sagte nur, sie stehe der Rhetorik und der Taktik von George W. Bush kritisch gegenüber. Eine klare Opposition zum Irak-Krieg wird von Hillary Clinton nicht zu erwarten sein. Es ist nicht die Zeit, gegen einen Krieg zu stimmen, nicht in Amerika. Wer sich dagegen ausspricht, gilt schnell als unpatriotisch, gerade die Demokraten müssen sich diesen Vorwurf oft anhören. Für Hillary Clinton ist die Situation dabei noch schwieriger - es steht viel auf dem Spiel für sie. Sehr viel. Denn zwei Jahre nach ihrer Wahl in den Senat hat Hillary Clinton Karriere gemacht. Dürften die Mitglieder der demokratischen Partei heute entscheiden, wen sie am liebsten im Jahr 2004 als Herausforderer von Präsident George W. Bush sähen, dann entschieden sich 42 Prozent für Hillary Clinton. Keiner der anderen Mitbewerber kann so viele Stimmen auf sich vereinen. Fünfzehn Prozent stimmten noch für Joe Liebermann, danach wird es schnell einstellig. Dabei hat Hillary Clinton bereits erklärt, dass sie für die Wahl 2004 gar nicht kandidieren will - trotzdem taucht sie in allen Umfragen der Zeitungen auf, so als nehme man ihr das Dementi nicht ab. Doch nicht allein ihre Partei und die Medien, die Amerikaner an sich haben neue Sympathien für ihre ehemalige First Lady: In der Liste der beliebtesten amerikanischen Frauen rangiert Hillary Clinton neben der jetzigen First Lady Laura Bush. Was ist geschehen? Noch im Jahr 2000, dem Jahr ihrer Wahl zur Senatorin von New York, prophezeiten Beobachter, dass diese Frau in Washington, im Senat, scheitern werde. Zu umstritten sei ihre Rolle als First Lady gewesen, zu sehr werde sie gehasst von den Konservativen in Amerika. Eine Frau, die das rechte Lager so heftig kritisiert hat und die selbst so brutaler Kritik ausgesetzt war, so eine Frau kann nichts werden im politischen Washington. Besonders übel nahm man Hillary Clinton und ihrem Ehemann, dass sie sich so unelegant aus dem Weißen Haus verabschiedet haben. Präsident Bill Clinton hatte Leute begnadigt, die Hillarys Bruder als Anwalt vertrat. Die First Lady selbst hatte Möbel und Geschenke aus dem Weißen Haus mitgenommen, die sie später wieder zurückschicken musste. Wie beim Einzug des Paares ins Weiße Haus, rümpfte man auch bei ihrem Auszug die Nase. Heute ist alles anders. Hillary Clinton hat ihre Kritiker in Bewunderer verwandelt und ihre Feinde zumindest ruhig gestellt.Vor zwei Jahren, als Hillary Clinton in den Senat einzog, setzte sie alles daran, so bescheiden wie möglich aufzutreten. Sie besuchte Konferenzen und Treffen, denen langjährige Senatsmitglieder fern blieben, weil sie diese als unwichtig empfanden. Sie studierte die Hausordnung und lernte die Finessen des politischen Spiels. Hillary Clinton trat nicht als Star, als ehemalige First Lady auf, sondern als Senat Freshman, als eine Art Lehrling, der die Vorschläge der Meister befolgt. Einer ihrer wichtigsten Mentoren ist Robert Byrd, Senator von West Virginia, der ihr den Ratschlag gab: "Sei ein Arbeitspferd, kein Showpferd." Hillary Clinton befolgt ihn bis heute. Glaubt man Mitarbeitern des Senats, erscheint Hillary Clinton immer exzellent vorbereitet zu Ausschuss-Sitzungen und macht sich die Mühe, sich schriftlich bei ihren Mitarbeitern für deren Hilfe zu bedanken - keine gewöhnliche Geste im Senat. Nach den Terroranschlägen in New York arbeitete sie sehr intensiv dafür, Regierungsgelder zur Entschädigung der Opfer zu erwirken, und im Budget für das neue Ministerium für Innere Sicherheit erkämpfte sie Millionen zur Sicherung von Atomreaktoren. Für ein neues Bildungsgesetz brachte sie fünf Zusätze zur Ausbildung von Lehrern ein, und alle fünf wurden übernommen. "Ein beeindruckendes Ergebnis für einen Neuling", schreibt die unabhängige Parlamentszeitschrift "Congressional Quaterly".Und Hillary Clinton hat noch mehr Tricks gelernt: Als Republikaner im vergangenen Dezember eine Gesetzesvorlage zur Erhöhung der Arbeitslosenhilfe blockierten, reagierte sie gelassen und organisierte einfach eine Blockade von mehreren anderen Gesetzesentwürfen. Das zwang die Republikaner nachzugeben und am Ende wurde der Vorschlag von Hillary Clinton einstimmig angenommen. Es war einer der eher seltenen Momente, in denen Hillary Clinton eine Auseinandersetzung mit ihren republikanischen Kollegen hatte.Häufig zeigt sich ein Bild von erstaunlicher Harmonie zwischen der neuen Senatorin und den alten konservativen Herren. Und demokratische Senatoren zeigen sich gerne mit der berühmtesten Politikerin der Nation, weil sie sicher sein