Musik

„Ich fahr durch Wittenberg mit Bike und habe Gucci an“: Jassin aus Sachsen-Anhalt hat die Fragen satt

Jassin, 21, einer der spannendsten Musik-Newcomer des Ostens und des ganzen Landes, besingt in „Offensive“ die Verweigerung, der Welt die Politik zu erklären.

3 Min
Der Osten ist und bleibt seine Heimat: Rap-Liedermacher Jassin

Der Osten ist und bleibt seine Heimat: Rap-Liedermacher Jassin

© Yannis Konstantinos

Jassin rennt. Ein bisschen wie Lola im Tom-Tykwer-Film. Aber andererseits auch nicht. Denn Jassin spurtet mitnichten durchs Berlin des Jahres 1998. Sondern durch Sachsen-Anhalt in der Gegenwart.

Genauer gesagt: durch die Lerchenbergstraße in Lutherstadt Wittenberg. Dort zumindest setzt dort das Musikvideo zu Jassins neuer „Offensive“-Single ein. Die Kamera begleitet Jassin von der Seite, Cowboy-Shot, während synthetische Streicher an- und abschwellen, während sich ein Moby'esk verträumter Midtempo-Electro-Beat dazugesellt.

„Alle wollen in großer Stadt mit großen Autos fahren“, sprechsingt Jassin mit seiner markant melancholischen Charakterstimme. „Ich fahr durch Wittenberg mit Bike und habe Gucci an.“

Klingt auf den ersten Blick etwas alltgäglich-belanglos. Doch auch da steckt schon viel drin: Jassin, den 21-jährigen Liedermacher-Rap-Newcomer aus Wittenberg, zieht es offenkundig nicht in die Großstadt aka Berlin. Dicke Karren (traditionell Statussymbol im testosterongeladenen HipHop) haben es ihm auch nicht angetan.

Jassin zelebriert das legendäre DDR-Moped

Jassin bleibt lieber in seiner Heimat, bleibt in Sachsen-Anhalt. Schon sein Albumtitel „Arsenalplatz“ nahm Bezug auf den zentralen Ort von Wittenberg. Im Song „Simson S51“ zelebrierte der Sohn einer deutschen Mutter und eines ägyptischen Vaters zudem Landstraßenfahrten auf dem legendären DDR-Moped, das mittlerweile auch in AfD-Wahlkämpfen vereinnahmt wurde, etwa von Björn Höcke in Thüringen, zum Missfallen der jüdischen Simson-Gründerfamilie.

Jassin bringt sein Lebensgefühl als junger Mann im Osten straßenpoetisch auf den Punkt. Und doch will er wohl nicht der große Ost-Erklärer sein. Schon kürzlich beim Berliner Auftritt auf dem Pop-Kultur-Festival fiel es auf: Nur wenige Tage vor der Wahl in Sachsen-Anhalt erwähnte er die Politik mit keinem Wort.

Keine Politik? Das Private ist schon kompliziert genug

Dafür spielte er damals schon den nun erst offiziell veröffentlichten „Offensive“-Song. „Jeder will 'ne Antwort haben, ich habe die Fragen satt“, heißt es von Jassin darin auch. „Ich red ab jetzt nur noch mit meinem Bro, Mama und meiner Love.“

Eine Wende hinein ins Private. Ein bisschen Eskapismus vielleicht auch. Jassin (wenn man ihn denn zum lyrischen Ich im Lied in nahe Beziehung setzen möchte) gibt auf sich acht, statt sich öffentlich in politische Grabenkämpfe reinzusteigern.

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Manchmal ist das Private ja schon kompliziert genug, wenn man 21 ist. Oder 16 oder 96. Zudem weiß Jassin natürlich auch: Allein seine Präsenz als junger Ossi mit Migrationshintergrund ist gewissermaßen doch schon ein politisches Statement.

Und trotzdem hat Jassin von Wittenberg aus noch eine andere Message für die Welt: Manchmal wird man stärker, wenn man sich etwas zerbrechlich zeigt. Jassin ist ein neuer Typus Deutschrapstar. Dafür braucht er keine dicke Karre, keine Mackersprüche, kein Aggro Berlin. Und eigentlich noch nicht mal Gucci-Klamotten. Geile Reime reichen schon auf einem Beat.

Wer die aus Jassins Munde bewundern will, hat übrigens bald wieder Gelegenheit dazu: Am 8. Oktober spielt Jassin in Berlin-Neukölln im Huxleys Neue Welt. Motto: „Die Größere Arsenalplatz Tour“. Manchmal liegt Wittenberg dann eben doch in Berlin und in vielen Städten mehr – wenn Jassin sich und seine Lieder einfach mitbringt.

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