ICH

Petra Schönhöfer
2 Min

Bootsfahrt auf der Spree - mir macht man doch nichts vor. Ich komme schließlich vom Rhein, dem Vater aller deutschen Flüsse. Genauer, vom Mittelrhein, einem Stück Weltkulturerbe. Mich auf einen Spreekahn zu verfrachten, ist in etwa so, als würde man jemanden mit Hochseepatent auf dem Gartenteich schippern lassen. Ha. Ich stolziere bei herrlichem Wetter an Bord.Okay, schwankt schon ein bisschen beim Ablegen. Ich lehne mich möglichst großspurig, aber doch wie zufällig über die Reeling. Dabei grinse ich meine Kollegen überlegen an. Kann ruhig jeder sehen, dass ich mich zu Hause fühle. Eine Spreefahrt, die ist lustig!Museumsinsel, Reichstag, Lehrter Bahnhof - groß und berühmt ist hier fast alles, und was neu ist, war besonders teuer. Mich beschäftigt etwas anderes. Statt auf die Sehenswürdigkeiten starre ich in die morastige Brühe: Nur mal angenommen, wir würden kentern, wie schnell würde ich die andere Seite erreichen?Gerade, als wir die CDU-Bundeszentrale passieren, beginnt es, gefährlich in meinem Magen zu rumoren. Klar, zu wenig gefrühstückt. Ich mache es wie die rotgesichtigen HSV-Fans auf dem Oberdeck, die alle große Seebären sind, dafür habe ich einen Blick, und bestelle Bier. Rumoren im Bauch wird aber nicht besser, stelle ich Nähe Willy-Brandt-Haus fest, war auch nicht der leere Magen, und ein Pils hilft nicht wirklich gegen Spreekrankheit. Innenohr meldet Gefahr an Verdauungssystem. Verkrampft grinse ich weiter.Am Bug des Schiffes stehen fidele Rentner in eierschalfarbenen Windjacken. Sie winken zum Ufer, schwenken Taschentücher, Sonnenhüte, Enkelkinder. Ihr Bild verschwimmt vor meinen Augen. Die haben gut lachen, denke ich, verbraten ihre Pension auf Reisen und sind auf den sieben Weltmeeren quasi zu Hause. Dann kann ich nur noch "Aus dem Weg!" kreischen.Nun ist der Magen wirklich leer. Wer hatte noch gleich die Pest an Bord? Spree, oh je. Schon wieder ein Wendemanöver. Landwehrkanal, Kreuzberg, Holzmarkt, endlich retour zur Jannowitzbrücke. Frauen und Kinder zuerst! Ich stoße Kollegen, HSV-Fans, Rentner und Enkelkinder aus dem Weg und erreiche als Erste das rettende Ufer. Fast so schön wie am Rhein. Vor allem vom Land aus.Petra Schönhöfer

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