können, dass jedes Foto mit Hillary Clinton am nächsten Tag Titelbild in ihrer Heimatzeitung wird. Auch die Republikaner haben ihre Meinung über Hillary Clinton geändert: "Auch wenn mich meine Wähler dafür umbringen werden, ich mag diese Frau", gestand jüngst ein republikanischer Senator. Hatte Hillary als First Lady noch vor einer Verschwörung rechter Kräfte gewarnt, so unterstützt sie heute Gesetzesentwürfe von Republikanern wie Arlen Specter und Orrin Hatch; diese waren einst schärfste Kritiker der Clinton-Regierung und Befürworter einer Amtsenthebung des Präsidenten wegen seiner Affäre mit Monica Lewinsky. Und Don Nickels, Senator aus Oklahoma, der früher heftig über Hillary Clintons Gesundheitsreform schimpfte, kämpfte nun zusammen mit ihr um die Verlängerung der Arbeitslosenhilfe. Die Autorin Gail Sheehy, eine langjährige Beobachterin von Hillary Clinton, kommentierte diese Entwicklung mit den Worten: "Sie ist glücklich, sie darf wieder mit den Jungs spielen." Schon während ihrer Studienzeit an der Yale-Universität habe Hillary Clinton lieber mit Männern als mit Frauen über juristische Probleme diskutiert, sagt Gail Sheehy. Und obwohl die Autorin Hillary Clintons politischen Ehrgeiz gerne etwas sarkastisch kommentiert, bewundert sie doch die Taktik, mit der die 56 Jahre alte Politikerin den Senat erobert hat: "Sie nutzt ihren weiblichen Charme, sie schmeichelt ihren Kollegen und wickelt sie am Ende um den Finger", sagt Sheehy. Hillary Clinton ging sogar so weit, der Betgruppe im Senat beizutreten. Als gläubige Methodistin ist sie regelmäßige Kirchgängerin, wie man aus Zeiten der Lewinsky-Affäre noch weiß. Auf dem Höhepunkt der Enthüllungen über die sexuellen Abenteuer des Präsidenten sah man die Familie Clinton sonntags geschlossen in die Kirche gehen. Heute betet Hillary mit jenen Männern, die sie und ihren Mann damals als Sünder sahen. Auch das wird der politischen Karriere Hillary Clintons nicht schaden. Seitdem Hillary Clinton nun ein Teil des Clubs ist, erfährt sie weniger Anfeindungen. War ihre Ehe während der Clinton-Präsidentschaft Thema vieler Spekulationen - es gab sogar Stimmen, die behaupten, Hillary Clinton toleriere die Abenteuer ihres Mannes, weil sie lesbisch sei - so kümmert sich heute kaum noch jemand um die Clinton-Ehe. Auch wenn die Senatorin während der Woche weitgehend allein in Washington lebt, während ihr Mann in New York arbeitet. "Sie leben eben beide ein eigenes Leben", schreibt die New York Times. Doch eines glauben viele Beobachter auch zu wissen: Ihren Erfolg im Senat verdankt Hillary Clinton auch einem der cleversten Politiker des Landes: ihrem Ehemann. Im Gegensatz zu Bill Clinton, der vor seiner Präsidentschaft kaum über Verbindungen, geschweige denn ein Netzwerk in Washington verfügte, ist Hillary Clinton aber schon wieder einen Schritt weiter. Mittlerweile hat sie beste Kontakte, sie wird mit einer intensiven Unterstützung rechnen können, sollte sie für das Weiße Haus kandidieren. Und das wird sie, glaubt man zumindest in Washington.Viele hoffen, dass Hillary Clinton bereits 2004 ihre Kandidatur bekannt geben wird. Doch sie lehnt das bisher ab. Erstens hatte sie versprochen, die sechs Jahre ihrer ersten Legislaturperiode im Senat vollständig zu Ende zu führen und zweitens rechnen sich die Demokraten ohnehin kaum Chancen gegen George W. Bush aus - jetzt zumindest noch nicht. Doch Träumen ist erlaubt. Und so gibt es Demokraten, die schon heute am liebsten über das zweite Duell zwischen den Bushs und den Clintons sprechen. Hillary Clintons Codewort aber ist "Null Acht" - die Abkürzung für das Jahr 2008. Dann rechnen viele damit, dass sie sich um die Präsidentschaft bemühen wird. Gewinnt sie, würde auch Bill Clinton einen Rekord aufstellen: Er wäre nicht nur der erste Präsident, der nach seiner Abwahl ins Weiße Haus zurückkehrt. Er wäre auch der erste Ehemann einer Präsidentin und damit der erste First Husband in der amerikanischen Geschichte."Auch wenn mich meine Wähler dafür umbringen werden, ich mag diese Frau. " Ein republikanischer Senator.AP/CHARLES DHARAPAK Hillary Clinton bei einer Pressekonferenz Ende Februar auf dem Capitol Hill mit der demokratischen Senatorin Barbara Boxer aus Kalifornien.

Open Source

Open Source

Sie haben etwas zu sagen? Senden Sie uns Ihren Text! 

Einreichen
Open Door

Open Door

Sie möchten ein Thema vorschlagen? Senden Sie uns Ihren Vorschlag!

Vorschlagen
Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]

Lesen Sie mehr zum Thema
weltbune Banner