Das Haus in der Bamberger Straße 25 in Schöneberg ist gar nicht leicht zu finden – weil es nicht mehr existiert. Im Krieg zerbombt. Anstatt vor einer schweren Gründerzeithaustür steht man heute vor einem Spielplatz. Nur die Ankündigung an einem Laternenmast weist auf die Verlegung der beiden Stolpersteine für Salli und Margarete Tarnowski (geb. Tomski) hin.
Sie wurden 1943 nach Theresienstadt deportiert und waren die Großeltern von Tommy Schweiger, der im Rahmen des Emigrantenprogramms des Berliner Senats zu Besuch ist, um an der Verlegung der insgesamt sechs Stolpersteine für seine Familie teilzunehmen.
Für den kurz vor dem Zweiten Weltkrieg in Schöneberg geborenen Schweiger wird die Verlegung der Steine zu einer Reise in die eigene Vergangenheit – und zu einem versöhnlichen Zeichen für die Zukunft, wie er selbst sagt. „Das ist ein Vermächtnis“, bemerkt er mit Blick auf die Steine und freut sich, dass seine Söhne Daniel und Mark ab jetzt für immer einen Ort hätten, an dem sie ihrer Familie gedenken können.
Gemeinsam mit Tommy Schweigers Ehefrau Heather sind auch sie mit nach Berlin gereist.
Rabbiner Andreas Nachama (l.) übernimmt für Tommy Schweiger und Ehefrau Schweiger das Kaddisch.
© Markus Wächter/Berliner Zeitung
Nachdem Rabbiner Andreas Nachama das Kaddisch, das jüdische Trauergebet, gesprochen hat, geht es weiter in die Aschaffenburger Straße 10/11. Dort werden die nächsten drei Stolpersteine verlegt. Für Schweigers Eltern Ilse und Erich – und sein eigener.
Alle drei konnten der nationalsozialistischen Verfolgung entkommen, doch vor seinem eigenen Stolperstein zu stehen, ist die Ausnahme, die die traurige Regel bestätigt.
Zwar erinnern Stolpersteine nicht nur an die Ermordeten, sondern auch an Menschen, die die NS-Zeit überlebt haben, doch einen von ihnen selbst vor seinem Stein stehen zu sehen, bleibt ein seltener Anblick. Und gerade darin liegt die große Bedeutung von Schweigers Besuch.
Ein Koffer voller Windeln und zehn Schilling
„Ich bin ein Berliner“, sagt Schweiger schmunzelnd, dabei kann er sich an seine ersten Monate in Berlin nicht erinnern. Als er im Dezember 1938 als „Dan“ Schweiger geboren wird, liegt die Pogromnacht nur wenige Wochen zurück. Dank der Kontakte seines Vaters zur britischen Botschaft, die dieser auch für andere jüdische Familien nutzte, gelingt der Familie kurz vor Kriegsbeginn Ende August 1939 die Flucht über Holland nach England.
Dabei habe sein Vater, so Schweiger, sogar mit Adolf Eichmann verhandeln müssen, der zu dieser Zeit die Vertreibung und später die Deportation der europäischen Juden organisierte. Bei ihrer Ankunft auf der britischen Insel besitzt die Familie nicht mehr als einen „Koffer voller Windeln und zehn Schilling“.
Schweiger hat seine Familiengeschichte in seiner Autobiografie „My Voice: Tommy Schweiger – And the Rest is History“ aufgearbeitet, die in Zusammenarbeit mit seinem entfernten Cousin Robert Tomski entstanden ist. Auch er ist bei der Verlegung der Stolpersteine anwesend, um die Familiengeschichte historisch und biografisch einzuordnen.
In seinem Buch rekonstruiert Schweiger nicht nur die Flucht seiner Eltern und sein eigenes Leben zwischen Deutschland und Großbritannien, sondern auch die Geschichte jener Familienmitglieder, die die NS-Zeit nicht überlebt haben. Die Arbeit an dem Buch führte tief in die eigene Vergangenheit hin zu den Wurzeln – und schließlich zurück an die Berliner Adressen seiner Familie.
Die letzte Station der Stolpersteinverlegung ist in Mitte in der Rungestraße 20, wo weitere Steine verlegt werden, unter anderem für Selma Schweiger, Tommy Schweigers Großmutter väterlicherseits.
Déjà-vu am Anhalter Bahnhof
Immer, wenn Schulkameraden von ihren Großeltern oder Tanten und Onkeln erzählten oder von ihnen Geschenke bekamen, bemerkte Schweiger, dass seine Geschichte eine andere als die der meisten war. Sein Vater rief ihn „Tommy“ und nicht mehr „Dan“, um nicht aufzufallen.
Der Name „Dan“ wurde seiner Mutter im Krankenhaus zugeteilt, das hätten die Nazis bei allen Juden so gemacht, erklärt Schweiger. „Wenn ich über meine Kindheit nachdenke, erinnere ich mich an das Gefühl von Unsicherheit“, ergänzt er.
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Nach Berlin zu kommen, ist für Schweiger nicht nur die Möglichkeit, das Hauptkapitel seines Lebens zu schließen, sondern auch die Chance „auf Heimat“. Nämlich diejenige, die Gott, oder das Schicksal, ursprünglich für einen vorgesehen hat.
Und am Vortag, vor dem Anhalter Bahnhof, stellte sich für Schweiger dieses langersehnte Gefühl endlich ein, wie ein Déjà-vu, das man sich selbst kaum erklären kann. Und vielleicht ist für Schweiger etwas wie Heimat eben genau das: nicht der Ort, an dem man sein gesamtes Leben verbracht hat, sondern der, an dem man mit dem Leben Frieden schließen kann.
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