Horst Seehofer wird Vorsitzender der CSU und Ministerpräsident von Bayern. Er profitiert von der Krise der CSU. Nun muss er sie nur noch lösen

Er oder keiner

Jörg Michel Daniela Vates
8 Min

BERLIN. Horst Seehofer steht in einem Gang und plaudert mit Journalisten. Landtagsabgeordnete schieben sich an der Gruppe vorbei. Sie blicken misstrauisch auf die Runde, auf den lachenden Seehofer. "Geh beten!", zischt ihm einer zu. Es klingt nicht freundlich. Es ist Januar 2007, Edmund Stoiber steht kurz vor dem Rücktritt. Seehofer gilt als Krisenprofiteur. In ein paar Stunden wird aus der CSU die Nachricht gestreut, dass er nicht nur eine Frau, sondern auch eine schwangere Geliebte hat.Fast zwei Jahre sind vergangen. An diesem Mittwoch nun schiebt sich Seehofer durch einen Gang des bayerischen Landtags, vorbei an Journalisten in den Fraktionssaal der CSU. Er lächelt in sich hinein.Er ist am Ziel, sogar darüber hinaus. Parteivorsitzender hat er immer werden wollen, den Job hat ihm die CSU schon letzte Woche versprochen. Jetzt wird er auch noch der nächste bayerische Ministerpräsident. Die anderen Bewerber haben aufgegeben, noch vor der Abstimmung. Die, die ihn noch vor anderthalb Jahren zum Beten geschickt haben, können nun nur noch ihn wählen oder keinen.Es hätte einfachere Zeiten gegeben für so einen Job als die nach dem Verlust der absoluten Mehrheit im Landtag. Doch Seehofer ist kein Mann der Selbstzweifel, er hat sich immer viel zugetraut und er hat das auch gesagt. Er hat Huber und Beckstein nach dem Stoiber-Sturz gesagt, dass er ihnen die Führung von Land und Partei nicht zutraut. Er hat Journalisten gesagt, er sei jung genug, um auch nach der Doppel-Spitze noch eine Chance zu haben. Mit einem Lächeln hat er das gesagt, so dass er sich jederzeit hätte retten können in die Erklärung, er habe das ja nicht ernst gemeint.Nun übernimmt Seehofer die CSU in der tiefsten Krise ihrer Geschichte. Er muss seine Partei daran gewöhnen, mit einem Koalitionspartner zu regieren. Ohne diese Krise hätte Seehofer den Aufstieg wohl nicht mehr geschafft.Nun profitiert er von der Sehnsucht nach den alten Zeiten, der Sehnsucht nach einem starken Mann. Er profitiert davon, dass die Wahlschmach dem Doppelspitzensystem Huber und Beckstein zur Last gelegt wird, obwohl der Unmut der Wähler noch aus der Zeit des allmächtigen Edmund Stoiber herrührt. Er profitiert auch davon, so einfach ist es manchmal, dass er größer und kräftiger ist als das Vorgänger-Duo. Mit seinen mehr als 1,90 Metern lässt sich die CSU-Vorstellung von einem starken Auftritt eher verbinden als mit Anführern, auf die viele Parteikollegen hinabschauen konnten.Seehofer profitiert auch von seiner eigenen Geschichte: Er hat so viele Rückschläge erlitten in den vergangenen Jahren, er ist so oft abgeschrieben gewesen und doch wieder zurückgekommen. Er ist nach einer schweren Herzerkrankung in die Politik zurückgekehrt, er hat im Streit um die Unions-Kopfpauschale den Posten als Vize-Fraktionschef niedergelegt. Bei der folgenden Bundestagswahl 2005, die ein Desaster war für die Union, hatte er das zweitbeste CSU-Ergebnis und wurde gegen den Willen von Angela Merkel Minister. Er hat ein uneheliches Kind gezeugt und sich nicht vor Scham zurückgezogen, sondern für den Parteivorsitz kandidiert vor einem Jahr. Er hat diese Abstimmung verloren, aber wie sich jetzt zeigt, nur vorübergehend.Diese Wiederauferstehungs-Fähigkeit würde die CSU nur zu gerne auf sich übertragen wissen. Der Verlust der absoluten Mehrheit, so ist die Hoffnung, könnte dank Seehofer eine Episode bleiben.Nun ist es so, dass Seehofer nicht nur profitiert. Er ist zur Zeit