Hillary Clinton tut das, was man schon längst von ihr erwartet hat - sie gibt offiziell bekannt, dass sie Präsidentin der Vereinigten Staaten werden will

"Ich bin im Rennen, um das Rennen zu gewinnen"

Olivia Schoeller
8 Min

WASHINGTON. Am Ende sagte Hillary Clinton es ganz einfach: "I'm in" - ich bin im Rennen - verkündete sie am Sonnabend auf ihrer Webseite und erklärte damit das, was viele bereits seit Jahren von dieser Frau erwartet haben. Hillary Clinton will die erste Präsidentin der USA werden, die 59-Jährige will ins Weiße Haus und dieses Mal als Chefin und nicht als First Lady. "Ich bin im Rennen und ich bin im Rennen, um das Rennen zu gewinnen", sagte sie in dem Video, das sie auf ihrer Webseite veröffentlichte. Und niemand wollte das bezweifeln.Es war nur eine Frage der Zeit, wann Hillary Clinton offiziell ihre Bewerbung für die Präsidentschaft bekanntgeben würde. Wer sie über die Jahre hinweg beobachtete, wer ihre Karriere verfolgte, der wusste, dass der Tag kommen wird, an dem sie diesen Schritt wagt. Schon als First Lady hatte die Rechtsanwältin ihr politisches Interesse und ihre Meinung kundgetan, auch wenn ihr das nicht immer die Sympathien ihrer Landsleuten eingebracht hat.Sie wolle, so verkündete die Präsidentengattin 1993, ihre Zeit nicht mit Plätzchenbacken und Damen-Tees verbringen. Sie wollte Politik mitgestalten. Doch dieses Konzept fand wenig Zustimmung. Nicht allzu viele Amerikaner wollten das, was die Clintons - Bill und Hillary - anboten: "Zwei Politiker für den Preis von einem". Gefragt war, dass der Präsident die Politik des Landes bestimmt und seine Frau sich fernhält - und Plätzchen backt.Hillary Clinton versuchte sich dennoch an einer Reform des Gesundheitswesens in den USA und scheiterte kläglich am Widerstand der Republikaner im Kongress. Sie lernte ihre Lektion und hielt sich schließlich als First Lady zurück, sie backte auch Plätzchen und stand selbst dann noch zu ihrem Mann, als der sie mit der 21-jährigen Praktikantin Monica Lewinsky betrog. Doch dann, als Bill Clinton abtrat, begann ihr politischer Aufstieg. Nachdem sie die Türen des Weißen Hauses hinter sich geschlossen hatte, wurde sie zur Senatorin des Staates New York gewählt und überraschte innerhalb kürzester Zeit die politischen Beobachter. Heute, nach sechs Jahren, loben selbst Republikaner Hillary Clinton. Im November haben die Wähler des Staates New York sie schließlich mit einer überwältigenden Mehrheit von über sechzig Prozent wiedergewählt.Doch vor allem für konservative Amerikaner ist sie immer noch eine Art Feindbild geblieben. Sie sehen in ihr eine Karrieristin, eine selbstbezogene Frau, die nur auf ihren Vorteil bedacht ist. So wenig wie sie in der Lewinsky-Zeit ihre Loyalität zu Bill Clinton anerkannten, so wenig honorieren sie heute ihr Engagement für die Familien der Soldaten aus New York oder die Versuche der Senatorin, parteiübergreifende Allianzen für Gesetzesvorlagen zu finden. Für ihre Kritiker ist jede ihrer Handlungen Teil des politischen Kalküls einer ehrgeizigen Frau, die nichts anderes will, als im Weißen Haus zu regieren. Die größte Herausforderung für ihr Wahlkampfteam wird es also sein, bis zum November 2008 dieses Image um ein menschliches Element zu ergänzen.Jüngsten Umfragen des Fernsehsenders ABC und der Washington Post zufolge ist Hillary Clinton zwar innerhalb ihrer eigenen Partei klare Favoritin. 41 Prozent der Demokraten unterstützen sie und geben ihr damit fast doppelt so viel Zustimmung wie irgendeinem ihrer parteiinternen Rivalen. Auch im Vergleich mit ihren mutmaßlichen republikanischen Kontrahenten schneidet sie auf den ersten Blick gut ab. Sie führt knapp vor Senator John McCain und liegt ungefähr gleichauf mit dem ehemaligen New Yorker Bürgermeister Rudy Giuliani. Tatsächlich aber ist das kein gutes Zeichen. Nach 15 Jahren in der Politik mit einem derart prominenten Namen sollten ihre Zustimmungswerte höher liegen.Es gibt wenige Politiker in den USA, über die die Amerikaner eine so klare Meinung haben wie über Hillary Clinton. "Du liebst sie, oder du hasst sie", lautet der gängige Slogan, den man im Zusammenhang mit Clinton hört, auch von Leuten, die gar nicht wissen, warum sie diese Frau eigentlich lieben oder hassen sollten. Das hat ihr den Ruf eingebracht, unwählbar zu sein. Und so glauben ihre parteiinternen Rivalen weiterhin, große Chancen zu haben.Ihre stärksten Konkurrenten sind zurzeit zwei eher unerfahrene, jüngere Männer: John Edwards, der vor zwei Jahren als Vize-Präsidentschaftskandidat neben John Kerry antrat, bekommt zwar lediglich elf Prozent der Zustimmung der Demokraten. Er führt das Feld der Kandidaten aber deutlich in Iowa und New Hampshire an. In diesen Bundesstaaten finden die ersten Vorwahlen statt und oft fällt hier schon eine Vorentscheidung. Doch mehr als Edwards fürchten