Hinterherdenker

Markus Lotter
3 Min

Gemein, mit welchem Szenario der Fernsehsender Premiere am Mittwochabend Bayerns Cheftrainer Jürgen Klinsmann konfrontierte. Links von ihm hatte die Produktionsleitung den Moderator Sebastian Hellmann platziert, einen hoch aufgeschossenen Beau, der freche Fragen stellte. Zur Rechten von Klinsmann stand Ottmar Hitzfeld, der als Nationaltrainer der Schweiz wieder mächtig Leben gewonnen hat und das Wesentliche stilsicher zwischen seine Zeilen packte. Und das Wesentliche, was Klinsmanns Vorgänger über Jürgen Klinsmanns 2:4 im Pokal-Viertelfinale bei Bayer Leverkusen zu sagen hatte, war nicht nett. Es war eine geschickt chiffrierte Anklage.Klinsmann, mitgenommen von der rauschenden Pokalnacht, produzierte in seiner Verteidigung bekannte Parolen, ließ natürlich nicht unerwähnt, wie fit die Spieler des FC Bayern doch wären, wie hoch die Ansprüche in München seien, wie er diese Herausforderung liebe. Er wirkte ungelenk und verloren. Aber wie sollte er auch anders wirken? Seine geplante Reform, die strukturelle Umgestaltung des träge gewordenen FC Bayern, ist in weiten Teilen gescheitert, auch weil sie längst nicht mehr konsequent ist. Aus Verlegenheit passt er sich an und hat sich anpassen lassen. Er denkt nicht vor, sondern hinterher, ist nicht mehr Leiter des Projektes, sondern überforderter Manager des sportlichen Tagesgeschäftes.Ein Sonderling als SondergutBayern Münchens Manager Uli Hoeneß hat diese Defizite längst erkannt. Selten hat er sich auf der Ersatzbank neben einem Trainer des FC Bayern wohl unsicherer gefühlt als neben Klinsmann. Und doch muss er in Absprache mit dem Vorstandsvorsitzenden Karl-Heinz Rummenigge den Sonderling weiterhin wie Sondergut behandeln. Mit Klinsmann steht auch die Kompetenz des Vorstandes auf dem Prüfstand. Entlässt man den Trainer, dürfte bezweifelt werden, ob Hoeneß und Rummenigge in der Lage sind, mit ihren Entscheidungen die Zukunft des Klubs zu gestalten. So werden sie wohl bis aufs Äußerste Konsequenzen scheuen.Der FC Bayern ist aber nun mal kein Ausbildungsverein. Nicht für den aufstrebenden Jungspieler, aber vor allem nicht für einen aufstrebenden Jungtrainer, wie es Klinsmann immer noch ist. Er mag den Schnellkurs "Ich mach' euch mal den Bundestrainer bei der WM im eigenen Land" bestanden haben. Aber er hat nie die ungemein förderliche Schule durchlaufen, die etwa Bruno Labbadia durchlaufen hat. Nach seiner aktiven Karriere lernte der Cheftrainer von Bayer Leverkusen beim Regionalligisten SV Darmstadt die Sorgen der Pendler zwischen Profi- und Amateurwesen kennen, setzte sich dann bei Greuther Fürth mit dem begrenzten Potenzial eines Zweitligisten auseinander. Klinsmann dagegen war nie Streetworker, er kann gar kein fortentwickeltes Gespür für die alltägliche Arbeit mit den Fußballprofis haben. Die wollen eben nicht jeden Tag besser, sondern auch einmal einen Tag in Ruhe gelassen werden.------------------------------Foto: Uli Hoeneß sitzt voll und ganz hinter Jürgen Klinsmann. Keine Frage.

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