tatsächlich der stärkste Politiker, den die CSU zu bieten hat, zumindest in seiner Altersklasse. Seehofer war jahrelang Minister, erst unter Helmut Kohl, jetzt unter Merkel. Er ist der Gesundheitsexperte der Union, auch wenn er inzwischen Agrarminister ist. Er hat im Sozialbereich fast etwas ikonenhaftes, ein wenig so wie Friedrich Merz, der sich zwar zurückgezogen hat aus der Politik, aber seit seiner Bierdeckel-Steuerreform-Idee als Finanzguru der CDU gilt.Und die, die Seehofer "Herz-Jesu-Sozialist" schimpfen und die um den Zuspruch beim Wirtschaftsflügel der CSU fürchten, haben sich in den vergangenen Tagen überzeugen lassen von Seehofers strategischem Geschick. Er hat sie alle reden und kandidieren lassen. Er hat Beckstein intern seine Loyalität versichert und sie ihm am nächsten Tag wieder entzogen, weil die Lage sich eben geändert hatte. Seine Anhänger haben telefoniert, haben Interviews gegeben. Für Seehofers Konkurrenten hat sich öffentlich kaum jemand ausgesprochen, obwohl es Unterstützer gab. Langsam haben sich also alle nach Seehofer ausgerichtet, wie Eisenspäne nach einem Magneten. So funktioniert die CSU: Dort wo die Macht ist oder vermutet wird, sind die Sympathien.Für den, der der Magnet ist, ist es leicht, in so einer Situation die Bodenhaftung zu verlieren. An Edmund Stoiber war das zu spüren. Und auch jetzt gibt es Leute in der CSU, die sagen, Seehofer dürfe nicht glauben, er sei der Messias. Allerdings sollte auch die CSU selbst nicht glauben, dass Seehofer das ist.Seehofer selbst hat sich kaum öffentlich geäußert, und wenn, dann nur so diplomatisch, dass es schon fast unangenehm war. Schon kurz vor der Wahl, als die Umfragewerte seiner Partei abstürzten, ist von ihm plötzlich nichts mehr zu hören gewesen. Es war, als habe er sich schon vorbereitet auf den Wechsel.Er hat sich als Ruhepol präsentiert in den Chaoszeiten der CSU und dafür gesorgt, dass es schöne Bilder gibt. Seehofer beim Beten auf der Kirchenbank, innig versunken trotz Dutzender Kameras um ihn herum. Er weiß sich zu inszenieren. Als Diva haben sie ihn deswegen in der CSU gerne geschmäht in den letzten Jahren, als einen, der sich in Szene setze zu seinem eigenen Nutzen, aber nicht zu dem der Partei. Jetzt nach den mageren Fernseh-Monaten mit Beckstein und Huber hoffen sie, dass der Glanz der Diva auf sie abstrahlt.Seehofer soll nun die alte Stärke der CSU wiederherstellen, er soll die Fehler der vergangenen Jahre wettmachen, er soll die Partei modernisieren und verjüngen. Er soll dafür sorgen, dass in Berlin nicht mehr gelacht wird über die CSU.Seehofer hat dann gestern auch gleich mal losgepoltert Richtung Berlin und mit dem Scheitern der Erbschaftssteuerreform gedroht. In die eigene Partei schickte er ein entgegengesetztes Signal : Der Stil der CSU werde sich ändern. Teamarbeit sei angesagt, nicht mehr "Befehl und Gehorsam". Genau das mit dem Befehl und Gehorsam haben sie allerdings bei Beckstein und Huber vermisst. Vielleicht sehnen sie sich bei der CSU auch genau nach dieser Überheblichkeit, der Selbstverliebtheit, die Edmund Stoiber zu eigen war und in anderer Weise auch Franz Josef Strauß. Sie wären damit gar nicht an der falschen Stelle bei Horst Seehofer.Das wird besonders deutlich, wenn man sich in seinem Berliner Ministerium umhört. "Der hat sich hier immer unterfordert gefühlt", sagt einer seiner Beamten. "Im Grunde sind wir hier viel zu klein, viel zu unbedeutend für ihn." Seehofer habe sein Amt als Agrarminister schon lange aufgegeben, spotten andere. Auch seine Feinde in Bayern haben das kritisiert: Die CSU habe bei den Landwirten besonders viele Stimmen verloren, obwohl sie den