Hillary Clinton ruft die Demokraten zur Einheit auf und unterstützt ihren einstigen Rivalen

Obamas wichtigster Fan

Olivia Schoeller
6 Min

DENVER. Es war zwar nicht die Nacht, in der Hillary Clinton reden wollte, doch die Aufmerksamkeit, die sie am Dienstagabend in Denver erhielt, glich fast der eines Präsidentschaftskandidaten. Minutenlang standen 18 000 Menschen vor dem Podium, hielten weiße Plakate mit Hillarys Unterschrift in die Höhe und riefen ihren Namen. Es war ein Ehrenbekundung für eine Frau, von der man einst erwartete, dass sie die erste Präsidentin der USA wird, und von der man heute erwartet, dass sie dabei hilft, einen Anderen in dieses Amt zu bringen.Hillary Clinton enttäuschte nicht: In einem organgefarbenen Hosenanzug stand sie auf der Bühne und war so selbstbewusst, als wären ihre Hoffnungen nie zerstört worden: "Ich bin eine stolze Mutter, eine stolze Demokratin, eine stolze Amerikanerin und eine stolze Anhängerin von Barack Obama", rief sie dem Publikum im Tagungszentrum zu und erntete Beifall. Das Eis war gebrochen. Hillary Clinton war auf Versöhnungskurs. Ihre Worte wirkten wie eine Verheißung.Mit großer Anspannung hatten Demokraten seit Wochen die Rede der einstigen Favoritin erwartet. Man wusste nicht mit welchen Worten, welchen Gesten und welcher Leidenschaft die einstige Rivalin den Mann unterstützen wird, der ihr die Nominierung streitig gemacht hat. Drei Monate nach dem Ende der bitteren Vorwahlen schienen die Wunden auf beiden Seiten nicht geheilt. Ein klares Zeichen für die noch immer bestehenden Spannungen waren an diesem Abend die blauen Plakate mit dem Wort Unity - Einheit. So etwas las man nicht auf den Plakaten eines Parteitages. Hier wird normalerweise die Einheit ganz natürlich zelebrierte. Doch in Denver ist das anders.Eine zerrissene ParteiDass hier die Rede der Verliererin fast so wichtig war, wie die Rede des Siegers, hat damit zu tun, dass die Partei die Spaltung noch nicht überwunden hat. Mit Spannung warten die Delegierten nun darauf, wie und ob die Parteitagsleitung am Mittwoch nach den berüchtigten roll call, die Abstimmung aller Delegierter aus allen Staaten, durchführen wird, so wie es die Clinton-Leute forderten. Damit könnten die Anhänger Hillary Clintons Errungenschaften - die mittlerweile legendären 18 Millionen Stimmen - feiern. Doch das Obama-Lager ist skeptisch. Ihrer Meinung nach könnte das die Position des Kandidaten schwächen und am Ende vielleicht doch ein anderes Resultat bringen, als man sich wünscht.Wenn es nach Judy Beck ginge, dann würde diese Abstimmung stattfinden, um das geschichtliche Ereignis der Hillary-Kandidatur zu feiern. Bis heute ist sie sich sicher, dass Hillary Clinton die bessere Präsidentin wäre: Die Frau, die sie dort auf der Bühne vor Tausenden von jubelnden Fans sieht, hat 35 Jahre lang für genau die Themen gekämpft, die Judy am Herzen liegen: Krankenversicherung, Gleichberechtigung, Chancengleichheit. "Präsidentin Hillary hätte sie umgesetzt", sagt Judy. Ob das Präsident Obama macht, weiß die schüchterne Frau nicht. Sie ist skeptisch, sie kennt ihn nicht genug.Doch Hillary Clinton kennt offenbar Judy Becks Vorbehalt. Jedenfalls geht sie in ihrer Rede immer wieder darauf ein. Es ist ein geschicktes Spiel. Sie bedankt sich zuerst bei ihren Unterstützern und erinnert an die Zeiten des gemeinsamen Kampfes: "Ihr seit