Bauhaus-Traum

Ein Haus in Dessau, ein Neuanfang: Christine Koschmieders Leben nach der Sucht

Als Christine Koschmieder die Suchtklinik verlässt, kauft sie sich ein Häuschen. Im Gespräch erzählt sie von ihrer Liebe zum Detail und von starken Frauen.

Katharina Schmitz
10 Min
Die Schriftstellerin Christine Koschmieder: Ihr Umzug nach Sachsen-Anhalt war auch eine politische Entscheidung.

Die Schriftstellerin Christine Koschmieder: Ihr Umzug nach Sachsen-Anhalt war auch eine politische Entscheidung.

© Markus Wächter/Ostdeutsche Allgemeine

Nach Jahren der Abhängigkeit, 21 Umzügen in 19 Jahren, vergangenen Lieben und drei erwachsenen Kindern an ihrer Seite, stellt sich für die Schriftstellerin Christine Koschmieder die Frage, wie ein anderes Leben aussehen kann – eines, das Bestand hat. Die Antwort sucht sie an einem entlegenen Ort, in einem Häuschen, das sie zu einem unschlagbar günstigen Preis erwirbt.

In ihrem neuen Memoir „Ein Haus für mich“ knüpft Koschmieder an den Erfolg von „Dry“ an und führt ihre persönliche Bestandsaufnahme fort. Im Gespräch erzählt sie vom Ringen um Nüchternheit, über gesellschaftlichen Zuschreibungen, die der ostdeutschen Provinz anhaften und von Freundlichkeit als unterschätzter Waffe.

Frau Koschmieder, Sie sind oft umgezogen in Ihrem Leben und wohnen jetzt in einem Ort in der Nähe von Dessau. Wie kam es denn dazu?

Mir fällt seit Jahren auf, wie wir auf eine bestimmte Art von der Stadt aus über politische Entwicklungen in der ostdeutschen Provinz sprechen – oft klischeehaft und verallgemeinernd. Ich bin auf dem Dorf groß geworden, mein Vater war Kommunalpolitiker. Irgendwann dachte ich: Es reicht einfach nicht aus, nur gelegentlich aufs Land zu fahren und danach in der Großstadt zu erzählen, was man dort alles Bizarres mit dem Busfahrer oder der Jugend erlebt hat. Wer Kultur gestalten und Erzählungen verändern will, muss Beziehungen eingehen. Mein Umzug in eine Kleinstadt in Sachsen-Anhalt war deshalb auch eine politische Entscheidung.

Sie haben dann gegoogelt und sich für diesen Ort entschieden?

Ja. Ich bin seit langem Dessau- und Bauhausfan. Vor vielen Jahren war ich mit einem Freund unterwegs, wir hatten uns verfahren und hielten an einem Parkplatz an der Elbe, nahe einem Friedhof. Aus Jux sagte ich: „Wenn ich jemals ein Haus kaufe, dann hier.“ Jahre später waren die Kinder ausgezogen, die Mieten in Leipzig stiegen und mir hat sich die Frage gestellt, was als Nächstes ansteht. Also gab ich bei Immoscout bewusst „Häuschen“ und den Namen der Stadt ein, weil ich dachte, für ein Haus reicht mein Geld nicht. Und dann tauchte genau dieses Objekt auf, über das ich in meinem Buch schreibe.

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Für 21.000 Euro, eine spektakulär niedrige Summe. Klingt nicht nach üblichen „Wessi-Geschichten“ über den Osten.

Ach Wessi-Geschichten gibt’s so viele verschiedene, wie es Wessis gibt. Ich war viele Jahre meines Lebens eher verschuldet, wie als Teil einer Überzeugung, ich dachte lange: Besitz bringt Unglück. Die Großmutter meines jüngsten Sohnes hat mir dann aber nahegelegt, mit wenigstens einen Bausparvertrag zuzulegen. In den ich dann fast zwanzig Jahre lang monatlich 60 Euro eingezahlt habe, und der dann passend zum Hauskauf auszahlungsfähig war.

