Als der Solidarbeitrag beschlossen war, legte mir mein Westberliner Cousin sehr ernst die Hand aufs Knie und sagte mit belegter Stimme, dass er ja jetzt auch für mich bezahlen müsse. Im Hintergrund seiner Melancholie lauerte ein nunmehr realiter verteuerter Segeltörn. Mein Cousin wusste nicht und wollte bis zum Schluss des Gesprächs nicht recht glauben, dass ich den Beitrag genauso wie er abführen muss. Wir schieden etwas stiller als sonst. In einer Boutique am Savignyplatz äußerte eine bebende Kundin, dass die drüben "mit unserem Geld ihre Straßen ausbauen" sie sprach vom Osten wie von einem gierigen Schlund, wie von einem anderen Planeten, dessen Straßen sie zu passieren nicht bereit wäre. Und in einem "Spiegel" im Frühjahr dieses Jahres stand als Fazit eines längeren Textes die resignierte Feststellung, der Osten sei "nicht totzukriegen". Hoppla, wir leben noch. Sie merken nicht, wie sie von ihren neuen Deutschen sprechen. Sie rechnen nicht damit, dass wir das auch lesen und sehr wütend sind. Seit ich vor knapp zehn Jahren Westen wurde, bin ich niemals ganz das Gefühl losgeworden, meine Existenz verteidigen zu müssen. Diese taxierenden Blicke: He, früher Stasi? Oder SED-Mitglied? Irgendwie Staatsnähe? Oder wenigstens Mitläufer? Heutzutage Klotz am Bein wegen der verluderten Straßen und der Milliarden für den Aufbau Ost? Ein ständiger, vermutlich manchmal selbst produzierter Rechtfertigungsdruck umklammerte die Kontaktnahme in den Gesprächen mit Westdeutschen die niemals in die Lage kamen und kommen werden, jede Karriereentscheidung, Vorteilssuche und Überlebensstrategie einer misstrauischen Öffentlichkeit und dem eigenen Gewissen erklären zu müssen. Zu müssen. Das ist vielleicht der große Unterschied. Aber auf der ganzen Welt ist jede Individualität reicher als das politische System, in dem sie lebt. Der Einzelne kann meistens entscheiden, ob er innerhalb der Pfosten seiner gesellschaftlichen Ordnung ein Blumenbeet anlegt oder einen Kartoffelacker oder die Vorstellung seiner Oberen für die Nutzung abwartet. Kein Westdeutscher würde es akzeptieren, als Person und Charakter auf seine Lebenszeit unter Helmut Kohl reduziert zu werden. Aber der Ostler, den launige Gemüter neuerdings wieder "Zoni" nennen, bleibt ein Kind des "SED-Regimes". Unerwachsen. Schwierig. Sozial gestört. Nach zehn Jahren hat ein Schüler die Grundrechenarten und die Alphabetisierung hinter sich und bereitet sich, wenn er begabt ist, auf die höhere Laufbahn vor. So weit sind wir Ostler jetzt. Dass es in den neuen Bundesländern hundert Mal weniger Millionäre gibt als in der alten Bundesrepublik, klingt zwar noch ein bisschen nach Unterschied, aber weil im Westen das große Geld aus Erbschaften kommt, hilft hier vielleicht Geduld. Heute debattiert der Deutsche Bundestag über den Aufbau Ost. Wir werden beeindruckende Zahlen mit vielen Nullen hören. Und, ohne jede Ironie, dankbar sein wie für die Westpakete, die man am Duft erkannte. Aber wie erkennt man den Osten, wie findet man ihn, wo spielt er mit? Wie eine Krämerin beuge ich mich über die seitenlange Passfotoleiste im "Stern", auf der an die hundert deutsche Persönlichkeiten gegen den Machtmissbrauch in Brüssel protestierten und so von ihren Bürgerrechten Gebrauch machten. Ich zähle die Ostgesichter. Vier. Immer häufiger unterliege ich diesem sonderbaren Zählzwang. Muss man wirklich "Super-Illu" lesen, um alte und neue Osthelden zu entdecken oder das "Frühlingsfest der Volksmusik" ansehen? Gibt es einen Politiker aus dem Osten, der ähnlich eindrucksvoll auf den Tisch haut und gehört wird wie beispielsweise der Wahlsachse Kurt Biedenkopf?Kein Ostarchitekt hat am Potsdamer Platz gebaut. Und wenn man nach den Sternen greift und sich fragt, welcher Ostdeutsche es zu Weltberühmtheit gebracht hat, dann kaut man lange an den Nägeln und landet bei Kati Witt und Kurt Masur. Das ist aber schon länger her. Ingo Schulze, der Autor von "Simple Storys", kam kürzlich auf eine Liste der wichtigsten Autoren des 21. Jahrhunderts, als einziger deutscher Autor. Ein tröstlicher Vorausgriff. Wenigstens einer aus dem Osten hat es nach der Wende geschafft, mit Talent und seiner Herkunft aus der Wundertüte DDR. Und Thomas Brussig haben wir auch noch. Es geht los.Sie merken nicht, wie sie von ihren neuen Deutschen sprechen. Sie rechnen nicht damit, dass wir das auch lesen und sehr wütend sind.
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