nie eingeknickt, ihr habt nie aufgegeben und gemeinsam haben wir Geschichte geschrieben", ruft Hillary Clinton ihren jubelnden Fans zu. Sie spricht zurückhaltend aber bestimmt. Man erinnert sich wieder daran, warum sie in den Vorwahlen häufig blass gegenüber dem rhetorisch geschickten Obama wirkte. Aber man erinnert sich auch daran, dass viele Hillary Clinton im Weißen Haus sehen wollten. Sie weiß, wie man Leute wie Judy Beck begeistert und sie weiß aber auch, wie man eine Partei zusammenführt und eint."Ihr müsst Euch fragen, warst du in diesem Wahlkampf nur für mich? Oder warst Du in diesem Wahlkampf für all die Leute, die sich in diesem Land unsichtbar fühlen?", fragte sie ihre Unterstützer und stellte dann klar, dass sich nichts in diesem Land ändern werde, wenn nicht ein Demokrat die USA regiert. Keines der Ziele werde umgesetzt werden, keiner der Träume wahr gemacht, wenn Barack Obama nicht im Weißen Haus sitzt. "Barack Obama ist mein Kandidat für die Präsidentschaft und er sollte auch Euer Kandidat sein", sagte Clinton.Ihre Unterstützung wirkte deutlich aber nicht übertrieben - die hätte man Hillary Clinton nie abgenommen. Aber ihr Plädoyer ging über das hinaus, was von ihr erwartet wurde. Sie lobte nicht nur Barack Obama, sondern auch seine Frau Michelle und den Vize-Kandidaten Joe Biden. Doch am meisten erinnerte sie ihre Zuhörer daran, dass sie alle einer Partei angehören die nur ein gemeinsames Ziel hätten: Die Republikaner zu verhindern. "Wir haben keinen Moment zu warten und keine Stimme zu vergeben", sagte sie und endete dann mit einem Satz, den man meinte, niemals von ihr zu hören: "Wir müssen Barack Obama wählen".Republikaner werben in DenverDie Republikaner hatten sich bereits die Hände gerieben und gehofft, den innerparteilichen Zwist und die Frustration der Clinton-Wähler auszunutzen. In Denver haben Republikaner eine Party für Hillary-Anhänger gegeben und John McCains Wahlkampfhelferin, die ehemalige Hewlett-Packard-Chefin Carly Fiorina flog diese Woche nach Denver, um enttäuschte Clinton-Anhängern für John McCain zu gewinnen. Der Republikaner Duncan Hunter machte keinen Hehl aus der Taktik: "Wenn eine Partei gespalten ist, dann siegen die anderen".Für Hillary Clinton war es deshalb wichtig, sich eindeutig hinter Barack Obama zu stellen. Schließlich will sie nicht dafür verantwortlich gemacht werden, wenn er die Wahl verlieren sollte. Mit ihrer Rede hat sie diese Vorwürfe abgewehrt. Nun ist es an Obama, Leute wie Judy Beck auf seine Seite zu ziehen."Sie hat getan, was sie als gute Demokratin tun sollte: Sie hat nicht an sich selbst, sondern an die Partei gedacht", resümierte Judy Beck am Ende der fünfundzwanzigminütigen Rede. Aller Wahrscheinlichkeit will die 58-Jährige nun tatsächlich im November für Obama stimmen. Das macht sie aus Kalkül. Obama sei eben besser, als ein Republikaner. Doch im Herzen hat dieser Abend Judy Beck nur das bestätigt, was sie schon immer wusste: Der beste Kandidat für das Weiße Haus ist eine Frau namens Hillary Clinton.------------------------------"Wir haben keinen Moment zu warten und keine Stimme zu vergeben." Hillary Clinton------------------------------Foto: Die Rede von Hillary Clinton überzeugte die Demokraten in Denver. Sie konnte danach mit ihrer Tochter Chelsea befreit in die Menge winken.

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