Bundeslandwirtschaftsminister stelle, hieß es da. Tatsächlich hat sich Seehofer in Berlin auch in den letzten Jahren lieber um die Gesundheitsreform und die Erbschaftsteuer gekümmert statt um Biokraftstoffquoten, Lebensmittelampeln oder Agrarprämien.Wie jüngst, als Seehofer in seinem Ministerium eine Gesprächsrunde zum Thema Uran im Trinkwasser empfängt. Mitten im Gespräch öffnet seine Sekretärin plötzlich die Bürotür. "Herr Minister, das Kanzleramt ist am Telefon, es würde Sie gerne sprechen." Seehofer hält einen Moment lang inne, schmunzelt und erklärt dann nicht ohne Dünkel. "Jetzt muss ich dem de Maizière wieder erklären, wie das genau mit der Krankenhausfinanzierung funktioniert. Die ist nächste Woche nämlich im Kabinett." Nachhilfe für den Kanzleramtsminister also, künftig kommt die aus der bayerischen Staatskanzlei und wird umso wuchtiger ausfallen.In seinem Ministerium hat man sich an Seehofers notorische Ausflüge in die weite Welt der großen Politik gewöhnt. Auch daran, dass sein Pressestab bisweilen mehr im Dienste der CSU unterwegs war als in Sachen Agrarpolitik. Obwohl das eigentlich die Aufgabe gewesen wäre. Seehofers Beamte reagieren mit Sarkasmus: "Wenn uns der Minister abhanden kommt, fällt das kaum ins Gewicht", spöttelt einer. Das politische Alltagsgeschäft führt seit dem Amtsantritt der großen Koalition vor drei Jahren ohnehin einer seiner Staatssekretäre.Da kann nicht überraschen, dass die meisten Verbraucherorganisationen, Umweltschützer und Industrievertreter die Beförderung Seehofers zufrieden zur Kenntnis nehmen. "Vielleicht kommt in die Sachpolitik des Hauses jetzt wieder mehr Schwung", sagt ein Vertreter der Verbraucherzentralen. Ob Energiepreise, Fahrgastrechte, Anlegerschutz - häufig war der Minister, oberster Sachverwalter von Millionen Verbrauchern, gar nicht präsent oder mit widersprüchlichen Signalen.Wie beim Reizthema Gentechnik. Da gibt es zwei Seehofers. Der eine, der bayerische, wetterte im Landtagswahlkampf als CSU-Politiker vor den Landwirten gegen den Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen, weil das in seiner Heimat eine ziemlich unpopuläre Sache ist. Der andere, der bundespolitische, erleichterte als Agrarminister den Anbau von Genpflanzen per Gesetz und ließ immer neue umstrittenen Sorten zu, weil ihm die forschungsfreundliche Bundeskanzlerin drängte. Oder bei der Kennzeichnung von Lebensmitteln. Erst lehnt er eine so genannte Ampel mit Vehemenz ab, mit der sich die Kunden leichter über die Inhaltsstoffe von Produkten informieren können. Als klar wird, dass die meisten Deutschen genau das haben wollen, tut er so, als habe er höchstselbst die Ampel erfunden. Politische Biegsamkeit nennen das die einen, Opportunismus die anderen.Seehofer muss seinen bayerischen Weg schnell finden, denn die Anziehungskraft von Magneten ist auch in Bayern endlich: Wenn die CSU bei der Europawahl im kommenden Jahr versagt, ist nach dem Mythos CSU auch der Mythos Seehofer dahin. Bei der Abstimmung in der Landtagsfraktion bekommt Seehofer am Mittwoch 82 Prozent der Stimmen. In der CSU ist so ein Ergebnis eine Warnung.------------------------------"Basta wird es nicht geben." Horst Seehofer------------------------------Foto: Horst Seehofer am Mittwoch in München, vor der Sitzung der CSU-Sitzung. Am Ende dieser Sitzung bekommt er 82 Prozent der Stimmen.

Open Source

Open Source

Sie haben etwas zu sagen? Senden Sie uns Ihren Text! 

Einreichen
Open Door

Open Door

Sie möchten ein Thema vorschlagen? Senden Sie uns Ihren Vorschlag!

Vorschlagen
Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]

Lesen Sie mehr zum Thema
weltbune Banner