Das Sportjahr 2005 hatte es nicht einfach. Wirklich nicht. Es war ein vernachlässigtes Mittelkind, das irgendwie reingerutscht ist zwischen das Olympiajahr 2004 und das Olympiajahr 2006. Solche Übergangsphasen muss es immer wieder geben, aber 2005 hat es besonders bitter erwischt: Es ist auch noch Anrainer-Jahr des WM-Jahres 2006, das sich, wie man hört, garantiert einmal zur bedeutendsten Epoche dieser Republik aufschwingen wird. Höchste Zeit, das Jahr 2005, das beschattet war von Riesen, für seine stillen Helden und seine noch stilleren Verlierer zu ehren.------------------------------FLOP TENGold: Michael SchumacherEr ist vorsichtiger geworden: Michael Schumacher überholt jetzt nur noch, solange sich das Verkehrsaufkommen in Grenzen hält. Beim Mini-Grand-Prix in Indianapolis hat Schumacher aber gezeigt, dass er noch immer gnadenlos ist - wenn die Straßen frei sind. Während sieben von zehn Teams aus Sicherheitsgründen pausierten und sein verletzter Bruder Ralf mit RTL telefonierte, fuhr Michael den Kollegen von Jordan und Minardi eiskalt davon: zum ersten und einzigen Saisonsieg. Schade, dass ihn die Zuschauer hinterher trotzdem mit Pappbechern bewarfen.------------------------------Silber: Die KlitschkosSie treten in dubiosen Fernsehsendungen auf, kassieren Bambis, werben für Milchbubiriegel, kommentieren Faustkämpfe, kandidieren für das ukrainische Parlament. Nur boxen, das tun die Klitschkos fast gar nicht mehr. Der eine, Witali, kann nicht, weil es ihn ständig irgendwo zwackt, der andere, Wladimir, bekommt keinen guten Kampf, seit er sich vom Doktor Faust zum Professor Ringstaub gewandelt hat. Wenn sie nicht aufpassen, wird man sie bald nur noch die Kurnikowas nennen.------------------------------Bronze: Ronny AckermannDie Klitschkos schlagen eindeutig zu wenig, Ronny Ackermann schlägt eindeutig zu viel. Das fand auch der Skiweltverband, weshalb er Ackermann einen Verweis zustellte. Der Weltmeister der Kombinierer war Anfang Dezember nicht davor zurückgeschreckt, seinem am Boden liegenden Kollegen Hannu Manninen nach der Zieldurchfahrt einen Hieb mit dem Skistock zu versetzen. Ackermann wurde trotzdem zum Sportler des Jahres gewählt - böse Zungen sagen, weil er dem Begriff Nordische Kombination eine ganz neue Bedeutung verlieh: Laufen & Dreschen.------------------------------Platz 4: AiltonAm 15. Dezember ist der Stürmer von Istanbul zurück nach Brasilien geflogen, weil er seinen Klub Besiktas nicht mag, denn Trainer Tigana stellte ihn zuletzt nicht mehr auf, weshalb er flüchtete, vom Verein vor dem Abflug zwar aufgegriffen und zurückgebracht wurde, dann aber doch wegen Aufsässigkeit gehen durfte. 24 Stunden Wahnsinn mit Ailton. Fortsetzung folgt. Wo auch immer.------------------------------Platz 5: Rubén AcostaDass immer gemeckert wird, ist er gewohnt. Schließlich ist Rubén Acosta nicht erst seit gestern Präsident des Volleyball-Weltverbandes. Sondern seit 1984. Stets hat er nach dem Prinzip gehandelt: Wenn es mir gut geht, geht es auch dem Volleyball gut - denn der Verband bin ich! Also hat der eifrige Mexikaner Geld, Macht und Vergnügen bei sich konzentriert. Und trotzdem jammern wieder alle: die Sportler über Knebelverträge, die Gattin über einen Seitensprung und die Rechtsanwälte über Amtsmissbrauch und Korruption. Undank, nichts als Undank.------------------------------Platz 6: Jacques ChiracWie heißt die Welthauptstadt des Luxus, der Lebensart, des Esprit? Paris, genau; und so riss Frankreichs Staatspräsident Jacques Chirac im Sommer ein paar Witze über den Erzfeind England. "Das Einzige, was sie für die europäische Landwirtschaft getan haben, ist der Rinderwahn." Außerdem könne man keinem Volk trauen, "das so schlecht kocht". Kulinarisch war das richtig, taktisch falsch: Denn wenige Tage später wurde nicht der Favorit Paris, sondern London zur Olympiastadt 2012 gewählt. Kochen, hat Frankreichs Chefdiplomat seitdem gelernt, ist keine olympische Disziplin.