Vorgartenterror

Hörsturz am Morgen: Warum der Laubbläser den Misanthropen in uns triggert

Stehen Laubbläser für die Talkurve des menschlichen Pioniergeistes? Mit der Erfindung des Rades und der Glühbirne sollte die Messlatte eigentlich höher hängen.

Patricia Hempel
Patricia Hempel
3 Min
Der Laubbläser ist ein Sinnbild des menschlichen Untergangs (Symbolbild).

Der Laubbläser ist ein Sinnbild des menschlichen Untergangs (Symbolbild).

© Felix Jason/imago

Es ist einer dieser Altweibersommermorgen: Der Sommer liegt im Sterben und der sich ankündigende Herbst lässt den Himmel wie eine schwach beleuchtete Operafolie aussehen. Meine Tochter schläft noch und kämpft gegen die anstehende Kita-Pseudokrupp-Welle an.

Ich liege daneben und durchstöbere meine Feeds nach den ersten Stimmen des Tages. Und dann beginnt ein Kammerspiel des Grauens mit einem markerschütternden Lärm. 100 Dezibel, locker. Ich ärgere mich über die Frau, die vor zwei Tagen ins Haus gezogen ist. Was fällt ihr ein, um 7.15 Uhr ihre Dielen abzuschleifen? „Mama, was ist das?“ Na, super.

„Hallo!!?? Haaaalloooo!!?? Wir frühstücken gerade“

Ich pelle mich aus meinen Schlafklamotten und kämme mir die Haare, um meiner Nachbarin eine ordentliche Ansage zu machen, da bemerke ich zwei Männer in meinem Vorgarten.

Einer hat einen riesigen Laubbläser auf dem Rücken, der andere schwingt einen Rasenkantenschneider vor sich her und ergänzt das Geräuschinferno. Beide tragen Kopfhörer und hören vielleicht deshalb die Rufe aus den Fenstern über mir nicht.

Die alte Dame aus dem Dachgeschoss ist wie gewohnt freundlich: „Hallo!!?? Haaaalloooo!!?? Wir frühstücken gerade.“ Ein zweites Fenster öffnet sich. Die Männer, vor allem der Laubbläser, triggern den inneren Klaus Kinski des an und für sich auch eher gelassenen Nachbarn über mir: „Hakts noch? Ick komm gleich runter und hau euch n paar uffs Maul!“

Unnötigste Erfindung seit dem Eierschneider

Ich verstehe den Missmut. Unser Vorgarten hat den Umfang eines großzügigen WG-Zimmers; den hätte man auch harken können. Überhaupt sind Laubbläser das Unnötigste, das der Mensch seit dem Eierschneider erfunden haben dürfte.

Kleintiere werden vertrieben oder gleich zerfetzt, Lebensraum für die Wintermonate wird zerstört, dem Boden werden Nährstoffe entzogen, Feinstaub wird aufgewirbelt und sicher gibt es noch mehr Gegenargumente.

Schon Cate Blanchett nannte Laubbläser den Inbegriff menschlichen Scheiterns. Sie seien ein Symbol für alles, was mit uns als Spezies nicht stimmt. Ich gebe ihr recht. Als ich am Nachmittag die Bühne des abgespielten Ein-Personen-Stücks „Mann mit Laubbläser“ begutachte, hat der Wind die Blätter wieder genau dorthin zurückgeweht. Was für eine Tragödie.

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