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„Wir waren die Undermodels“: Von stetem Hunger, Knebelverträgen und mächtigen Männern

Eine Doku über Jeffrey Epstein bringt unsere Autorin dazu, ihre Erinnerungen an ihr Leben als Model in Worte zu fassen.

Anaís Furtado
Anaís Furtado
6 Min
Unsere Autorin nennt Models auch Schönheitsarbeiterinnen.

Unsere Autorin nennt Models auch Schönheitsarbeiterinnen.

© Stefano Tinti/Imago

Dies ist ein Open-Source-Beitrag. Die Berliner Zeitung und die Ostdeutsche Allgemeine geben allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten.


Der Moment, in dem ich beschloss, mit dieser Geschichte anzufangen, kam beim Schauen einer Dokumentation über Jeffrey Epstein auf Netflix – dreißig Jahre nach meinem Debüt als Model. Ich fühlte mich diesen Geschichten erschreckend nah. Den Partys voller mächtiger Männer. Der Atmosphäre aus Reichtum und Verfügbarkeit. Und ich erinnerte mich daran, wie sehr mich all das damals bereits gelangweilt hatte.

Dann erschien plötzlich das Gesicht einer Frau auf dem Bildschirm. Ich kannte sie. War sie nicht ein Model aus meiner Zeit in Japan gewesen? Ich begann, in meinen Erinnerungen zu suchen. Ich habe ein fotografisches Gedächtnis für Gesichter. Ein Bild nach dem anderen tauchte auf, bis ich schließlich bei einer ganz bestimmten Erinnerung ankam: ein Foto aus dem Jahr 2000. Fünf Mädchen in einem Van in Tokio auf dem Weg zu Castings. Alle jung. Das ganze Leben vor uns. Zwei Jahre später arbeitete eines dieser Mädchen für Jeffrey Epstein.

Sie war jünger als ich und kam aus Polen. Ihren Namen kenne ich heute aus den Medien. Damals war sie nicht meine Freundin, nur eine Kollegin. Meine engste Freundin in dieser Saison war meine russische Roommate Olga.

Wir Mädchen von Zucca verbrachten ganze Tage zusammen in Vans, unterwegs zu Castings quer durch Tokio – sofern wir nicht gerade arbeiteten. Ich war die neunzehnjährige „Erfahrene“ bei der Agentur Zucca – eines der brasilianischen Mädchen, älter als die anderen. Kurz davor, einen der begehrtesten Jobs in Japan zu bekommen: die Chanel-Tour. Der Job, der mir den Umzug nach Deutschland ermöglichen würde.

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Schön und dünn wie Kate Moss

All diese Mädchen gingen später ihren eigenen Weg. Manche verschwanden einfach. Was hatte mich davor bewahrt, ihren Weg zu gehen? Vielleicht trennten uns nur wenige Jahre. Vielleicht eine andere Art von Hunger.

Zwischen 1996 und 2002 reiste ich als Model um die Welt. Ich war gerade fünfzehn geworden, als ich zum ersten Mal nach Japan flog – mit meiner Mutter und einem Vertrag bei Elite Japan in Tokio. Danach wollte ich nur noch alleine reisen. Frei sein. Meine eigenen Entscheidungen treffen. Ich wollte berühmt werden wie Gisele Bündchen, schön und dünn sein wie Kate Moss. Die Modewelt öffnete ihre Arme – und ich sprang hinein.

Ausschnitt aus einem Modelvertrag, Tokio 2000

Ausschnitt aus einem Modelvertrag, Tokio 2000

© Anais Ferreira Furtado

Insgesamt arbeitete ich vierzehn Saisons in Japan – zwischen den Neunziger- und Nullerjahren. Fast drei Jahre meiner Teenagerzeit verbrachte ich dort: in fragmentierten Monaten zwischen Vans, Model-Apartments, Hotels und Partys. Wir waren keine Topmodels. Wir waren die unsichtbaren Models. Die Undermodels. Schönheitsarbeiterinnen einer globalen Industrie im letzten Glanz des japanischen Wirtschaftsbooms.

