Hohe Auszeichnung für Bertelsmann-Verleger Frank Wössner

Deutsche Juden und ihr geistiges Erbe

Peter Pragal
3 Min

Seit mehr als 150 Jahren setzt sich B´nai B´rith für die Pflege und Verbreitung jüdischen Kulturlebens ein. Die humanitäre, überparteiliche Organisation führt jüdische Menschen unterschiedlicher Weltanschauung zusammen, pflegt den Gedankenaustausch mit der nichtjüdischen Umwelt und zeichnet Persönlichkeiten aus, die in herausragender Weise zur Verständigung beigetragen haben.Zu den Deutschen, die bisher von B´nai B´rith geehrt wurden, zählen vor allem Politiker: Willy Brandt, Helmut Kohl, Richard von Weizsäcker. Als erstem deutschen Buchverleger ist jetzt dem Vorstandsvorsitzenden der Bertelsmann Buch AG, Frank Wössner, die "Goldmedaille für humanitäre Verdienste" verliehen worden. Sie wurde ihm für sein Wirken für die Wiederbelebung des geistigen Erbes des deutschen Judentums zuerkannt.Festakt in MünchenBei einem Festakt am Montag abend in München würdigte der Ehrenvizepräsident des B´nai B´rith Kontinentaleuropa, Ernst Ludwig Ehrlich, vor rund 200 geladenen Gästen Wössners verlegerisches Engagement bei der Edition einer Leo Baeck-Werkausgabe und der Herausgabe einer deutsch-hebräischen Ausgabe des "Jüdischen Gebetbuches". Mit den beiden, erst vor kurzem herausgekommenen Bänden sei das liberale Judentum "als wesentliche Alternative zu dem bisherigen für jeden sichtbar neu erstanden".Der frühere FDP-Vorsitzende und Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher sagte in seiner Laudatio, die Dämonen des Antisemitismus, der Fremdenfeindlichkeit und der Intoleranz seien noch immer nicht gebannt. Umso wichtiger sei es, die Erinnerung an die Vergangenheit wachzuhalten, "damit sie sich nicht wiederholt". Versöhnung sei ohne Erinnerung nicht möglich. "Deshalb müssen wir Deutschen, Juden und Nichtjuden, und wir Deutsche und Israelis immer wieder Brücken bauen über die Abgründe der Vergangenheit". Nach einem Jahrhundert der Gewalt und der Ideologie bestehe nunmehr die Chance, gemeinsam eine menschenwürdige Zukunft zu gestalten.Genscher verwies darauf, daß Wössner immer wieder zu einer vertieften Beschäftigung mit dem Judentum angeregt habe. Auf seine Initiative gehe die Veranstaltungsreihe "Jüdische Lebenswelten" zurück, die jährlich im Rahmen der Leipziger Buchmesse stattfindet.Der amerikanische Historiker Daniel J. Goldhagen, dessen kontrovers diskutiertes Buch "Hitlers willige Vollstrecker" im zu Bertelsmann gehörigen Siedler-Verlag erschienen ist, forderte einen entkrampften Umgang zwischen Juden und Deutschen, bei dem die Vergangenheit freilich nicht verdrängt werden dürfe. Kritische Freunde seien die besten Freunde.Die Zukunft gestaltenIn seiner Dankrede betonte Wössner, zwar sei Vergangenes nicht ungeschehen zu machen. "Aber wir können versuchen, aus diesen Erfahrungen eine Zukunft zu gestalten, die von Frieden, Toleranz, Humanität, Vielfalt und Freiheit geprägt ist." Diese Werte bestimmten auch das Lebenswerk des großen Rabbiners Leo Baeck, dessen Wirken auf Aussöhnung und Verständigung zwischen den Religionen und Kulturen ausgerichtet gewesen sei, sagte Wössner. Als man damit begonnen habe, Baeck durch eine auf sechs Bände angelegte Werkausgabe wiederzuentdecken, habe ihn Baecks Grundgedanke des ethischen Monotheismus tief beeindruckt. "Ein Gedanke, der im Kern nichts anderes besagt, als daß man Gott im Mitmenschen findet." B´nai B´rith wurde 1843 von deutschen Juden in New York gegründet. Der Organisation gehören rund eine halbe Million Mitglieder in mehr als 50 Ländern an, darunter in vielen Staaten des früheren Ostblocks.

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