Das Haus heißt offiziell Schifferhaus. Darunter stellen sich viele ein romantisches Häuschen am Wasser vor. Tatsächlich waren die Schiffer arme Leute, lebten in kleinen, dunklen Buden – eher wie spießige Reihenhäuser, ohne Garten, nichts für Familien. Deshalb war der Preis so niedrig und für mich überhaupt erst erschwinglich. Und als ich reinkam und die Pinguin-Aufkleber im Bad sah, das Ananas-Fensterbild an der Scheibe, dachte ich: Das ist es.

Wände rausreißen, umbauen, Entscheidungen treffen - die Haussanierung half der Schriftstellerin über den Abschied vom Trinken hinweg.

Wände rausreißen, umbauen, Entscheidungen treffen - die Haussanierung half der Schriftstellerin über den Abschied vom Trinken hinweg.

© Markus Wächter/Ostdeutsche Allgemeine

Mit einem Haus verbinden Sie eigentlich keine guten Erinnerungen. Wie kam dazu, dass Sie trotzdem eines wollten?

Auch wenn meine Kindheit nach außen hin ziemlich bürgerlich ausgesehen hat, Lehrereltern, großes Haus mit Garten, sah es hinter der Fassade anders aus, meine Mutter war psychisch krank, beide Eltern haben getrunken und sich fast allabendlich angeschrien. Was ich aus meiner Kindheit also mitgenommen habe, war, dass Geld, Ehe und Besitz Familien zerstören. Bezeichnenderweise habe ich das alles vermieden, nur den Alkohol als Coping-Strategie, den habe ich übernommen. Als ich dann vor fünf Jahren in einer Suchtklinik war, ist mir klargeworden: Nicht Ehe, Eigentum oder Geld sind per se verantwortlich für Unglück.

Sie haben dann festgestellt, dass am Haus noch Einiges zu tun ist, fünf Jahre dauerte die Sanierung und dann war da noch Ihr kleines Faible für Bauhaus-Design ...

Ich habe eine fast obsessive Leidenschaft für die Gestaltung von Räumen. Früher habe ich Theater gemacht – vielleicht kommt daher das Bedürfnis, Bühnenräume oder Lebensräume zu bauen. Egal, wie kurz ich eine Wohnung bewohnt habe, habe ich sie immer komplett umgestaltet. Bei diesem Haus war es etwas anderes: Hier konnte ich Wände rausreißen, umbauen, Entscheidungen treffen – und nichts musste rückgängig gemacht werden. Vielleicht ist es auch eine Form von Suchtverlagerung: Viele Menschen, die aus der Sucht kommen, entwickeln neue Obsessionen. Bei mir war es die Haussanierung, fünf Jahre harte körperliche Arbeit. Das hat mir über den Abschied vom Trinken hinweggeholfen.

Sie schreiben von einem Elektriker, der Sie ernst nahm, auch Ihre Obsession. Warum haben Sie zwei sich so gut verstanden?

Die Tochter der Vorbesitzerin hat ihr Wissen über das Haus und die örtlichen Verbindungen mit mir geteilt. „Hier ist die Liste der Handwerksbetriebe, die hier schon gearbeitet haben. Sagen Sie denen, Sie kommen von mir.“ Genau so habe ich es gemacht. Wenn die Handwerker klingelten, stand kein SUV vor der Tür. Ich kam selbst an die Tür, mit Lehmputz in den Haaren, immer am Werkeln, höchstens mit lackierten Fingernägeln. Sofort war klar: Wir haben eine gemeinsame Grundlage. Als der Elektriker mir eine neue Elektrik verordnet hat, weil die alten Leitungen nicht mehr gesetzeskonform waren, wollte ich Aufputzsteckdosen und Kippschalter. Er schaute mich an: „Das ist aber nicht billiger.“ Ich: „Nein, aber es gefällt mir.“ Dann begann er mitzudenken – und fand Lösungen, die ich mir sonst nie hätte leisten können.

