Innovation

IBB-Chef Holm: „Zum ersten Mal spüren wir heute echten Druck“

Hinrich Holm, Chef der Investitionsbank Berlin, sagt: Die Aufteilung der Welt bleibt nicht so wie sie ist. Das hat gravierende Folgen für Berlin.

Michael Maier
10 Min
Hinrich Holm

Hinrich Holm

© Berliner Zeitung/Paulus Ponizak

Angesichts der Weltlage ist seine Einschätzung zu Berlin überraschend: „Insgesamt ist die Stadt in der wirtschaftlichen Entwicklung gut und da mache ich mir auch keine Sorgen“, sagt Hinrich Holm. Wir treffen den Vorstandschef der Investitionsbank Berlin (IBB) zum Interview in seinem Büro. Holm kann seine Zuversicht begründen und erklärt, wie sich Berlin verändern muss. Den er sagt deutlich: Im globalen Wettbewerb haben wir einiges zu verlieren.

Vor 20 Jahren gab es in Berlin einen Start-up-Hype. Ist Berlin heute immer noch eine Start-up-Stadt?

Ja, aber das Ökosystem ist erwachsen geworden. Vor 20 Jahren arbeiteten rund 18.000 Menschen in Berliner Start-ups, heute sind es in der aktuellen Gründungskohorte 56.000. Die Digitalwirtschaft insgesamt – also einschließlich der ehemaligen Start-ups, die heute etablierte Unternehmen sind – zählt rund 145.000 Beschäftigte und ist damit der zweitgrößte Sektor nach der Gesundheitswirtschaft. Das erklärt auch, warum wir im BIP-Wachstum rund einen Punkt über dem Bund liegen.

Wie ist denn das Verhältnis Digitalwirtschaft zu „normalen“ Start-ups?

Wir müssen das als Ökosystem verstehen. Die Grenzen sind dabei oft fließend. Fintechs, darunter auch Neobanken, gehören teilweise zur Digitalwirtschaft, teilweise aber auch zur Finanzwirtschaft. Wir schauen, wo einzelne Bereiche unseres Start-up-Ökosystems eine spezielle Begleitung brauchen. Wir haben mit einer Marktkapitalisierung unserer Fintechs von 22 Milliarden Euro eine signifikante Größenordnung und das bezogen auf die aktuelle Gründungskohorte. Das entspricht schon einer Frankfurter Großbank. Wir haben daher das House of Finance & Tech (kurz HoFT) gegründet, eine Art Kontakt- und Ideenbörse.

Für den Biotech-Bereich haben wir den Messe-Ansatz gewählt: Auf der „bio:cap“, dem neuen internationalen Life-Science- und AI-Investival, das vom 9. bis 11. Juni 2026 in Berlin Premiere feierte, geht es darum, Gesundheitswirtschaft und Start-ups mit Deep Tech zusammenzubringen.

Ein dritter wichtiger Bereich ist DefTech, also Verteidigung und Sicherheit. Wir werden in Berlin direkt keine Waffen produzieren, aber wir haben relevante Dual-Use-Technologien, die hoch nachgefragt sind. Vieles kommt aus unseren Universitäten. Über Ausgründungen müssen wir den Zugang zu den Förder- und Beschaffungsmitteln schaffen, die die Bundeswehr in Berlin vergibt.

Auch beim Thema KI gehen wir sehr pragmatisch vor. Man könnte sich ja fragen, warum Deutschland und vielleicht auch Berlin es verpasst haben, Large-Language-Modelle und KI zu entwickeln. Das ist vergossene Milch. Wir konzentrieren uns auf die Anwendung von KI. Das ist eine klassische deutsche Ingenieursspezialität.

Aber wer hat am Ende die Macht dann im Unternehmen und damit auch die Finanzkontrolle – die KI oder die Anwendung? Ist die KI eine Commodity oder wie?

Auf absehbare Zeit werden wir bei leistungsfähigen Large-Language-Modellen auf US-Anbieter angewiesen sein. Die eigentliche Wertschöpfung entsteht aber oft in der Anwendung. Deshalb schauen sich die Start-ups sehr genau an, für welche Anwendung sie welche Komponente brauchen. Und die bauen ihre Lösungen so auf, dass sie perspektivisch auch auf europäische Large Language Modelle wechseln können.

Open Source

Open Source

Sie haben etwas zu sagen? Senden Sie uns Ihren Text! 

Einreichen
Open Door

Open Door

Sie möchten ein Thema vorschlagen? Senden Sie uns Ihren Vorschlag!

Vorschlagen

Wird es ein europäisches Modell geben?

Es ist ja heute schon die Schwarz-Gruppe mit einem großen Modell dabei. Die Franzosen haben mittlerweile ein Angebot draußen. Die Szene glaubt, dass wir drei bis fünf Jahre brauchen, bis man die Lücken so geschlossen hat gegenüber den großen amerikanischen Hyperscalern.

Der Ansatz ist allerdings auch riskant: In der Medien- oder in der Auto-Branche hat man anfangs auch gesagt, Software ist eine Commodity. Heute sitzen Amerikaner oder Chinesen am Steuer.