------------------------------Platz 7: José MourinhoWo anfangen? Gute Frage. José Mourinho hat so viel gepöbelt, getrickst, attackiert, dass es schwer ist, den Überblick zu behalten. Der Trainer von Chelsea London sorgte mit Lügen und Unterstellungen dafür, dass der Schiedsrichter Anders Frisk Morddrohungen erhielt. Er führte mit dem Verteidiger Ashley Cole vom Rivalen Arsenal geheime Verhandlungen, was streng verboten ist. Er bezeichnete Arsenals Trainer Arsène Wenger als Voyeur. Mourinho denkt, das gehöre dazu, um ein großer Stratege zu sein. Niedlich, nicht?------------------------------Platz 8: AküfiDeutscher Olympischer Sportbund (DOSB) sucht: M/W, akad., bis 75, zuverl., m. viel Freizt. zur Prüf. d. Umbenennung v. DOSB in DSOB, DBSO, BSDO, BODS, OSBD od. ODBS. Kenntn. ü. LSB, DSB, NOK, BMI, etc. erw. Bevorz. M/W m. Aküfi (=Abkürzungsfimmel/d. Red.). 2 J. Vollbeschäft. garant. Bewerb. an www.nok.de bzw. www. dsb.de. - Viel Erf.------------------------------Platz 9: Real MadridWar da mal was mit galaktisch? Lange ist es her. Champions-League-Aus im Achtelfinale. Spanische Meisterschaft - futsch! Vorgeführt vom FC Barcelona! Vom Publikum ausgelacht! Figo - futsch! Trainer - futsch! Zidane, Raúl, Beckham - wirken zehn Jahre gealtert! In der Liga: Platz fünf! Die Brasilianer beweisen Kreativität nur noch beim Torjubel, kommen aber kaum mehr dazu. Der Weg aus der Krise? Ganz einfach: Ronaldinho, Lampard, Eto'o, Drogba, Kaka und Rooney kaufen, schon läuft es wieder.------------------------------Platz 10: Sun YingjieFräulein Sun beliebt zu überraschen. Erst gewann sie in Peking den Marathon, eine kleine Überraschung. Tags darauf siegte sie über 10 000-Meter, eine große Überraschung. Und wieder einen Tag später wurde sie des Dopings überführt, keine Überraschung. Der Fall schien schon an Unterhaltungswert zu verlieren, da behauptete ein Kollege, Suns Kiwi-Saft mit Steroiden angerührt zu haben. Wenn von diesem Rezept schon die Römer gewusst hätten, hätten sie mit Gallien keine Mühe gehabt.------------------------------TOP TENGold: Ralf SchumacherGanze sechs Autos waren beim Großen Preis der USA auf der Strecke. Die RTL-Moderatoren um TV-Experte Christian Danner erklärten die Formel-1-Geschichte für beendet. Und es wäre auch so gekommen, hätte nicht mitten in der Übertragung Ralf Schumacher angerufen, der zuvor im Training verunglückt war: "Ich finde es ganz, ganz tragisch, was ihr da erzählt", schimpfte er, und sein Hund schimpfte im Hintergrund mit. "Vielen Dank, dass du uns für inkompetent hältst", entgegnete Danner. Von wegen Ende der Geschichte: So unterhaltsam war die Formel 1 noch nie.---------------------------------Silber: MVAlles muss sich Gerhard Mayer-Vorfelder (MV) auch nicht bieten lassen. Ein Berliner Gericht untersagte einem Sender, MV in Zusammenhang zu bringen mit dem Einspielen eines oder mehrerer der nachfolgenden Geräusche: "Einschenken eines Glases, Trinken, Umfallen einer Flasche". Kussgeräusche sind allerdings nicht erwähnt. Und so bleibt MV im Deutschen Fußball-Bund der Handkuss-Direktor. Fürs Geschäftliche ist ohnehin der zweite Präsident, Theo Zwanziger, zuständig.---------------------------------Bronze: Confetti-CupWas wurde einst über diesen Wettbewerb gehöhnt und gelästert, als das DFB-Team ihn 1997 als Europameister oder 2003 als WM-Zweiter schwänzte und sich 1999 in Mexiko so furchtbar blamierte. Im Sommer erschien es nun plötzlich, als sei dieser Wettkampf halber Reserveteams um den Sepp-Blatter-Gedächtnispokal die Krone aller fußballerischen Schöpfung. Die Massen strömten zu den Spielen des Confederations Cup, zumindest wenn Poldi, Schweini oder Huuuuth aufliefen, und die Deutschen feierten den dritten Platz so feurig wie die Griechen den EM-Titel.