Um das Jahr 2001, kurz nach dieser Tokio-Reise, wollte ich mit dem Modeln aufhören. Ich hatte elektronische Musik und Raves entdeckt – eine andere Welt, die mich faszinierte und zugleich betäubte. Also stürzte ich mich in eine andere Form von Oberflächlichkeit und glaubte, dort würde alles anders funktionieren. Tat es nicht.

Maßband aus einem 100-Yen-Shop in Japan. Bis heute in der Schublade unserer Autorin.

Maßband aus einem 100-Yen-Shop in Japan. Bis heute in der Schublade unserer Autorin.

© Anais Ferreira Furtado

Die ewige Suche nach Bestätigung

Trotz meiner wachsenden Abneigung gegen die Fashion-Szene flog ich weiter nach Japan. Bis ich mit zweiundzwanzig bei einem Casting in Tokio als „zu alt“ bezeichnet wurde. „Are you tired?“ „No“, sagte ich. „This is my face.“

In diesem Moment begriff ich, dass ich zu alt geworden war, um all das noch lächelnd auszuhalten. Dreißig Jahre nach meinem Einstieg beim „Elite Model Look“ in Brasilien beginnt für mich die Aufarbeitung dieser Zeit: Schuldgefühle beim Essen. Der permanente Vergleich mit anderen. Die ewige Suche nach Bestätigung. Ich machte mir damals pausenlos Gedanken darüber, wie ich aussah. Bauch immer eingezogen. Entspannen konnte ich mich nie.

Jahrelang halfen Zigaretten, Alkohol und Partys dabei, meinen Körper irgendwie am Funktionieren zu halten. „Rauchen macht dünner“, sagten wir und logen uns gegenseitig an. Wie hätte ich meinen Körper genießen können bei der ständigen Sorge, ob ich dünn genug aussah?

Wir waren austauschbar. Zwei Zentimeter mehr – und der Vertrag wäre gecancelt worden. Also weiter hungern. Das Maßband aus dem 100-Yen-Shop liegt noch heute in meiner Schublade.

Eine kleine Kollektion schöner Model-Freunde

Was mich damals vielleicht davor bewahrte, zum Schönheitsobjekt eines mächtigen Mannes zu werden, war meine Gleichgültigkeit gegenüber Reichtum. Ich wollte nicht reich geheiratet werden. Ich wollte begehrt werden. Ich wollte reisen. Abenteuer erleben. Berühmt werden. Und vor allem wollte ich einen schönen Model-Freund haben. Genau das war als Teenager mein Ziel, genährt von all den Zeitschriften, die ich verschlang.

Ich hatte eine kleine Kollektion schöner Model-Freunde. „VIP, VIP, eh eh, VIP – hoy tengo uno, mañana otro.“ Irgendwann verstand ich: Schönheit allein macht mich nicht glücklich.

Vielleicht war es genau diese Naivität, diese Fixierung auf Schönheit selbst, die mich vor den mächtigen Männern bewahrte, die ständig um uns herumkreisten. Ich wurde unzählige Male eingeladen. Ich hätte auf all diesen Partys sein können – auf der Suche nach einer reichen Beute und gleichzeitig selbst zur Beute geworden. Aber ich wollte nicht.

Anaís Furtado kam im Jahr 2000 aus Brasilien nach Deutschland. Nach vielen Jahren in der internationalen Modebranche studierte sie Kulturwissenschaften und Interdisziplinäre Lateinamerikastudien. Heute arbeitet sie als freischaffende Künstlerin und Projektkoordinatorin in der Stadtteilarbeit in Berlin. In ihrer Arbeit verbindet sie persönliche Erfahrungen mit Fragen von Migration, Macht und Zugehörigkeit und beschäftigt sich mit den Spannungen zwischen individuellem Erleben und gesellschaftlichen Narrativen.

Das ist ein Beitrag, der im Rahmen unserer Open-Source-Initiative eingereicht wurde. Mit Open Source geben wir allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten. Ausgewählte Beiträge werden veröffentlicht und honoriert.

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