Zum ersten Mal spüren wir heute echten Druck. Vor fünf Jahren haben alle gedacht, dass die Aufteilung in der Welt so bleibt wie sie ist. Warum sollten wir uns mit etwas beschäftigen, was sich nicht ändert? Heute merken wir: Das kann uns plötzlich weggenommen werden. Natürlich kann ein amerikanischer Präsident kommen, der sich wieder in Richtung Europa bewegt. Aber im Augenblick müssen wir auf eigenen Beinen stehen.

Hat also die Regierung Trump einen unmittelbaren Impact auf die Art, wie die Start-ups oder wie die Digitalbranche in Berlin konkret arbeitet?

Ja, absolut. Auf der geopolitischen Seite guckt sich jeder genau an, wo er seine Daten hat und wie er seine Daten managt. Dazu kommt: Wir merken, dass Talente den Weg mehr nach Europa suchen. Wir in Deutschland waren schon immer stark in der Grundlagenforschung in den Universitäten. Talente kommen jetzt verstärkt nach Berlin.

Talente sind das eine, aber das andere ist doch auch die Frage, wo ist das Kapital, wo ist das Geld?

Die Thematik Geld, Risikobewusstsein, aber auch die Bereitschaft, Kapital mit entsprechendem Risiko einzusetzen, ist in Amerika viel stärker ausgeprägt als in Europa. In so einem Start-up-Lebenszyklus passiert dann häufig Folgendes: Wir bringen in Berlin ein Start-up sehr gut aus der Hochschule heraus, mit einer Vorfinanzierung, einer Startfinanzierung und der ersten Kapitalisierung. Dann kommt die Series-A-Runde, da gehen wir noch mit. Am Ende der Series B können wir es noch positiv begleiten, aber es ist nicht mehr das, wo wir uns wirklich sehen. Jetzt wird es aber schwierig. Wer macht die Series B und wie kriegen wir es hin, dass die strategischen Unternehmen, die auch wirklich Interesse haben, in Europa weiter zu Hause zu sein, hier auch ihr Geld finden?

Das zweite Thema ist der Exit. Der Gründer muss entscheiden: Gehe ich an den Aktienmarkt, also über einen IPO, oder finde ich einen Strategen? Aktienmarkt und IPO, das ist nicht Europa, das ist nicht Deutschland. Es ist ja interessant: SpaceX ist auf die Schirme gegangen und einer der großen Platzierer für SpaceX-Aktien ist Trade Republic. Da fragt man sich, ja, Moment mal, warum kommen die Arrangeure eines solchen IPOs ausgerechnet auf eine Neobank in Berlin? Bei den Exits an Strategen sehen wir gerade sehr wenig Bewegung, weil die Strategen – also die Industrie – selbst so stark im Umbau sind. Sie haben sich die Karten noch nicht gelegt, wo sie eigentlich investieren wollen.

Ein Problem an den Aktienmärkten ist die massive Manipulation. Sehen Sie das auch so?

Ich bin froh, dass ich in Amerika aktuell nicht in der Aufsichtsbehörde SEC arbeiten muss. Es gibt allerdings noch ein zweites Phänomen, wo man hingucken sollte. Wir haben ja ein paar Bewertungen da draußen, wo man sich fragt: Wenn alle mal ihre Aktien zu dem Wert wieder verkaufen wollten, geht das überhaupt? Und die Antwort ist ganz klar: Nein. Die innere Ertragskraft der Unternehmen ist nicht so, dass sie über eine Dividende auch einen Rentenplan bedienen kann.

Durch die Manipulationen haben die großen Amerikaner die Finanzkraft, die Mitbewerber zu schlucken. Wir sehen das ja gerade bei Delivery Hero, die jetzt verkauft werden sollen. Die Folge wird sein, dass letztlich dann der größere den kleineren schluckt. Sehen Sie das mit einer gewissen Sorge?

In der Start-up-Szene würde man sagen, die 2010er-Jahre waren dominiert vom B2C-Geschäft und die 2020er-Jahre werden stärker im B2B-Geschäft liegen. Verkaufsgespräche wie bei Delivery Hero kommen daher, dass sich andere angucken, wie sie über Synergien den Wert noch weiter steigern können.

Dann werden allerdings ganz viele Programmierer und Coder, Berlin wie moderne Nomaden wieder verlassen. Wie sehen Sie denn diese fluktuierende Start-up-Szene?

Wer in der Start-up-Szene etwas bewahren will, der hat schon verloren. Berlin hat sich und wird sich immer wieder neu erfinden. Wir sind nach wie vor hochattraktiv über die Forschungsinstitute und die Universitäten. Aber wir haben keinen Bonus. Wir kämpfen zum Beispiel beim Thema Wohnraum. Wir müssen mehr Wohnraum schaffen.

Und genau in der Situation wird von Enteignung gesprochen. Wie finden Sie das?

