Hillary Clinton hat sich wieder ein neues Image zugelegt - als Kandidatin für einen Senatorensitz präsentiert sie sich betont unabhängig von ihrem Mann

Keine First Lady

Olivia Schoeller
9 Min

NEW YORK, im März. An der Skillman Avenue im New Yorker Stadtteil Queens sind Barrikaden errichtet. Ein Hundertschaft von Polizisten versucht Menschen von der Straße weg hinter die Absperrung zu drängen. Ohne Erfolg. Sobald die Polizisten ihnen den Rücken zukehren, stehen die Wartenden wieder auf der Straße. Sie haben Angst, den Moment zu verpassen, in dem sie aus dem Auto steigt. Es ist ein Sonntagmorgen in Queens und Hunderte Menschen warten nur auf Hillary Clinton.Als sie endlich ankommt, steigen Brendan Seaman tatsächlich Tränen in die Augen. "Es ist die größte Ehre, dass die First Lady heute bei uns ist", sagt Seaman, der ganz besonders darauf gehofft hat, dass sie kommt. Seaman, ein 45 Jahre alter New-Yorker, hat eine besondere St.-Patricks-Day-Parade in Queens organisiert, an der erstmals auch Schwule und Lesben teilnehmen dürfen. Alle Prominenten der Stadt hat Brendan für diesen Tag eingeladen, doch keiner ist gekommen. Keiner außer Hillary Clinton. Die Menschen an den Absperrungen rufen ihren Namen, sie durchbrechen die Polizeisperren. Manche schaffen es, sie zu umarmen. Sie wollen ihr ganz nahe sein, sie lassen sich mit ihr fotografieren.Gebote und GesetzeNur ein paar Meter abseits steht David Lane. Er trägt ein Schild vor sich her, auf dem das Wort "Blasphemie" steht. David Lane hasst Hillary Clinton. Und deshalb ist Lane an diesem Morgen nach Queens gekommen. "Sie ist eine Advokatin des Mordes", sagt der 54 Jahre alte Mann jedem, der es hören will. "Die Clintons", verkündet Lane, "sind für das Unglück verantwortlich, das die sexuelle Revolution über das Land gebracht hat." Er spricht von den Rechten der Homosexuellen, dem Recht auf Abtreibung, all den Gesetzen, die für David Lane gegen die Gebote Gottes verstoßen. Als Hillary Clinton an Lane und seinen Freunden vorbeimaschiert, beginnen diese den Rosenkranz zu beten. Ein Frau hält ein Kreuz und die Bibel in die Höhe, so als wolle sie ihre Seele vor dem Bösen schützen. Hillary Clinton bemerkt sie nicht. Es ist wieder einer jener Tage, an dem sie seit dem frühen Morgen dafür kämpft, Senatorin des Staates New York zu werden. Zum erstenmal in der Geschichte der Vereinigten Staaten bewirbt sich die Frau eines Präsidenten um einen Senatorensitz. Das allein wäre schon Grund genug für die amerikanischen Medien, den Wahlkampf in New York zu einem der Höhepunkte dieses Jahres zu erklären. Da es sich bei dieser First Lady aber um Hillary Rodham Clinton handelt, ist das Interesse an ihrer Kandidatur fast ebenso groß wie das an dem Kampf um die Präsidentschaft der USA. Denn es gibt wohl keine Frau in den Vereinigten Staaten, die mehr bewundert oder mehr gehasst wird als sie.Als Hillary Clinton 1993 mit ihrem Mann Bill von Little Rock in Arkansas ins Weiße Haus zog, zeigte sie sich fest entschlossen, die Rolle der First Lady zu revolutionieren. "Ich bin nicht hier, um Plätzchen zu backen", verkündete sie in einem ihrer ersten Interviews. Dann stellte sie ein ambitioniertes Projekt vor. Sie wollte das Gesundheitssystem der USA grundlegend verändern. Nach einem Jahr war ihr Plan gescheitert. Als die Republikaner 1994 einen Sieg bei den Kongresswahlen errangen, wurde im Beraterkreis des Präsidenten nach einem Schuldigen für die Niederlage der Demokraten gesucht - und gefunden: Hillary Clinton. Also wurde ihr ein neues Image verpasst. Ihre Kleider wurden biederer, ihre Reden unpolitischer. Als Bill Clinton 1996 zum