Clintons Helfer den charismatischen Senator aus Illinois, Barack Obama.Nur wenige Tage vor Hillary Clinton hatte Obama seinen Namen als Kandidat offiziell ins Spiel gebracht. Er erhält zwar nur 17 Prozent Zustimmung. Für einen noch derart unbekannten Kandidaten jedoch ist das eine bemerkenswerte Zahl.Besonders gefährlich für das Clinton-Lager ist Obamas Attraktivität für die gleichen Geldgeber - denn letztlich ist auch ihr Wählerklientel gleich. Wie Hillary zieht auch der Sohn eines kenianischen Vaters und einer amerikanischen Mutter vor allem schwarze Wähler, Liberale und Frauen an. Noch übertrumpft Hillary finanziell alle ihre Konkurrenten, doch es gibt wenig Zweifel, dass Obama in Hillarys Revier wildern wird. Er wolle sogar in New York Spenden sammeln, kündigte er an, was einer Kriegserklärung an Clinton gleichkommt.Obama gilt als eine Alternative für all diejenigen, die eine mögliche Präsidentschaftsabfolge "Bush senior - Herr Clinton - Bush junior - Frau Clinton" verhindern wollen. Sein größtes Plus ist seine Haltung gegen den Irak-Krieg. Obama hatte das Glück, im Senat nicht über die Invasion abstimmen zu müssen, weil er damals noch nicht Senator war. Doch er hat nie verheimlicht, dass er gegen den mittlerweile so unbeliebten Krieg war und ist.Hillary Clinton hingegen hat nicht nur für den Irak-Krieg gestimmt, sondern hat sich bis heute nicht klar davon distanziert. Von ihrer jüngsten Reise in den Irak kam die Senatorin zwar mit viel Kritik für die Politik des Präsidenten zurück, aber sie forderte nicht den Beginn eines Rückzugs amerikanischer Soldaten, sondern lediglich keine weitere Aufstockung der Truppen.Betrachtet man allerdings die vielen Interviews, die Hillary Clinton in den vergangenen Tagen gegeben hat, sieht man eine Politikerin, die weiß, was sie fordert, weil sie die Situation im Irak und in Afghanistan mit eigenen Augen gesehen hat. "Wir brauchen mehr Truppen in Afghanistan und nicht im Irak", sagte Hillary Clinton dem Fernsehsender PBS. Sie berichtete von ihrem Treffen mit Pakistans Präsidenten Musharraf und Afghanistans Präsidenten Karzai. Sie forderte einen Sondergesandten für die Region. Auch auf CNN berichtete sie über die Irak-Reise, ihre Gespräche mit US-Militärführern, von ihrem Besuch bei verwundeten Soldaten und ihrem Misstrauen gegen Iraks Regierungschef Nuri al-Maliki. "Wenn die irakische Regierung ihren Verpflichtungen nicht nachkommt, sollten wir unsere Unterstützung verweigern", forderte sie und wirkte dabei so staatsmännisch und urteilssicher wie kaum einer ihrer männlichen Kollegen.Selten zeigte sich so deutlich, wie sich Hillary Clinton gewandelt hat: Aus der revolutionären First Lady ist eine besonnene Politikerin geworden. Ob das fürs Oval Office reicht? Die jüngsten Umfragen in der Demokratischen Partei ergaben, dass man Clinton ihre Haltung zum Irak-Krieg nicht so stark ankreidet, wie angenommen. 76 Prozent der erklärten Irak-Kriegs-Gegner unter den Demokraten unterstützen sie.Beunruhigender für Clintons Wahlkampfteam sind allerdings die Ergebnisse einer anderen Umfrage: 54 Prozent der Amerikaner denken positiv über Clinton, aber 44 Prozent haben eine explizit negative Meinung von ihr. Andere Kandidaten sind vielleicht nicht so beliebt. Aber auch nicht so unbeliebt.Nach Meinung des Wahlkampfteams liegt das vor allem daran, dass die meisten Amerikaner die wahre Hillary Clinton nicht kennen. In ihrem Internet-Auftritt, in dem sie ihre Kandidatur begründet, präsentierte sie sich besonders warmherzig, geradezu mütterlich. Sie saß auf einem Sofa in ihrem Wohnzimmer und sprach so, als führe sie ein Zwiegespräch mit einem Freund. Sie redete nicht wie eine Frau, die soeben ihre Kandidatur für das wohl mächtigste Amt der Welt verkündete. "Nach diesen Jahren unter Präsident Bush ist es an der Zeit, dass das Land eine andere Richtung nimmt", sagte sie bestimmt, aber nicht aggressiv. Den Irak-Krieg erwähnte sie nur einmal und ihre Zeit als First Lady gar nicht. Stattdessen erinnerte sie an ihre Jugend im Mittleren Westen."Lassen Sie uns reden, unsere Meinungen austauschen", bot sie ihren Landsleuten an und gab dabei einen Einblick in ihre Wahlkampfstrategie: Hillary Clinton will sehr persönlich Amerika davon überzeugen, dass sie die richtige Frau für das Weiße Haus ist und sie wird keinen Kraftakt scheuen, um dieses Ziel zu erreichen. Dafür hat sie zulange auf den Moment gewartet.------------------------------"Ich trete in einen Dialog mit euch ein, mit Amerika. Der Dialog in Washington war in letzter Zeit etwas einseitig, findet ihr nicht?"Hillary Clinton zu ihrer Kandidatur------------------------------Foto : Hillary Clinton ist jetzt 59 Jahre alt, im vergangenen Herbst wurde sie mit großer Mehrheit als Senatorin des Staates New York wiedergewählt.

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