Das wäre eine ganz schlechte Idee, weil es für den Standort ein Signal sendet, dass Kapital hier nicht unbedingt sicher ist. Das ist auch für die Start-up-Szene ein schlechtes Signal. Deswegen versuchen wir, auch gemeinsam mit anderen Banken und Verbänden, sehr klar zu machen, was das für Nebenwirkungen hätte. Denn das ist nicht immer jedem bewusst. Wir verstehen schon, dass es in Berlin ein Wohnraumproblem gibt, das gelöst werden muss. Aber jemandem die Wohnung wegzunehmen, schafft keinen neuen Wohnraum für Wohnungssuchende.

Wie ist das Verhältnis von kommunalen Wohnungen und dem freien Markt?

Wir haben etwa ein Drittel sozialen Wohnungsbau und zwei Drittel freier Markt. Allein im letzten Jahr haben wir mit dem Land Berlin über 5000 geförderte Wohnungen mit einem Volumen von rund 1,3 Milliarden Euro genehmigt. Was die Regierung nicht lösen kann: Berlin wächst. Es kommen Ansiedlungen oder Start-ups hierher, die Wohnraum brauchen. Der Staat muss sich darum kümmern, dass günstiger Wohnraum da ist und muss die Bedingungen schaffen, dass privates Geld auch Interesse hat, Wohnraum in Berlin zu schaffen.

Ist das mit dem knappen Haushalt finanzierbar?

Die Regierung hat im Haushalt die anderthalb Milliarden für das soziale Wohnen nicht gekürzt, das ist sehr positiv. Das Problem ist jedoch: Wir müssen ungefähr zwischen 15.000 und 20.000 Wohnungen jedes Jahr bauen – und dazu brauchen wir die Privaten. Mit den Kommunalen, den Genossenschaften und den Kommunalnahen sind wir, ich sage mal, in einer Größenordnung von 8000 bis 10.000 Wohnungen unterwegs, also ungefähr bei der Hälfte. Wir haben außerdem ein weiteres Phänomen: Eigentlich sind unsere Bestandsmieten mit 7,50 Euro je Quadratmeter sehr niedrig. Wir kriegen keine Bewegung in den Bestand rein.

Ein weiteres Problem in Berlin ist, dass wir zwar viele Coder haben, aber zu wenige Klempner. Müsste die IBB nicht Start-ups aus dem Handwerk fördern?

Das machen wir bereits massiv. Das größte Problem ist die Nachfolgefrage. Deshalb hat das Land Berlin die Nachfolgezentrale ins Leben gerufen, die wir gemeinsam mit der Bürgschaftsbank Berlin unterstützen.

Das läuft dann so: Jemand steht bei einer Veranstaltung auf und sagt, ich habe hier einen Bäckereibetrieb und ich möchte jetzt mal eine Minute lang meinen Betrieb pitchen. Und dann sagt eine junge Bäckermeisterin, ich würde mich gerne mit euch unterhalten und es wäre mir ganz recht, wenn vielleicht eine Bank mitkommt. Oder jemand sagt: Ich möchte einen Installateur-Betrieb neu aufmachen, würde ich dann überhaupt in der Lage sein, Geld zu bekommen von irgendwelchen öffentlichen Töpfen? Klare Antwort: Ja, sowohl von uns als auch von der Bürgschaftsbank kann man sofort Kredite bekommen.

Allgemein gibt es einen gefühlten Pessimismus in der Wirtschaft – Stichworte Deindustrialisierung, Standort, Transformation. Wo sehen Sie Berlin da?

Das Wachstum verschiebt sich. Natürlich sieht die Langfristperspektive bei Handwerkern und den kleineren Betrieben anders aus als in der Start-up-Szene. Insgesamt ist die Stadt in der wirtschaftlichen Entwicklung gut und da mache ich mir auch keine Sorgen. Wir brauchen eher etwas für die Stimmung. Es ist gut, dass sich die Politik z.B. gerade durchringt, sich in die Internationale Bauausstellung, die Expo und Olympia reinzudenken. Die werden eher einen Nordstern liefern als alles andere.

Die geopolitische Gesamtlage, Stichwort Lieferketten, Energiepreise, macht Ihnen keine Sorgen?

Natürlich macht die mir Sorgen, aber jetzt muss man fair sein. Berlin ist nur zu sechs Prozent abhängig von der Industrie. Die Abhängigkeit Berlins von den Lieferketten ist überschaubar, sie ist nicht weg, aber überschaubar. Berlin hat eine höhere Fähigkeit, sich zu adaptieren. Unsere Wirtschaftssenatorin war gerade in Brasilien. Wir waren gerade in Indien und wir merken, dass man da relativ zügig Kontakte schließen kann, die andere Lieferketten bedienen.

Hinrich Holm ist promovierter Mathematiker und seit 2021 Vorstandsvorsitzender der IBB. Zuvor war er bei der Norddeutschen Landesbank, wo er zuletzt den stellvertretenden Vorstandsvorsitz innehatte und für die Investitionsbank Sachsen-Anhalt zuständig war. Vor seiner Rolle bei der IBB war Holm Geschäftsführer der WedemarkCapital GmbH und als Senior Advisor bei der Boston Consulting Group und Herax Partners aktiv.

Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]

Lesen Sie mehr zum Thema
weltbune Banner