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„Ich dachte, das ist das Ende“ – Ein Betroffener über die Schock-Diagnose Prostatakrebs

Prostatakrebs ist in Deutschland die häufigste Krebserkrankung bei Männern – die Geschichte eines Betroffenen und der aktuelle Stand der Forschung, beleuchtet von einem Experten.

Markus Keimel
Markus Keimel
7 Min
Prostatakrebs tritt vor allem im Alter vermehrt auf – Früherkennung ist somit besonders wichtig.

Prostatakrebs tritt vor allem im Alter vermehrt auf – Früherkennung ist somit besonders wichtig.

© Ryunosuko Kikuno/unsplash

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„Im April 2024 ging ich nichtsahnend zur Prostata-Vorsorgeuntersuchung. Bei der Testung des PSA-Wertes wurde schließlich festgestellt, dass es etwas nicht stimmt und ich erhielt die Diagnose Prostatakrebs“, erzählt Andreas Kaiser aus Lippe. Der 65-Jährige verlor wortwörtlich den Boden unter den Füßen. „Ich dachte wirklich, dass das nun das Ende ist. Meine Lebenserwartung laut Urologen: nicht mehr als fünf bis zwölf Jahre“, so der Betroffene. In Deutschland ist Prostatakrebs die häufigste Krebserkrankung bei Männern. Alleine im Jahr 2022 wurden fast 70.000 Neuerkrankungen gemeldet.

„Grundsätzlich sind allerdings gutartige Vergrößerungen der Prostata am häufigsten. Diese führen zu Beschwerden beim Wasserlassen wie etwa zu einem abgeschwächten Harnstrahl“, erklärt Prof. Peter Albers, Klinikdirektor der Klinik für Urologie am Universitätsklinikum Düsseldorf. Etwa 60 Prozent der 60-Jährigen hat diese Beschwerden, die auf die sogenannte „Benigne Prostatahyperplasie (BPH)“, also auf die Vergrößerung des Organs oder Gewebes durch abnorme Vermehrung der Zellen zurückzuführen sind. „Prostatakrebs hingegen macht keine Beschwerden und ist symptomlos, solange er auf das Organ beschränkt ist. Im frühen, heilbaren Stadium kann er nur durch eine Bestimmung des Blutwertes PSA (Prostata-spezifisches Antigen, Anm. d. R.) entdeckt werden“, so Albers.

Urologische Klinik des Universitätsklinikums Düsseldorf

Urologische Klinik des Universitätsklinikums Düsseldorf

© Schöning/imago

Probleme bei der Roboter-Operation

Behandlungs- und Therapiemethoden richten sich nach mehreren Faktoren und umfassen mehrere Möglichkeiten. „Je nach Alter des Patienten und Aggressivität des Tumors kommt eine aktive Überwachung, eine radikale Prostatektomie (komplette Entfernung der Drüse mit Samenblase, Anm. d. R.) oder eine Strahlentherapie infrage“, erklärt Albers. Wenn der Tumor allerdings gestreut hat, was bedeutet, dass sich Krebszellen vom ursprünglichen Tumor (Primärtumor) gelöst und sich in anderen Körperregionen oder Organen angesiedelt haben, so kommen Hormonpräparate als medikamentöse Therapie zur Anwendung.

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Eine zusätzliche Angst kommt bei Patienten häufig auf, wenn es um hinzukommende gesundheitliche Nebenerscheinungen geht, die eine zusätzliche Belastung bedeuten würden. „Grundsätzlich schränkt eine gutartige Vergrößerung der Prostata (BPH) die Sexualität nicht ein. Erst medikamentöse Krebstherapien wie die Hormontherapie haben Auswirkungen auf die Sexualität. Operation und Strahlentherapie können die Sexualität ebenso beeinträchtigen, was aber auch nicht immer der Fall ist“, erklärt der Experte.

Bei Andreas Kaiser kam es schließlich zu einem chirurgischen Eingriff, der anstatt Erleichterung allerdings erstmals den nächsten Schock mit sich bringen sollte. „Mir wurde die Prostata mit dem „Da-Vinci-Roboter “ – einem Operationssystem für Robotik-assistierte Chirurgie – entfernt. Allerdings kam es folglich zu schweren Komplikationen“, erzählt Kaiser. Bei der Operation hätte nämlich der Dünndarm Schaden genommen, worauf eine nächtliche Notoperation eingeleitet werden musste.

„Ich befand mich danach sogar eine Woche im Koma und war insgesamt dreieinhalb Wochen im Krankenhaus“, so der Betroffene. Danach wurde dem Patienten eine Hormonentzugstherapie verordnet, die Kaiser bis heute in Anspruch nimmt: „Leider wurden nur sechs Monate später neue Metastasen in der Nähe der Wirbelsäule gefunden, was eine Bestrahlung nach sich zog.“

Früherkennung entscheidet über weitere Lebensdauer

Immer wieder pochen Mediziner auf eine regelmäßige Kontrolluntersuchung ab 45 Jahren, die auch das Abchecken des PSA-Wertes beinhaltet. Denn: Prostatakrebs im Frühstadium ist heilbar. „Wenn Prostatakrebs früh genug erkannt wird, stirbt man nicht daran, weil man ihn gut behandeln kann. Etwa 18 Prozent der Männer werden aber – weil sie keine Früherkennung wahrgenommen haben – erst mit Metastasen diagnostiziert“, so Albers. Dann ist das Überleben insgesamt zwar verkürzt, aber Betroffene könnten dank neuer Medikamente mit metastasierter Erkrankung trotzdem noch viele Jahre leben.