Es sind keine originalen Bakelit-Aufputzsteckdosen, doch Bauhaus-Fan Kochschmieder wünschte sich eine vergleichbare Lösung – der Elektriker fand eine passende Alternative.

Es sind keine originalen Bakelit-Aufputzsteckdosen, doch Bauhaus-Fan Kochschmieder wünschte sich eine vergleichbare Lösung – der Elektriker fand eine passende Alternative.

© Markus Wächter/Ostdeutsche Allgemeine

Ihr Buch ist den Frauen aus Wolfen gewidmet, warum denn das?

Den Frauen aus Wolfen. Und aus Reppichau, Dessau und meiner eigenen Kommune. Mir fiel auf, wie sehr die Erzählungen über die ostdeutsche Provinz von Männern dominiert sind: AfD-Ortsbürgermeister, Straßenproteste. Die anderen Stimmen tauchen kaum auf. Beim Festival Osten, einem Theater- und Kunstfestival, habe ich „meine“ Wolfenerinnen kennengelernt, Frauen zwischen 50 und 83, wir haben monatelang zusammen geprobt und in der Zeit viel übereinander gelernt.

Viele hatten klassische Wendebiografien: Ausgebildet als Ökonom, Landwirt oder Baggerfahrer – und sie haben immer diese männliche Berufsbezeichnung verwendet –, später Umschulungen. All diese Brüche im Leben, die nach gängigen Narrativen einer der Gründe dafür sind, dass Menschen die AfD wählen. Aber keine dieser Frauen wählt AfD. Sie engagieren sich im Altenheim, im Frauenzentrum, sie retten Rehkitze. Sie passen in keine ostdeutschen Klischeeschablonen, und ich schreibe von ihnen als Korrektiv zu den Männererzählungen.

Was ist immer noch anders an den Frauen in der Ex-DDR?

Die Osteuropawissenschaftlerin Kristen Ghodsee beschreibt in „Warum Frauen im Sozialismus besseren Sex haben und andere Argumente für ökonomische Unabhängigkeit“, wie sich Paarbeziehungen im Sozialismus vom Kapitalismus unterschieden haben: Frauen waren materiell unabhängiger, sie brauchten keinen „Versorger-Mann“, insofern musste ein Partner schon menschlich etwas zu bieten haben. Das macht natürlich etwas mit den Leuten.

Ihr Schifferhäuschen hat keinen direkten Elbblick und auch keinen Garten. Aber im Hinterhof blüht ab dem Frühsommer Lavendel.

Ihr Schifferhäuschen hat keinen direkten Elbblick und auch keinen Garten. Aber im Hinterhof blüht ab dem Frühsommer Lavendel.

© Markus Wächter/Ostdeutsche Allgemeine

Sie schreiben von Zusammenhalt, wo erleben Sie Trennendes?

Entgegen vieler Narrative sind die Unterschiede zwischen Stadt und Land oft größer als zwischen Ost und West. Als viel stärker prägend erlebe ich soziale Herkunft, Bildung, Familienvorstellungen, ob der Bus fährt. Die Themen unterscheiden sich, abhängig davon, ob ich auf dem Land oder in der Großstadt lebe.

Schreiben ist ja Ihr Hauptberuf. Was bedeutet es für Sie?

Schreiben ist mein Handwerk, und trotzdem fühle ich mich manchmal weniger nützlich als der Elektriker. Gleichzeitig merke ich: In einem Umfeld voller verzerrter Narrative ist es gut, eine Geschichtenerzählerin zu sein. Früher reisten Gauklerinnen übers Land – manchmal sehe ich mich als fahrende Gauklerin, eine Närrin, die Geschichten sammelt und weitergibt.