zweitenmal die Präsidentschaft errang, lud Hillary Clinton zum Damentee und reichte dazu selbst gebackene Plätzchen.Dennoch, die traditionelle Rolle der Präsidentengattin nahm Hillary Clinton nie ganz an. Ihren Fans galt sie weiterhin als Revolutionärin, die nicht nur das Bild der First Lady veränderte, sondern auch für die Rechte der Frauen in der Familie und der Öffentlichkeit stritt. Für ihre Feinde war sie schlicht eine karrieresüchtige Rabenmutter, die daran arbeitete, das Gesellschaftssystem der USA auszuhebeln. So viel war beiden Seiten klar über Hillary Clinton. Bis Monica Lewinsky auftauchte. Hillary Clinton ertrug die öffentlichen Demütigungen, bewahrte ihre Haltung und stand zu ihrem Mann. Dafür wurde sie gefeiert. Plötzlich wollten auch ihre ehemaligen Gegner eine Heldin in ihr sehen. Den Konservativen gefiel die Art, wie sie ganz traditionell an ihrer Ehe festhielt. Und die Liberalen freuten sich, dass sie ihre politischen Ziele über ihre persönlichen Befindlichkeiten stellte. Hillary Clinton war in diesen Tagen beliebter denn je. Nicht mehr ein Vorbild Doch heute, da sie selbst für ein politisches Amt kandidiert, zahlt sich ihre Haltung in der Lewinsky-Affäre nicht mehr aus. Im Gegenteil, sie könnte sie sogar die Stimmen derer kosten, die in der Vergangenheit auf ihrer Seite standen. "Sie hätte ihn zum Teufel jagen sollen", sagt Rachel Goldstein, eine junge Frau, die nach Queens gekommen ist, um die Kandidatin einmal persönlich zu sehen. Goldstein sagt, dass sie mit Hillary Clintons politischen Zielen völlig übereinstimme, und so falle es ihr umso schwerer zu verstehen, warum sich die First Lady während der Zeit des Skandals so passiv verhalten habe. Auch die 54 Jahre alte Aine Grealy, die einst Hillary Clinton unterstützte, findet nur noch kritische Worte: "Ihre Opfer-Gebärden in der Lewinsky-Affäre waren kein Vorbild. Wenn diese Art den Frauen ein Maßstab sein soll, dann stehen wir am Ende der Emanzipation." Nach einer Studie der Marist University in Upstate New York wollten im Januar 1999 noch 56 Prozent aller befragten Frauen Hillary Clinton als Senatorin wählen. Und nur 17 Prozent wollten für ihren Rivalen, den New Yorker Bürgermeister Rudolph Giuliani, stimmen. Ein Jahr später unterstützen nurmehr 44 Prozent der Frauen Hillary und 43 Prozent Giuliani. Amerikanische Feministinnen kritisieren Hillary Clinton ganz grundsätzlich. Sie, die einmal zu den hundert besten Rechtsanwälten der USA zählte, habe ihre eigene viel versprechende Karriere zu Gunsten der Karriere ihres Mannes geopfert. Andere Frauen halten ihr vor, dass sie ihre Position als Präsidentengattin, und damit eigentlich die Karriere ihres Mannes, für ihre politischen Ambitionen in New York ausnutze. "Was sind denn die Errungenschaften Hillary Clintons?" fragt etwa Carol Lalli, eine freie Journalistin und Demokratin, die in New York lebt. "Ich verstehe nicht mehr, wofür diese Frau eigentlich steht." Allein im vergangenen halben Jahr haben drei weitere Autorinnen versucht, dies zu klären - und damit liegen nun über zwanzig Hillary-Clinton-Biografien vor. Je nach politischer Ausrichtung kommen sie zu dem Ergebnis, dass Clinton eine Linksradikale sei oder aber zum Beispiel unter einem Vater-Komplex leide, der sie unfähig mache, eine wahre Feministin zu sein. Der New Yorker Mark Nistorescu hat auch eine Erklärung gefunden. Sie klingt ein wenig pragmatischer, angenehmer aber ist sie für Hillary Clinton auch nicht. Nistorescu ist sich sicher, dass sie nur deshalb zu ihrem Mann gehalten habe, weil sie sich davon eine gute Startposition für den Wahlkampf in New York erwartete. Nistorescu