Aller Anfang ist schwer, aber „Aufhören ist schwerer“, sagt Holger Friedrich am Mittwochabend in Magdeburg. Der Verleger der Berliner Zeitung und der Ostdeutschen Allgemeinen spricht damit aus, was die alten Genossen der SED bis zum Mauerfall 89 nicht wahrhaben wollten. Sie glaubten noch an den „gesetzmäßigen Sieg des Sozialismus“. Und auch heute, bald 37 Jahre später, halten Parteifunktionäre an ihren Glaubenssätzen fest, obwohl um sie herum Mauern bröckeln.
Zuletzt am Dienstag im Magdeburger Landtag, als erstmals ein Abgeordneter der AfD zum Präsidenten eines deutschen Landtags gewählt wurde – mit Stimmen des BSW und der CDU. Ist das ein Anfang oder ein Ende? „Anfang“, sagt Friedrich. Nun müsse man anfangen: „Angstfrei.“
„Hoffentlich gewinnen die Jüngeren“
Bei der Gesprächsreihe „Kopf und Kragen“ im ausverkauften Magdeburger Machwerk zeichnet Friedrich das Bild einer Gesellschaft, deren Konflikt längst nicht mehr zwischen Ost und West verlaufe, sondern zwischen Jung und Alt. Deutschland steuere auf eine „demografische Katastrophe“ zu, während Ältere ihre Lasten auf Jüngere abwälzten. Dabei fehle den Westdeutschen eine Erfahrung, die der Osten bereits gemacht habe: dass sich grundlegende Verhältnisse über Nacht verändern können.
Friedrich, der sich selbstironisch als „Salonkommunist“ bezeichnet und von einer klassenlosen Gesellschaft erzählt, sieht darin eine Stärke des Ostens. Dabei habe er nie vorgehabt, auf Bühnen zu sitzen. Nun sei er plötzlich „das Maskottchen für Ostdeutschland“. Dass die Erfahrung eines politischen Zusammenbruchs nicht überall vorhanden ist, zeigt sich für Friedrich besonders an der CDU, deren Strukturen an das „Politbüro“ erinnerten. Die Älteren hielten an ihren Vorstellungen fest, die Jüngeren rebellierten, weil sie um ihre politische Zukunft fürchteten. „Diesen Konflikt muss die CDU auskämpfen und hoffentlich gewinnen die Jüngeren.“
„Null Sympathien“ für „deutschnationale“ Strömungen
Und wenn demnächst auch die Schlüssel zur Staatskanzlei an die AfD gehen? Friedrich sieht darin die Chance, grundlegende Probleme anzugehen. Dabei ist er keineswegs ein Fan der Partei. Für „deutschnationale“ Strömungen habe er „null Sympathien“. Allerdings glaubt er, dass Politik und Medien alles unternehmen würden, um einen Erfolg der AfD zu verhindern. Sachsen-Anhalt brauche dringend Ideen gegen den Bevölkerungsschwund.
Woher kamen die Stimmen für die AfD? Aus der CDU, sagt die CDU
Die Folgen des politischen Stillstands zeigen sich für Friedrich bereits bei der jüngeren Generation. „Wie in der DDR“ verließen die Klügeren, Ambitionierteren Deutschland. Wer bleibe und keine Perspektive sehe, könne anfangen zu rebellieren. Wenn er jung wäre, würde er es ebenso machen, witzelt Friedrich. Auch 89 hätten sie in der DDR das Land angezündet, wenn der politische Umbruch ausgeblieben wäre. Entscheidend sei, dass die Perspektive für junge Menschen „irgendwie glaubhaft positiv“ sei.
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