Die Menschen hier wissen, wer ich bin. Gleich in meinem ersten Jahr hier stand ich auf dem Marktplatz, um bei einer Kundgebung gegen die AfD zu sprechen, oder als ein 80 Jahre altes hebräisches Gebetsbuch an die Erben aus Australien übergeben werden sollte, hat man mich gebeten, zu dolmetschen. Ich werde eingesetzt – nicht ständig, aber regelmäßig. Gleichzeitig bleibe ich eng mit Leipzig verbunden, ich will in Verbindung mit Menschen und Institutionen bleiben, die Gespräche weiterführen, die ich seit den 90er-Jahren führe.

Kreative Leidenschaft: Wie lange der Schreibtisch schon diese Farbe trägt, ist unklar – Christine Koschmieder übermalt immer wieder irgendetwas.

Kreative Leidenschaft: Wie lange der Schreibtisch schon diese Farbe trägt, ist unklar – Christine Koschmieder übermalt immer wieder irgendetwas.

© Markus Wächter/Ostdeutsche Allgemeine

Auf dem Land eine gar nicht so banale Frage: Wie wichtig ist Ihnen ein Auto?

In Leipzig hatte ich nie eins – Fahrrad und Teilauto haben gereicht. Aber Zementsäcke und Gasflaschen transportieren sich nicht so gut mit dem Rad. Wenn ich dauerhaft bleiben will, muss ich auch von hier wegkommen können, will Besuch vom Bahnhof abholen können. Ich hatte also in den ersten beiden Jahren ein kleines, altes Auto, bis ich es in einer finanziellen Engphase wieder verkaufen musste. Mit eingeschränkter Mobilität kann einen das Landleben schon zermürben.

Mehr als 20-mal umgezogen, ein Leben am Dispolimit. Hören Sie auch Besserwisserisches über Ihre Lebensplanung?

Ich bin mir eher selbst die schärfste Kritikerin. Das war wie ein Vertrag mit mir selbst: Du musst immer am Existenzminimum entlangrobben, weil Reichtum, Grundbesitz und Eigentum ja Unglück bringen. Nach außen sah ja auch alles okay aus, hinter der Kulisse war Improvisieren angesagt – Rechnungen schieben, Kleidung umnähen, für die Kinder im Schwimmbad kein Eis über 1,50 Euro. Ich war stolz auf meinen Lebensstil. Aber das war natürlich eine klassische Heldinnenerzählung, die ich mir eingeredet habe, als ich noch getrunken habe. Heute stimmt sie für mich nicht mehr.

Christine Koschmieder
Markus Wächter/OAZ

Christine Koschmieder

ist eine deutsche Schriftstellerin, Literaturagentin und Übersetzerin. Sie lebt in Leipzig und nahe Dessau. Ihr neues Buch „Ein Haus für mich“ erscheint Mitte März im Kanon-Verlag

Was wünschen Sie sich für Ihr Haus, Ihren Ort und die nächsten Jahre?

In einem halben Jahr stehen hier Landtagswahlen an. Wir machen uns gefasst auf die AFD als stärkste politische Kraft. Eine Partei, die das Landesmotto „modern denken“ durch „deutsch denken“ ersetzen will und das Bauhaus als undeutsch geißelt, wie schon 1932 die NSDAP. Das wird Konsequenzen haben für all diejenigen, die demokratische, Vielfalt pflegende, solidarische Räume offenhalten. Es geht jetzt darum, wenigstens die physischen Orte zu erhalten und zu schützen, die Orte für Begegnungen, Literatur, Theater und Solidarität. Wenn man das Prinzip der Prepper übernehmen möchte, könnte man es Kultur-Prepping nennen: vorbereitet sein auf den Ernstfall, damit das Leben und die Geschichten weitergehen.

Bleiben Sie eine Kämpferin?

Früher war Kämpferin eine Auszeichnung. Heute versuche ich, nüchtern zu bleiben. Und freundlich. Freundlichkeit ist eine unterschätzte Waffe, hat aber Grenzen. Nicht jede Tür muss offen bleiben. Bei manchen Menschen ist es okay, die Tür zu schließen.

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