---------------------------------Platz 4: Ante SapinaDas Who's who der Erlebnisgastronomie muss dank einer Geschäftsidee von Ante Sapina neu geschrieben werden. Im Café King hat der Kroate die manipulierte Fußballwette buchstäblich salonfähig gemacht. Auch seine Marketingstrategie war innovativ. Die Verurteilung vor dem Berliner Landgericht hat Sapina und sein Etablissement weltberühmt gemacht: als Schankwirt des Jahres.------------------------------Platz 5: Die AltintopsSchon auf Grund ihres Namens gehören die Altintop-Brüder natürlich in diese Liste, erst recht durch ihre Aktivitäten im abgelaufenen Jahr: Hamit entwickelte sich zum wichtigen Spieler auf Schalke. Halil und seinen 13 Toren hat es der 1. FC Kaiserslautern zu verdanken, dass er noch Anschluss zum vorderen Tabellenende hält. Vorbildlich auch der Einsatz der Altintops bei den Tumulten nach dem WM-Aus in Istanbul, als sie den Schweizer Raphael Wicky in die Mitte nahmen, gegen die Attacken ihrer türkischen Mitspieler verteidigten und in die Kabine geleiteten.---------------------------------Platz 6: SchweinipoldiVon Ehepaaren ist seit jeher, von Hundchen und Herrchen seit Loriot bekannt, dass sie sich mit den Jahren immer ähnlicher werden. Im Sommer durfte man erleben, dass die Sache auch bei jungen Fußballern funktioniert: Bastian Schweinsteiger und Lukas Podolski praktizierten den fußballerischen und verbalen Doppelpass so überzeugend, dass man sie sich bald nur noch gemeinsam vorstellen konnte. Ein kongeniales Duo wie Tünnes und Schääl, Asterix und Obelix, Dick und Doof, das sicher auch bei der WM 2006 seine Stimmungskanonenrolle perfekt ausfüllen wird.---------------------------------Platz 7: Tarmo NeemeloWie dieser Mann aussieht, weiß niemand genau. Hat er krumme Beine? Ist er riesengroß? Kann er solche Tricks wie Ronaldinho? Setzt er sich so wuchtig in Szene wie Ruud van Nistelrooy? Oder schlägt er gar solche Salti wie Miroslav Klose? Bekannt ist nur, dass der Mann 23 Jahre jung ist, aus Estland stammt und für den Erstliga-Klub Tallinna VMK stürmt. Tarmo Neemelo hat aber all die genannten Angreifer übertroffen. Er hat in dieser Saison 41 Tore geschossen. Damit ist er absolute Spitze in Europa.------------------------------Platz 8: Heidi KlumAuch bei den Supermodels gibt es ein Karussell, ähnlich dem Trainerkarussell, also das Modelkarussell. Zuerst saß Claudia Schiffer oben auf und durfte bei der deutschen WM-Bewerbung die Daumen drücken. Längst aber ist sie von Heidi Klum abgelöst worden. Die durfte WM-Lose ziehen und sich dabei sehr freizügig zeigen. Echt super, dieses Model.------------------------------Platz 9: Gerald CiolekWie war noch der Name? "Ich bin Gerald Ciolek, gebürtiger Kölner und 18 Jahre alt." Diesen Satz musste der Radprofi von der Equipe Acud nach der deutschen Straßenmeisterschaft in Mannheim oft sagen. Zuvor war er, der Unbekannte, dem 35 Jahre alten Erik Zabel, dem Favoriten vom Team T-Mobile, davon gesprintet. Ciolek beendete die bei den Titelkämpfen seit 1993 andauernde Siegesserie von Zabels Rennstall. Und was dachte der Besiegte im Ziel? Nur ein Wort: "Scheiße!" Ein Extrapunkt für Ehrlichkeit.------------------------------Platz 10: Turnvater KahnBundestrainer Jürgen Klinsmann wird viel kritisiert, weil er angeblich zu übertriebenem Innovationswahn neigt. Das Gegenteil ist richtig: Klinsmann hat der etwas in die Tage gekommenen, klassischen Leibesübung wieder mehr Gewicht verschafft: Er hat Oliver Kahn an eine Reckstange gehängt und das auch noch einem Fotografen verraten. Auch die Kollegen Jens Lehmann (l.) und Thomas Brdaric staunten. Wie es heißt, hätten sie gerne mitgemacht, hatten aber ihren Turnbeutel vergessen.------------------------------Der Sonderpreis der Jury geht diesmal an Diego Armando Maradona. Er konnte gleich in mehreren Kategorien überzeugen. Eine Auswahl: Absteiger des Jahres, Aufsteiger des Jahres, Sumoringer des Jahres, Weight-Watcher des Jahres, Entertainer des Jahres und Kubaner des Jahres. Glückwunsch!
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