sieht es nun als seine Mission an, die Auftritte der Kandidatin zu stören. Wann immer er Zeit hat, ihre Wahlkampfveranstaltungen zu besuchen, steht er mit einem Schild am Straßenrand: "Hillary. Nicht hier, nicht jetzt, niemals." Nistorescu will nur eins: Clinton verhindern. "Sie ist eine Opportunistin ohne politische Erfahrung und sie kümmert sich einen Scheiß um New York", schimpft er. Im Wahlkampfbüro "Hillary 2000" hat man nach dem eher enttäuschenden Beginn der Kampagne eine neue Imagebroschüre aufgelegt. Unter dem Titel "Hillary. Die wahre Geschichte" erfährt der Wähler, wie ein junges Mädchen, das in einer konservativen republikanischen Familie aufwuchs, aus "innerer Überzeugung" zu den Demokraten wechselte. Neben ihrer beruflichen Karriere als Anwältin, ihrem Einsatz in der Familien- und Bildungspolitik, ihren Verpflichtungen als Ehefrau eines Politikers, fand sie in späteren Tagen noch immer Zeit für ihre Tochter Chelsea.Wenn Hillary Clinton heute ihre Wahlkampftermine wahrnimmt, präsentiert sie sich gemäß dieses neuen Imagekonzepts: Eine Rede vor Anwältinnen über die Chancen von Frauen im Berufsleben, ein Plädoyer für bessere Bildungspolitik vor Lehrern, eine Attacke gegen die Waffenlobby beim Besuch einer Schule und eine Wahlkampfveranstaltung mit Vize-Präsident Al Gore. Hillary kommt im Hosenanzug, mit Perlenkette und Halstuch, und - ohne Ehemann. Nur im äußersten Notfall erwähnt sie einen Mann namens Bill Clinton. Und selbst dann lobt sie lediglich das bravouröse Handeln "des Präsidenten". Doch all der Demonstration von Eigenständigkeit zum Trotz kann Hillary nicht auf die Unterstützung ihres Mannes verzichten. Im Gegensatz zu ihrem Konkurrenten Giuliani kann sie nach acht Jahren als First Lady keine politische Bilanz vorweisen. Während New Yorks Bürgermeister beständig erklärt, er habe die Kriminalitätsrate um 50 Prozent gesenkt und 460 000 Sozialhilfeempfängern wieder einen Job beschafft, bleiben die Erfolge ihres Mannes doch das beeindruckendste, womit Hillary Clinton werben kann. Hass auf den BürgermeisterWie die First Lady so gehört auch ihr Gegenkandidat Giuliani zu jenen wenigen Politikern in den USA, die polarisieren: Wer Giuliani liebt, hasst Clinton und umgekehrt. An der Riverside im Norden New Yorks ist Clinton-freundliches Gebiet. Für die Gemeinde, die sich zum sonntäglichen Gebet in der Kirche versammelt hat, ist Giuliani ein "Faschist". Seit dem Tod des Schwarzen Amadou Diallo will man in der Riverside Church, in der einst der Bürgerrechtler Martin Luther King gepredigt hat, nichts mehr von Giulianis "Null Toleranz"-Politik gegen Kriminalität wissen. Erst recht nicht, seitdem die vier weißen Polizisten, die Diallo erschossen, von jeglicher Schuld freigesprochen worden sind. Als Hillary Clinton die Kanzel der Riverside Church besteigt, weiß sie, dass sie vor diesem Publikum nur gewinnen kann. "Wir zahlen einen hohen Preis für unsere Sicherheit", sagt die Kandidatin, und die Zuhörer klatschen laut. "Es hat sich eine Kluft zwischen der Polizei und einigen Bevölkerungsgruppen dieser Stadt aufgetan, die wir wieder schließen müssen." Für Geraldine Daniels-Henry gibt es ohnehin nur eine, die diese Wunde heilen kann: Hillary Clinton. Zwölf Jahre lang war Geraldine Daniels-Henry Abgeordnete des Parlaments des Staates New York. Nach acht Jahren Ruhestand hat sie nun beschlossen, wieder politisch aktiv zu werden. Sie will ihren alten Wahlkreis Harlem für Hillary Clinton erobern. Und sie will vor allem, dass es jemandem gelingt, Giuliani zu stoppen. Ihr geht es um New York.

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