Die Lebensqualität sinkt allerdings, sobald Metastasen behandelt werden müssen, weil dann Hormonpräparate genommen werden müssen. „Das heißt, mit einer Früherkennung wird nicht nur die Behandlung einfacher und besser, sondern auch die langfristige Lebensqualität bleibt besser erhalten“, sagt der Experte.

Bestrahlungsgerät zur Krebsbehandlung in einer Klinik

Bestrahlungsgerät zur Krebsbehandlung in einer Klinik

© Radek Petrasek/imago

Bei Andreas Kaiser hat die Lebensqualität aufgrund der sehr späten Erkennung seither drastisch abgenommen. „Ich habe über ein Jahr gebraucht, bis ich so einigermaßen wieder am Leben teilhaben konnte. Mittlerweile bin ich nicht mehr so belastbar, sondern eher schnell müde, da meine Batterien sozusagen nur noch bei 50 Prozent laufen“, sagt der Betroffene, der tagtäglich auch mit Schmerzen zu kämpfen hat.

Mit der Erkrankung ist er von Beginn an sehr offen umgegangen, was sein Umfeld aber massiv überfordert habe. „Auf Facebook habe ich deshalb eine Gruppe eröffnet, in der ich meinen Gefühlen freien Lauf lassen kann“, sagt Kaiser. Etwas, das ihm ob der getrübten Lebensperspektiven hilft: „Am Wichtigsten aber sind meine Frau und meine kleine Enkelin. Ohne die beiden hätte ich längst aufgegeben.“

Alter, Genetik und Hormone spielen große Rolle

Eine Frage, die Betroffene wie auch Kaiser stellen, ist jene, woher denn die Erkrankung überhaupt kommt. Eine Frage, auf die es leider keine klare Antwort gibt. „Der wichtigste Risikofaktor für Prostatakrebs ist das Alter. Denn unter 45 Jahren gibt es nur selten Karzinome“, so der Klinikdirektor. Aber auch die Genetik spielt eine Rolle, wenn es darum geht, eine familiäre Veranlagung zu haben. „Wenn der Vater oder der Bruder bereits Prostatakrebs haben, steigt die Wahrscheinlichkeit, selbst Prostatakrebs zu bekommen von zehn auf 50 Prozent“, so Albers.

Ebenso ist Testosteron (männliches Sexualhormon) von Bedeutung. Obwohl das Hormon für den Mann grundsätzlich sehr wichtig ist, da es die Entwicklung männlicher Geschlechtsmerkmale, das Muskelwachstum oder etwa die Sexualfunktionen reguliert, so fördert es allerdings auch das Prostatakrebswachstum im Alter. Bei einer bösartigen Erkrankung der Prostata ist die Hormonentzugstherapie, wie sie auch bei Kaiser zur Anwendung kommt, der Grundstein für eine medikamentöse Therapie metastasierter Erkrankungen.

„Ist der Krebs früh genug erkannt, braucht keine Hormonentzugstherapie stattzufinden, weil mittels Operation oder Strahlentherapie aggressive Tumore gut behandelbar sind“, sagt Albers. Harmlose Karzinome (erkennbar an der Gewebeprobe) müssten lediglich überwacht werden und werden nur dann behandelt, wenn sie aggressiv werden. Dies betrifft etwa 50 Prozent aller neu diagnostizierten Karzinome.

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Internet ist voller Fehlinformationen

Wer sich im Internet über Themen rund um die Prostata informieren möchte, stößt nebst seriöser Angaben auch auf eine Vielzahl von Mythen und Fehlinformationen. Beispielsweise steht zu lesen, dass ein erhöhter PSA-Wert automatisch Prostatakrebs bedeuten würde. Das stimmt laut Urologe Albers aber nicht: „Kontrollierte PSA-Erhöhungen sind sogar zu 70 Prozent nicht tumorbedingt.“

Dass nur alte Männer von Prostatavergrößerungen betroffen seien, stimme laut Albers hingegen bedingt. „Das mittlere Erkrankungsalter liegt bei 71 Jahren. Unter 45 Jahren gibt es sehr selten Prostatakrebserkrankungen. Über 70 Jahren gibt es häufig harmlose Prostatakrebserkrankungen. Ein einmalig mit 45 Jahren bestimmter PSA-Wert kann die individuelle Wahrscheinlichkeit, Prostatakrebs zu bekommen sehr genau vorhersagen“, so der Mediziner.

Das Fahrradfahren der Prostata schaden würde, ist ein Mythos.

Das Fahrradfahren der Prostata schaden würde, ist ein Mythos.

© Nurefsan Kosar/unsplash

Ein weiterer Mythos ist das Fahrradfahren, dass der Prostata angeblich schaden würde. „Das stimmt nicht. Allerdings erhöht es aber den PSA-Wert um zehn Prozent“, sagt Albers. Bedingt stimme, dass Kürbiskerne oder Sägepalme bei Prostataproblemen helfen. „Bei leichten Symptomen wie häufigem Wasserlassen und abgeschwächtem Strahl kann eine medikamentöse Therapie mit diesen Präparaten so lange erfolgen, bis die Beschwerden sich nicht mehr verschlechtern. Sie sind aber nicht prophylaktisch wirksam“, erklärt der Urologe.

Drei weitere Mythen, die laut Experten nicht einen Funken an Wahrheitsgehalt in sich tragen, sind jene, dass man im Stehen besser urinieren könne oder dass Geschlechtsverkehr oder Masturbation vor Prostatakrebs schütze beziehungsweise die Prostata sogar schädigen könne.

Markus Keimel ist freier Journalist, Künstler und Autor aus Österreich.

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